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Angeln in einem Fjord : Irgendwas in der Tiefe

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Der gefangene Dorsch. Eine Illustration von Sebastian Matthäus Bild: Sebastian Matthäus

Es ist leicht, Tiefkühlfisch im Supermarkt zu kaufen. Was anderes ist es, wenn man dem Dorsch nach dem Angeln in die Augen geschaut hat. Ein Bericht vom Angeln im Fjord.

          Der Sommer begann damit, dass ich an einem Gebirgsbach illegal Forellen fischte. Mein Freund brachte mir das Angelwerfen bei. Der Bach war voll winziger Fischlein, die gierig nach dem Haken schnappten. Sie glänzten wie Pfennige in der Sonne und klimperten im Wasser, wenn wir sie vorsichtig vom Haken lösten.

          Wir waren auf dem Weg zu einer Hütte im Wald, die an einem Fjord lag. Auf Norweger-Art ließen wir unsere Angeln aus dem Autofenster hängen.

          Spät in der Nacht kamen wir an. Wir mussten mit dem Gepäck über ein Moor wandern. Es war dämmrig, denn die Nacht wird im Sommer nie schwarz. Die Holzbohlen quietschten und glitschten unter unseren Füßen. Hinterm Moor lag die Hütte, bewacht von dürren Kiefern, die das Dach kitzelten.

          Auf der Veranda hingen Angeln, standen Stiefel, und eine Angelhose mit Füßen hing zum Trocknen an der Balustrade. Die Füße bewegten sich im Wind, als hinge da ein Mann am Balken. Wir zogen in das kleinste Zimmer und verschliefen den Rest der Nacht im Stockbett. Die Matratzen waren hart und feucht, und draußen sirrte die Kriebelmücke im Strahlungsnebel.

          Am nächsten Tag standen wir unten an den Schären und angelten. Regen hing in seidenen Fäden überm Fjord. Vom Meer kamen Wolken und verschluckten die Tannen am anderen Ufer. Die Kriebelmücken wogten in biestigen Wolken um uns herum.

          Viele Tage standen wir mit den Stiefeln im Tang. Von unten sickerte Salzwasser in die Sohlen, von oben kam der Regen. Die Kriebelmücken krochen uns im feuchten Nacken herum. Wir fingen nichts.

          Ein Fund aus dem letzten Sommer

          Weil die Angelei vom Land aus diesen Sommer mager war, hatte mein Freund beschlossen, an einem sonnigen Tag mit dem Boot die Leine zu legen. Die Leine war ein Tau mit lauter großen Metallhaken. Schön im Kreis lag es zusammengefädelt in einer Tonne. Die Tonne stand im Boot zwischen meinen Füßen und stank nach Fisch. Daneben stand eine Kiste mit alten Makrelen als Köder.

          Ich fuhr langsam mit dem Boot eine gerade Linie, und mein Freund hieb die Makrelen in Stücke und steckte sie an die Haken. Meter für Meter ging die Leine mit den Makrelenstücken über Bord.

          Ich sah, wie die Leine in die Tiefe sank. Vorneweg der schwere Stein, der am Ende befestigt war, dahinter die Makrelenstücke. Schuppen verlierend im Silberregen. Der Stein würde mit einem dumpfen Plumps auf dem Grund zum Liegen kommen, Sand und Schlick aufwirbeln, dann ruhen. Dahinter käme die Leine, die wir mit dem Boot zogen. Sie würde sich am Meeresboden entlanglegen und lauern.

          Dort unten stand der Dorsch. Riesig und hungrig. Mit seinem Maul würde er die Makrelenstücke verschlingen. Dann wäre er in der Falle. Gefangen. Am Haken. Aus. Wir fuhren zurück an Land. Von der Hütte aus konnten wir die Leine nicht sehen. Die Boje, die ankündigte, wo die Leine versunken war, schwamm hinter der Landzunge.

          Die Sonne schien, wir hingen auf der Veranda herum und tranken Kaffee ohne Kriebelmücken, die Sonnenschein hassen. Wir hielten die Füße ins Heidekraut, die Holzbretter waren warm, die Kiefern dufteten, und der feuchte Waldboden dampfte.

          Mein Freund räumte seine Angelkiste aus und fand in der Tasche für Kleinteile vertrocknete Maden. Sie waren letzten Sommer aus der Dose gekrochen und hatten sich in den Stoff gebohrt, in der Hoffnung zu entkommen.

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