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Vietnamesischer Gastronom : Die Sehnsucht des Flüchtlings

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Weniger puristisch als die japanische Küche, weniger exotisch als die thailändische: Vietnamesisches Essen wie das Huhn mit Kurkuma ist zugänglicher. Bild: Manuel Krug

„Monsieur Vuong“ ist über die Grenzen Berlins hinaus längst eine Instanz – aus New York, Tel Aviv, London oder Moskau kommen Angebote rein. Aber die Geschichte des Vietnamesen ist selbst Stammgästen unbekannt.

          Als Erstes steigt einem der Duft der Räucherstäbchen in die Nase, hier an der Alten Schönhauser Straße, mitten in der Mitte Berlins. Man blickt auf, sieht rote Bänke und Tische, die große Tür bringt Glocken zum Klingeln. Und dann gesellen sich Reis, Zitronengras und Koriander zu den Räucherstäbchen. Die Wände leuchten in warmem Orange, ein französisches Chanson begrüßt einen wie einen guten Freund, und ein junger Mann blickt einen mit dunklen Augen an: Willkommen im „Monsieur Vuong“, der wohl bekanntesten vietnamesischen Garküche Berlins.

          „Ich wollte das schaffen, wonach ich mich sehnte, wollte die mir aus Vietnam vertraute Welt auferstehen lassen“, sagt Dat Vuong, der wie viele Asiaten jünger als seine tatsächlichen 40 Jahre wirkt. Sein Restaurant ist wie ein Eintauchen in Aromen, eine Reise nach Vietnam ohne Straßenlärm und Plastikhocker. Und es erzählt eine Geschichte von Flucht und Neuanfang.

          Der junge Mann auf dem Bild an der Wand, das längst zum Markenzeichen des immer gut gefüllten „Monsieur Vuong“ avanciert ist, das ist Dats Vater. Der Blick aus den dunklen Augen ist direkt und offen, die muskulösen Arme selbstbewusst vor der Brust verschränkt. Geboren in der Kaiserstadt Hué, kam Hoangh Vuong nach Saigon, als dort die Lebenslust der goldenen fünfziger Jahre herrschte. Sein Bild ist das charaktervolle Selbstporträt eines erfolgreichen Fotografen mit eigenem Studio, der die Filmstars und Society-Größen seiner Heimat porträtierte und Harley-Davidson fuhr, später aber als Kriegsreporter für die Amerikaner arbeitete.

          Kaltes Land, fremde Sprache, fremdes Essen

          Denn die Geschichte Vietnams ist schließlich von Besatzung und Krieg beherrscht, durch China, Japan, Frankreich, durch die Vietcong, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion. Dat Vuong wurde während der Eroberung des Südens durch den Norden geboren. Seiner Familie drohte die Verfolgung durch die neuen kommunistischen Machthaber; die Familie beschloss zu fliehen. Dafür trennten sich Eltern und Geschwister, nach mehreren Fluchtversuchen und Gefängnisaufenthalten kamen sie als „boat people“ über die Philippinen und dann im Zuge der Familienzusammenführung nach langen Umwegen nach Deutschland.

          Sieben Jahre sollte es dauern, bis die Familie wieder vereint war, im Rheinland. Dat war 14, als er mit diesem Kulturschock zurechtkommen musste: ein kaltes Land, eine fremde Sprache und nicht zuletzt – fremdes Essen.

          „Selbstverständlich bin ich zur Schule gegangen und habe die Sprache gelernt, das war immens wichtig“, sagt er. Einige Jahre suchte er in einem buddhistischen Tempel in Hannover Zuflucht, um sich im neuen Leben zurechtzufinden. Dann luden ihn Freunde nach Berlin ein – „und ich fühlte mich plötzlich wie ein Fisch im Wasser“. Er spürte neue Energie und verliebte sich in diese Stadt. Hier herrschte genau das lebhafte, bunte Chaos, das ihm, wenn auch in ganz anderer Form, aus der Kindheit in Saigon vertraut war. Besonders in jenen Jahren nach der Wende war hier Raum für Experimente und Selbstverwirklichung. Er zog nach Berlin.

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