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Rotweininsel Carnuntum : „Der Wein ist kernig und schön straff“

Ideale Bedingungen: Schon die Römer wussten das milde Klima am südlichen Ufer der Donau zu schätzen. Zu den besten Weinlagen in Carnuntum zählt der Spitzberg. Bild: Dorli Muhr

Carnuntum ist eine kleine und eher unbekannte Weinregion im Osten Österreichs. Wir haben mit dem Ausnahmewinzer Gerhard Markowitsch gesprochen und Zweigelt verkostet.

          5 Min.

          Herr Markowitsch, warum kennt kein Mensch Carnuntum?

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist ein bisschen übertrieben. Aber Sie haben schon recht, viele Leute kennen eher Göttlesbrunn als Carnuntum. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass Göttlesbrunn eine alte, in Österreich bekannte Weinbaugemeinde, Carnuntum aber erst seit 1992 ein eigenes Weinanbaugebiet ist. Hinzu kommt, dass Carnuntum so etwas wie eine Rotwein-Insel im vom Weißwein dominierten Niederösterreich darstellt. Und schließlich umfasst das ganze Gebiet nur 900 Hektar. Ja, und dass mitunter einzelne Betriebe bei den Konsumenten bekannter sind als die Region, hängt sicher auch mit der Entstehungsgeschichte des Gebiets zusammen.

          Die war eine direkte Folge des Weinskandals in Österreich?

          Ja schon, aber es hat nach der Aufdeckung des Skandals 1985 noch ein paar Jahre gedauert, bis sich die Winzer hier zusammengeschlossen haben, um Carnuntum als eigenständiges Gebiet bekannt zu machen.

          Was hatte das mit dem Weinskandal zu tun? Da ging es doch darum, dass einige Produzenten ihre Weine mit Glycol-Alkohol versetzt hatten.

          Der Weinskandal war gewissermaßen der Reset-Knopf für die gesamte österreichische Weinwirtschaft. Er hat mit einem Schlag zu einem großen Umdenken geführt und den Fokus auf die Qualität der Weine gelenkt. Zudem haben wir in Carnuntum zur gleichen Zeit einen starken Strukturwandel erlebt, weg von landwirtschaftlichen Mischbetrieben, hin zu spezialisierten Winzern.

          Welche Rolle hat der Beitritt Österreichs zur EU 1995 gespielt?

          Eine wichtige, würde ich sagen. Entgegen der Negativprognosen wurde der österreichische Markt nach der Öffnung der Grenzen nämlich nicht von ausländischen Weinen überschwemmt. Es ist ganz anders gekommen: Der Marktanteil der österreichischen Weine in der hiesigen Gastronomie ist von 30 Prozent auf heute gut 90 Prozent gestiegen. Das hat damit zu tun, dass sich nach dem Weinskandal die Qualität enorm gehoben hat und dass die Regionalität für die Verbraucher und insbesondere auch im Tourismus immer wichtiger wurde.

          Und dann hat es Anfang der Neunziger ja noch den sogenannten Rotwein-Boom in Österreich gegeben.

          Ja, das hat für uns in Carnuntum schon auch eine Rolle gespielt. Überall im Land haben die Winzer damals damit begonnen, die Erträge zu reduzieren und genau zu schauen, welche Rebsorten wo am besten wachsen. Bis dahin wurde überall in Österreich im Grunde das gepflanzt, was nachgefragt wurde, und nicht das, was in ein bestimmtes Gebiet auch passt. Das hat sich damals geändert, aber ganz ausgestorben ist das Phänomen noch nicht. Zum Beispiel im Weinviertel: Da gibt es Hunderte Hektar mit Zweigelt, obwohl er da überhaupt nicht hinpasst.

          Pionier: Gerhard Markowitsch ist längst auch international bekannt.

          Warum passt er ins Carnuntum?

          Weil der Zweigelt es nicht so trocken mag und Böden liebt, die eine gewisse Grundwasserversorgung haben. Das ist bei uns der Fall, wir haben sandige Lehmböden, die das Wasser gut speichern können. Der Zweigelt ist ein bisserl wie der Merlot. Wenn es ihm zu trocken und zu heiß ist, dann wird er zu voll und irgendwie fade. Aber wenn er genug Feuchtigkeit hat, dann bewahrt er sich seine Kernigkeit und bleibt schön straff.

          Das klingt nach einer anspruchsvollen Rebsorte. Den Ruf hat der Zweigelt aber eigentlich nicht.

          Nun, wir Winzer haben ihn viel zu lange nur als Teil von Cuvées gesehen. Da haben wir alle miteinander ein bisserl selbst Schuld. Aber inzwischen gehen wir ja einen anderen Weg und versuchen, unter der Bezeichnung „Rubin Carnuntum“ mit sortenreinem Zweigelt die Vorzüge der Rebsorte auszuspielen. Als die „Rubin Carnuntum“-Vereinigung 1992 gegründet wurde, hatte sie 25 Mitglieder, heute produzieren mehr als 40 Weingüter „Rubin“-Weine. Die stehen für die gebietstypische Sorte Zweigelt und sind gewissermaßen die Visitenkarte der Region, so wie der Chianti in der Toskana.

          Ist es für eine solche Visitenkarte wichtig, dass es eine Leit-Rebsorte gibt, in der Toskana Sangiovese, in Carnuntum Zweigelt?

          Ich glaube schon. Das macht die Botschaft für den Verbraucher einfacher und klarer.

          Wie würden Sie den Zweigelt denn charakterisieren?

          Die Weine machen im Glas immer sofort einen großen Eindruck: Sie haben eine sehr intensive Farbe, dunkle, kirschige Frucht, viel Saftigkeit und ein eher sanftes Tannin-Kleid. Das sind Weine, die man schon sehr gut antrinken kann, wie wir in Österreich sagen. Lassen Sie uns doch mal einen probieren, ich habe hier meinen Rubin Carnuntum 2015.

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