https://www.faz.net/-hrx-9qvg7

Sektwinzer Klaus Herres : Von der Marne bis an die Mosel

Sektflaschen des Guts im Rüttelbrett – das Rütteln dient dem mechanischen Klären des Sekts bei der Flaschengärung. Bild: Sektgut St. Laurentius

Wohl kein anderer Sektwinzer in Deutschland hat so viele Preise gewonnen wie Klaus Herres aus Leiwen – der aber gar nicht daran denkt, deswegen zum Schaumwein-Snob zu werden. Die Kolumne Geschmackssache.

          3 Min.

          Viele schöne Früchte des Zwischenmenschlichen haben die deutsch-französischen Städtepartnerschaften hervorgebracht, die 1950 mit der jumelage zwischen Ludwigsburg und Montbéliard begannen. Die schönsten Früchte jedoch passen in eine Flasche, perlen im Glas, prickeln auf der Zunge, und das kam so: Ende der siebziger Jahre übernahm der Jungzwangswinzer Klaus Herres mit mehr Herzschmerz als Herzblut das elterliche Weingut in Leiwen an der Mosel und führte damit missmutig eine vierhundert Jahre alte Familientradition fort. Eines Tages tauchte eine Delegation aus Leiwens Schwesterort Le Mesnil-sur-Oger auf, einem der bekanntesten Dörfer der Champagne, in dem mit dem Clos du Mesnil des Hauses Krug der berühmteste aller Schaumweinweinberge liegt. Die deutsch-französischen Versöhnungsfeste fielen nicht allzu trocken aus, und zu später Stunde fragten die Freunde von der Marne, warum die Freunde von der Mosel so gut wie keinen Sekt kelterten. Und da war es um Klaus Herres geschehen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Er stellte das Gut komplett auf perlenden Wein um – gegen den Widerstand seiner Familie –, fuhr bei jeder Gelegenheit in die Champagne, um alles über die „Méthode traditionelle“ zu lernen, kaufte dort seine ersten Maschinen für die Flaschengärung auf dem Flohmarkt, schloss Freundschaften fürs Leben und schoss zu Hause anfangs buchstäblich über das Ziel hinaus. Von seinen ersten hundert Flaschen seien ihm achtzig explodiert, weil der Druck zu hoch gewesen sei, sagt Klaus Herres, der nicht nur aussieht wie der späte Robert De Niro, sondern auch genauso schelmisch lächeln kann. Doch er lernte schnell, verkaufte gut, gewann bei Verkostungen erste Medaillen und wurde mit jeder Prämierung noch ambitionierter, bis aus ihm ein Schaumweinperfektionist geworden war.

          Seele aus Wein, Eltern aus Rebsorten

          Heute ist sein Gut St. Laurentius der vermutlich am höchsten dekorierte Sekthersteller Deutschlands. Seit zwanzig Jahren ist Klaus Herres zudem der Hoflieferant von Schloss Bellevue und hat in dieser Zeit sieben Bundespräsidenten kennengelernt, ein Privileg, das er seinem manchmal aufbrausenden Temperament verdankt: Als er erfuhr, dass man bei den Empfängen des Staatsoberhaupts nur Champagner ausschenkte, schrieb er einen Wutbrief nach Berlin, wurde postwendend zu einer Präsentation eingeladen und genauso umstandslos zum Exklusivlieferanten erwählt, der inzwischen allerdings nur noch für die Hälfte der präsidialen Schaumweine verantwortlich ist, während die andere Hälfte aus wechselnden Weinbaugebieten stammt.

          Weinberge an der Mosel schillern in gelb-grünen Farben.

          Trotz seiner Liebe zur Champagne, deren Bruderschaft ihn 1999 als einzigen Sekthersteller in ihre heiligen Reihen aufnahm, ist es Herres nie in den Sinn gekommen, Champagner zu kopieren. Er will Mosel-Sekt machen, besitzt dafür vierzehn Hektar bester Weinberge zwischen Leiwen und Piesport, hat in den Steillagen Riesling auf Schiefer, in den flachen Rebgärten Burgundersorten auf Lehm und Löss stehen und keltert daraus Sekte, die im Gegensatz zu vielen Champagnern keinen Hehl daraus machen, dass sie eine Seele aus Wein und Eltern aus Rebsorten haben. Sie durchlaufen die klassische Flaschengärung, liegen mindestens achtzehn und meist 24 Monate auf der Hefe, verzichten auf dominante Aromen von Petrol, Brioche oder Nuss, sind eher oxidativ als reduktiv, haben aber auch kein Problem mit einer kraftvollen Frucht, ganz im Gegenteil. „Ich habe achtzig Jahre alte Rieslingreben, die mir eine schöne, reife Frucht schenken. Da wäre es doch Quatsch, sie im Sekt unterdrücken zu wollen“, sagt Herres, der mit grünen Äpfeln im Glas nichts anfangen kann, mit Birne, Quitte, Maracuja oder Litschi aber viel.

          Manchmal sind es auch Himbeeren, Erdbeeren und Pampelmusen wie beim Spätburgunder Rosé, der mit seinem barocken Bouquet jeden Gedanken an perlenden Purismus verscheucht. Die Cuvée aus Burgundersorten ist da deutlich zurückhaltender in der Frucht und trotzdem voller aromensatter Daseinsfreude, ein dichter, intensiver Schaumwein, der nie dick und prall wird. Der Crémant wiederum, eine schmelzend schlanke Cuvée aus Riesling und Burgundern, ist eine elegante Methode, um die deutsch-französische Freundschaft zu begießen, während der Riesling extra brut trotz seiner reifen, exotischen Fruchtaromen gertenschlank bleibt. Der Pinot hingegen badet voller Lebenslust und ohne Rücksicht auf eine Bikinifigur im Bouquet seiner Burgunder, während der Chardonnay herrlich dicht und cremig und trotzdem spritzig und leichtfüßig ist. Und das alles gibt es auch noch zu erstaunlich günstigen Preisen, die deutlich unter jenen bekannter deutscher Prestige-Schaumweine liegen.

          Das Glanzstück der Kollektion ist die Grande Cuvée aus alten Reben der Klüsserather Bruderschaft, die spontan vergoren wird, vier Jahre lang auf der Hefe liegt und ihrem Namen alle Ehre macht: ein großer Schaumwein, der mit seiner opulenten Fruchtigkeit, barocken Lebenslust und durchdringenden Säure eindeutig von der Mosel stammt und kein Champagner-Imitat ist. Das hat Klaus Herres auch gar nicht nötig. Denn bei einem befreundeten Winzer in Le Mesnil-sur-Oger baut er inzwischen seine eigenen Champagner aus, tausend Flaschen, noch nicht mehr, von Rebstöcken, die direkt neben dem Clos du Mesnil liegen. Und es wäre doch gelacht, wenn er der Ikone des Hauses Krug nicht eines Tages das Wasser reichen könnte.

          St. Laurentius Sekt, Laurentiusstraße 4, 54340 Leiwen, Telefon: 06507/3836,

          https://st-laurentius-sekt.de

          In der Sektstuuf empfängt Herres auch Gäste.

          St. Laurentius Sekt, Laurentiusstraße 4, 54340 Leiwen, Telefon: 06507/3836,

          https://st-laurentius-sekt.de

          Weitere Themen

          Ein Einblick in die Berliner Clubszene Video-Seite öffnen

          „Wie eine Droge“ : Ein Einblick in die Berliner Clubszene

          Freiraum und Kreativität sind Berlins Markenzeichen. Das zieht Künstler, Musiker und Clubpublikum aus der ganzen Welt an. Doch die Szene ist im Wandel. Der angesagte Club Griessmuehle und Techno-DJ DVS1 versuchen, die Clubkultur zu retten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.