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Kreative Jung-Brauer : Mehr als nur Pils

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Sie sind anders und das soll man auch sehen: das Team um Brauer Mario Hanel (oben, 3.v. l.) Bild: CREW AleWerkstatt GmbH

Craft-Biere schmecken anders als klassische deutsche Biere, sie sind meist stark gehopft und obergärig und heißen Ale oder IPA. Wer braut so was eigentlich, und warum?

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          Mario Hanel grinst: „Jeder Mann in Deutschland glaubt, von drei Sachen Ahnung zu haben: Von Fußball, Bier und Autos.“ Dann muss er lachen: „Und vielleicht noch von Frauen.“

          Hanel ist Geschäftsführer von „Crew Republic“. Seit vier Jahren braut das Münchner Unternehmen Craft Beer. Der Begriff „Craft Beer“ ist in Deutschland nicht geschützt. Doch in der Szene versteht man darunter Biere jenseits des geschmacklichen Mainstreams von Pils und Export, hergestellt von unabhängigen Bierenthusiasten in kleinen Chargen, meist in angelsächsischer Tradition, stark gehopft und obergärig: Ales beispielsweise oder Indian Pale Ales, die berühmten IPAs.

          Wir stehen in einer Seitenhalle der Station Berlin, dem ehemaligen Postbahnhof unweit des Potsdamer Platzes. Hinter uns, in der Haupthalle, erzeugen ein paar tausend Besucher des Berliner Bar Convents eine Geräuschkulisse, die jedes Interview sinnlos macht. Neben uns, auf den Stufen einer Betontreppe, steht Hanels neustes Produkt: das „X 4.0“, ein Witbier in belgischer Tradition. „Das Thema Bier ist in Deutschland extrem emotional besetzt“, erklärt Hanel. „Jedem, dem du erzählst, dass du Bier machst, fragt sofort nach: Was für Bier? Warum?“

          Der Traum: eine eigene Brauerei

          Wie viele in der Craft-Beer-Szene ist Hanel Quereinsteiger. Nach seinem BWL-Studium arbeitete der gebürtige Tiroler zunächst bei einer Münchener Unternehmensberatung. Dort lernte er den Rheinländer Timm Schnigula kennen. Beide nahmen sich ein Sabbatical, erkundeten auf Reisen die Mikrobrauerei-Szene in Australien und den USA und beschlossen, ihren bisherigen Job hinzuschmeißen, um sich einen Traum zu erfüllen: die eigene Brauerei.

          „Wir waren damals knapp unter 30, hatten beide keine Freundin und haben gesagt: Vollgas!“, erinnert sich Hanel. Ihr Motiv: den Deutschen zu zeigen, dass Bier mehr ist als Pils, Helles und Weißbier, dass es andere, aufregende Biere gibt jenseits des geschmacklichen Einerleis, das aus deutschen Zapfhähnen sprudelt.

          Die beiden Unternehmensberater gingen gründlich vor, besuchten einen Braukurs, schrieben eifrig mit, stellten Fragen und kauften sich einen Braukessel. In ihrer gemeinsamen Wohnung begannen sie herumzuexperimentieren, ließen sich Malz- und Hopfensorten aus Übersee schicken, die in Deutschland nicht zu bekommen sind.

          2011: Geburt des ersten eigenen Babies

          „Unser Ziel war es, ein Pale Ale zu machen, das klassische Craft Beer aus Amerika, das sehr hopfenlastig ist und eine bittere, ausgeprägte Aromatik hat“, erzählt Hanel. Nach zahlreichen Versuchen und Verkostungspartys mit Freunden waren sie schließlich am Ziel.

          2011 bringen Hanel und Schnigula ihr erster eigenes Bier auf den Markt, das „Foundation 11“, ein klassisches Pale Ale, das von einer Privatbrauerei in der Nähe von Landshut hergestellt wird. Es wird nach Art des Hopfenstopfens mit fünf Hopfensorten gebraut. Das macht es enorm aromatisch.

          Die Craft-Biere werden meist in angelsächsischer Tradition und kleinen Chargen produziert

          Nach dem erfolgreichen Start von „Foundation 11“ erweitern die beiden Start-up-Unternehmer schnell ihr Sortiment, produzieren ein IPA und ein Double IPA, das mit sportlichen 8,3 Prozent Alkoholgehalt aufwartet. Zugleich kreieren sie ein Bier für Einsteiger, das wunderbar süffige „Summer Beer“. Mario Hanel trägt Jeans, dazu ein graues T-Shirt. Er ist eloquent, dabei entspannt und locker. Man spürt den ehemaligen Unternehmensberater. Vokabeln wie „Cashflow“ und „Turnaround“ gehen ihm locker über die Lippen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.

          Beim Leeren der Witbierflaschen kommen wir zwangsläufig auf das deutsche Reinheitsgebot zu sprechen. Ein heikles Thema, das in der Craft-Beer-Szene umstritten ist. Streng genommen, ist das „X 4.0“ in unseren Händen kein Witbier. Das wird traditionellerweise mit Orange und Koriander aromatisiert. In Deutschland ist das jedoch nicht erlaubt. Der charakteristische Geschmack des „X 4.0“ wird daher ausschließlich über verschiedene Hefestränge hergestellt. Daher darf es sich „Bier“ nennen.

          Es geht auch anders: Mehr Zutaten, mehr Kreativität

          Entsprechend entspannt sieht Hanel die Situation. „Im Grunde“, betont er, „ist das Reinheitsgebot nichts anderes als ein riesiges Marketingtool der Getränkeindustrie.“ Aber gerade hierin sieht er die Chance zu zeigen, dass mit Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser sehr viel mehr möglich ist als die geschmackliche Uniformität des deutschen Durchschnittsbiers.

          Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Wendelin Quadt, Gründer und Geschäftsführer von „Kuehn Kunz Rosen“. Auch er fühlt sich der Grundidee des Reinheitsgebotes verpflichtet. „Die steht letztlich dafür, dass man nur reine Zutaten verwenden soll“, so Quadt. Aber: „In unserem Witbier verwenden wir Koriander aus biologischem Anbau, weil in Belgien dieser Stil schon seit Hunderten von Jahren so gebraut wird. Die Beschränkung auf vier Zutaten ist überholt.“

          Mit seiner großen schwarzen Brille und seinen kurzen grauen Haaren sieht Wendelin Quadt eher aus wie der Seniormanager einer Werbeagentur. Anders sein Partner und Braumeister Hans Wägner, der mit seinem imposanten Bart auch in einem Harley-Davidson-Club eine gute Figur machen würde. Quadt kommt eigentlich aus der IT-Industrie. Bier, erzählt er, habe ihn allerdings schon immer fasziniert. Auf Geschäftsreisen in den USA und in England lernte er die dortigen Craft-Biere kennen.

          Schließlich kaufte er sich eine Brauausrüstung - und stellte sie erst einmal für 15 Jahre in den Keller. „Aber nach 30 Jahren in einem großen Unternehmen kommt es einfach zu Abnutzungserscheinungen“, resümiert der ehemalige Manager. „Und irgendwann kommt der Punkt, an dem du dich fragst: Du wolltest doch mal . . . ?“ Also begann er, sich autodidaktisch in das Thema Brauen einzuarbeiten, studierte Fachliteratur und besuchte Seminare bei der Berliner VLB. Dort lernte er Hans Wägner kennen.

          Biere in der Gastronomie? „Da ist noch viel Potential“

          Gemeinsam entwickelten sie das Konzept von „Kuehn Kunz Rosen“. Der Name ist eine Hommage an Kunz von der Rosen. Der war Berater am Hof des deutschen Königs und späteren Kaisers Maximilian I. und für seinen Wagemut und seine Kühnheit bekannt. Verbunden mit diesem Bekenntnis zur Unkonventionalität ist zugleich die Besinnung auf die deutsche Brautradition.

          „Unser erstes Bier war das Kerlig Hell, ein untergäriges Bier mit einem fruchtigen Hopfen“, erklärt Quadt, „bei dem wir versucht haben, einen deutschen Stil weiterzuentwickeln.“ Allerdings schreie der Markt nach IPAs, weshalb sie auf dem Bar Convent nun ihr „Mystique IPA“ vorgestellt hätten, ein Weizen Pale Ale.

          Dennoch zielen die Produkte des Mainzer Unternehmens auf eine breitere Kundschaft jenseits der harten Craft-Beer-Szene. „Es gibt an vielen Stellen einen Trend zu handwerklichen, individualisierten, hochwertigen Produkten, die sich vom Mainstream abheben“, erläutert Quadt. „Und gerade im gastronomischen Umfeld fehlt es an erstklassigem Bier. Da ist noch viel Potential.“

          Ganz nach dem eigenen Geschmack

          „Allerdings“, betont der gebürtige Siegburger, „bin ich nicht den ganzen Tag mit Businessplänen beschäftigt.“ Und in seinem rheinischen Singsang fügt er hinzu: „Uns geht es vor allem darum, Spaß zu haben und mit Leidenschaft bei der Sache zu sein.“

          Mit Enthusiasmus dabei sind auch Adrian Draschoff und Matthias Piegsa, die beiden Macher von „Schädelbräu“. Sie sind keine Bierbrauer und wollen auch keine werden. Sie sehen sich als Bierliebhaber, die ihr eigenes Lieblingsbier entworfen haben und vermarkten. „Schädelbräu“ hat daher auch nur eine Sorte im Angebot, und die ist kein Ale oder Stout, sondern ein Lager - allerdings ein sehr gutes.

          Begonnen hat alles vor vier Jahren. Da standen die beiden Studenten in einem Kiosk vor gut dreißig Biersorten und stellten fest, dass sie keine hundertprozentig anspricht. „Irgendwas hat immer gestört: das Design, die Flasche oder der Inhalt“, erzählt Piegsa, „das wollten wir ändern.“ Und Draschoff ergänzt: „In diesem Sinne hatten wir nie ein Konzept, sondern wir haben einfach das Bier entwickelt, das unserem Geschmack entspricht - und nicht das, von dem wir denken, dass andere es kaufen wollen.“

          Schädelbräu oder Summer Beer?

          Dass die Gründung von „Schädelbräu“ mit dem beginnenden Craft-Beer-Boom zusammenfiel, war reiner Zufall: „Wir mussten erst mal nachschlagen, was Craft Beer überhaupt ist“, lacht Piegsa. Mit der szeneüblichen Fachsimpelei über Hopfensorten und Aromahefen können die beiden daher auch wenig anfangen. „Uns ging es darum, dass das Bier gut schmeckt, nicht darum, wie es hergestellt wird“, betont Piegsa, und es klingt nicht einmal aufgesetzt.

          Allerdings sind die beiden Jungunternehmer alles andere als unbedarft. Das wird einem spätestens dann klar, wenn sie erzählen, wie sie nebenbei eine eigene halbautomatische Gegendruckabfüllanlage gebaut haben, da die von ihnen verwendeten Flaschen für die in Deutschland üblichen Anlagen zu flach sind.

          Bleibt die Frage nach dem Namen. Wieso „Schädelbräu“? „Das war zunächst einmal eine ironische Idee“, räumt Piegsa ein, „aber irgendwann haben wir uns gedacht, wir können uns diese Ironie erlauben, wir dürfen das.“ Wir nehmen einen kräftigen Schluck aus dem knuffigen Fläschchen mit dem roten Etikett. Es ist tatsächlich lecker, sehr lecker sogar. Ja, die beiden sympathischen Jungs dürfen das.

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