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Bar-Hopping 2.0 : Gemeinsam Trinken ohne Ansteckungsgefahr

  • -Aktualisiert am

So kann ein Abend in der Teledrinking-Bar aussehen: Gründer der Plattform Martin Ferfers beim Online-Kneipenabend. Bild: Screenshot/Martin Ferfers

Wenn die Bar geschlossen ist, muss man eben zu Hause weiter trinken – das dachte sich zumindest Martin Ferfers und gründete kurzerhand die erste Teledrinking-Bar. Teilnehmen kann jeder.

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          Es ist knapp eine Woche her, seitdem das Coronavirus das gesellschaftliche Leben infiziert und es weitestgehend zum Stillstand gebracht hat, seitdem es „auf jeden von uns“ ankommt, seitdem Menschenansammlungen verboten sind und Bars geschlossen bleiben. #wirbleibenzuhause ist in diesen Tagen ein Statement für gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein, nicht für Spießbürgertum. Der Zwangsurlaub mag entspannt klingen, die Kollektiv-Quarantäne kann aber Gift für unser Gemüt sein. Soziale Isolation, die auf unbestimmte Zeit angesetzt ist, schafft nicht nur Unsicherheit, sondern auch Einsamkeit. Man hat sich nicht bewusst für den Samstagabend auf der Couch entschieden, sondern wurde fremdgesteuert, fest getackert in den eigenen vier Wänden. Wegen Sars-CoV-2 werden Geburtstage und WG-Partys abgesagt. Soll man die Weinflasche, die eigentlich als Geburtstagsgeschenk gedacht war, nun alleine trinken?

          Die sozialen Medien haben in diesen Tagen eine veränderte Funktion. Martin Ferfers hat das erkannt. Aus einer persönlichen Enttäuschung entwickelte er eine Idee: „Ich hatte meine Kumpels ewig nicht gesehen, wir haben uns fürs Wochenende in einer größeren Gruppe verabredet, das mussten wir absagen.“ Ferfers, der beruflich im Start-Up-Bereich tätig ist, wollte nicht auf unbestimmte Zeit auf ein Bier mit seinen Kumpels verzichten. Vergangene Woche gründete er deshalb die erste Teledrinking-Bar der Welt. Das Konzept ist simpel: Über eine Internetseite können sich bis zu zwölf Menschen gleichzeitig einwählen. Der Eintritt ist frei. Und das Sortiment? Alles, was der heimische Spirituosenschrank hergibt. „Soziale Distanz darf nicht zu emotionaler Distanz führen“, sagt Ferfers. Die Bar sei ein Versuch, ein Stück Normalität zu erhalten. Sie sei außerdem eine Chance, denn normalerweise würden sich Menschen, die sich dort begegneten, im realen Leben niemals treffen. „Plötzlich war da ein 65 Jahre alter Franzose“, sagt Ferfers. Man unterhalte sich über die aktuelle Situation – natürlich – aber eben nicht nur.

          Bei solch einem Abend in der Teledrinking-Bar treffen sich auch Menschen, die sich vorher nicht kannten.

          Das Coronavirus scheint die Gesellschaft zu verändern. Die neue Situation trainiert die Phantasie und lässt uns die Wichtigkeit von Freundschaft und sozialer Interaktion neu spüren. Vor allem in unruhigen Zeiten sehnen sich Menschen nach Sicherheit, einem stabilen sozialen Netz und vor allem nach Gemeinschaft. Das Internet kann dies, zumindest zum Teil, bieten. Online Drinking wird den gemütlichen Bar-Abend nicht ersetzen können – die schummrige Atmosphäre und der aufregende Geruch nach „wir lassen uns treiben und schauen, was die Nacht so bringt“ können virtuell nicht hergestellt werden.

          Gläser klirren nicht durch Bildschirme hindurch und auch in der Teledrinking-Bar kann man sich nur selbst auf die Schulter klopfen. Trotzdem: In Zeiten, in denen Distanz und Durchhaltevermögen so wichtig waren wie nie, ist die virtuelle Zusammenkunft die beste Möglichkeit, der Einsamkeit zu entfliehen. Normalität kann bis zu einem gewissen Grad künstlich erschaffen werden. Bis die Bars und Kneipen dieser Welt wieder öffnen, muss man sich eben virtuell zuprosten – dabei kann der Online-Stream eines Clubs gehört werden. Und außerdem fällt der beschwerliche Heimweg weg. „Irgendwann ist es eine witzige Abweichung vom Normalen“, sagt Ferfers über seine Online-Bar und wirft da schon einen Blick auf eine Zeit, in der man sich auch offline wieder treffen kann. Wann auch immer das sein wird.

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