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Berlin : Die Delis sind da

  • -Aktualisiert am

„Candy on Bone“: Sandwich und Salat werden in dem Kreuzberger Deli zu Leckerbissen einer neuen Glaubensgemeinschaft. Bild: Daniel Pilar

Von jüdischen Einwanderern in New York erfunden, kommen Delis nun auch zu uns. Drei Berliner Beispiele für kulinarische Assimilation.

          7 Min.

          Jerry Seinfeld scheint ein guter Glücksbringer für das frisch eröffnete „Louis Pretty“ zu sein. Als einziges Bild im Lokal hängt die Autogrammkarte des jüdisch-amerikanischen Stand-up-Comedians und seiner „Seinfeld“-Serienkameraden an der Wand. Das Foto, unterschrieben und gerahmt, erinnert auf bizarre Weise an eines dieser Herrscher- oder Heiligenporträts, die so oft in Läden hängen, und von denen je nach Kulturkreis der Papst, der amerikanische Präsident oder eine arabische Königsfamilie lachen. Hier in Kreuzberg, vor einer satt leuchtenden orangefarbenen Wand, erscheinen die vier Darsteller, deren Sitcom „Seinfeld“ in den Neunzigern Kult war, als ironische Ikone und Insiderwitz zugleich.

          Es ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Mit einem Humor, der als Inbegriff jüdisch-amerikanischen Witzes gilt, erzählt Serienheld Seinfeld in jeder Episode einen Schwank aus seinem New Yorker Leben. So erfährt der Zuschauer, dass Seinfeld Pastrami-Sandwiches liebt, die er bevorzugt im „Second Avenue Deli“ isst. Die Handlung der Serie ist nur halb fiktiv, und so gab es diesen Ort wirklich - und nach einer Dekade, in der er geschlossen war, an neuem Ort wieder. Seinfeld erwähnte das „Second Ave Deli“ in gleich mehreren Episoden - und machte es bekannt in ganz Amerika und der halben Welt.

          Jüdische Mafiosi als Namensgeber

          Witz und Glanz dieser popkulturellen Ikone könnten auch auf das „Louis Pretty“ abstrahlen. Denn die Autogrammkarte von Seinfeld spielt auch auf das an, was der Betreiber Oskar Melzer hier gemeinsam mit seinen Partnern, den Frankfurter Gastro-Brüdern James und David Ardinast, macht: Pastrami. Geräuchertes und gewürztes Fleisch meist vom Rind, ein echter Deli-Klassiker in jüdisch-amerikanischer Tradition.

          So wie das von den drei Unternehmern vor ein paar Jahren eröffnete „Maxie Eisen“ in Frankfurt ist auch das „Louis Pretty“ nach einem jüdischen Mafioso benannt; ein weiterer Ableger in Hamburg ist gerade in Planung. Tische mit Swimmingpool-Aufdruck, rosafarben gepolsterte Sitzbänke, eigens vom Frankfurter Designlabel e15 angefertigte Nussbaumstühle und die leuchtenden Wände erinnern an amerikanische Diner im Palm Springs der fünfziger Jahre. Auf den Tisch kommt dann aber das New Yorker Würzfleisch, das als Rindfleischprodukt ursprünglich koscher und halal ist, also von jedermann zu konsumieren und auch deshalb so erfolgreich in Amerika. Hier wird es mit Roggenbrot, Krautsalat, Salzgurke und Senf angeboten. Koscher wie im „Second Ave Deli“ ist das Fleisch nicht - dafür aber schön sauer und saftig.

          Deli-Konzept kommt in Berlin an

          Von Pastrami versteht Oskar Melzer viel, er ist sogar eine Art Pastrami-Pionier. 2012 eröffnete er gemeinsam mit Paul Mogg das „Mogg & Melzer“ in Berlin-Mitte, damals Vorreiter jüdisch-amerikanischer Küche. Vom Mogg & Melzer hat er sich mittlerweile gelöst, dem Konzept bleibt er treu. Etabliert ist Pastrami noch längst nicht: Bis heute sind die Sandwiches bei uns recht selten. „In Deutschland kennt man diese Küche noch nicht lang“, sagt Melzer, „aber auf einmal poppen die Delis auf wie Sand am Meer.“

          Auf das Konzept des Delis nach amerikanischem Vorbild scheint Berlin wirklich Hunger zu haben. Viele Interpretationen des Gastro-Konzepts, alle trendbewusst, entstehen gerade in der Stadt. Vielleicht, weil die Delis deutsche Wurzeln haben. Jüdische Einwanderer eröffneten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Delicatessen, ursprünglich kleine Läden mit angeschlossenem Imbiss in New York, die sich auf jüdische Lebensmittel, fertig zubereitete Gerichte und koscheres Fleisch in rauen Mengen spezialisierten, das sich die Einwanderer hier endlich leisten konnten.

          Delikatessen werden zu Fast-Food

          Nachfolgende Generationen, die in Amerika geboren wurden, bauten das Restaurantkonzept weiter aus und zogen bald nicht mehr nur die jüdische Gemeinschaft an. Für viele Touristen gehört der Besuch der bekannten Delis heute einfach zu einem New-York-Besuch. Vor allem das schon 1888 eröffnete „Katz Delicatessen“ ist Kult. Zu verdanken hat es das dem Film „Harry & Sally“, dessen berühmteste Szene hier gedreht wurde. Heute stöhnt man aber nur, weil man wegen der Sandwiches mit den gigantischen Fleischpacken schlicht überfordert ist.

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