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Deutsche Wurst in London : Can I have a, eh, Bratwurst?

  • -Aktualisiert am

Sie sind „Herman ze German“: Azadeh Falakshahi und Florian Frey Bild: Jonas Hermann

Briten mögen keine deutsche Wurst. Sie lieben sie. Das fanden zwei Badener heraus, die heute in London zwei Lokale in bester Lage betreiben – mit Ware aus dem Schwarzwald und deutscher Selbstironie.

          Wir geben uns nicht zu erkennen und bestellen auf Englisch, aber die junge Frau hinter der Theke fragt gleich, ob wir Deutsch sprechen. Erstaunt, wie sie das so schnell gemerkt hat, nehmen wir Platz an einer Biergarnitur. Mitten in London sitzt man hier, doch es gibt Bratwurst, Currywurst und „Pommes spezial“, dazu Paulaner oder Rothaus. Auf einer Tafel neben der Theke steht groß „Prost!“, die Karte spricht von „Fräulein“ und „Black Forest“. Ohrenbetäubender Klischee-Alarm?

          Immerhin bleiben einem Volksmusik und Trachten erspart. Der Trick ist eben, das Klischee zu bedienen, aber nicht zu überdehnen. Dann kann man in London ein deutsches Wurstlokal aufmachen, es „Herman ze German“ nennen und den Gaumen der Briten erobern. Seit drei Jahren rauscht der Gästestrom, und im August öffnete eine zweite Filiale im Stadtteil Soho.

          Die Currywurst muss dauerhaft auf die Karte

          All das kann Azadeh Falakshahi unmöglich ahnen, als sie im Jahr 2005 nach Brighton zieht, um dort Fotografie zu studieren. Bei einem Sommerbesuch in ihrer südbadischen Heimat lernt sie Florian Frey kennen, einen gelangweilten Friseur und schon bald ihr Freund. Die beiden wollen nichts überstürzen, doch ein Jahr später schneidet Florian Frey Brightoner Haare.

          In der Mittagspause plagt ihn die Lust auf deutsche Wurst. Ein Kofferraum voller Wurstwaren aus der Heimat soll das Problem lösen, bringt aber ein neues: Die britischen Freunde bitten um Wurstpakete, welche Falakshahi und Frey bald trolleyweise nach England importieren. Ein Pub bekommt Wind von der Sache, die beiden beliefern den Wirt, und der ruft eine „deutsche Woche“ aus. Schnell ist klar: Die Currywurst muss dauerhaft auf die Karte.

          Mit dem „th“ tun die Deutschen sich schwer – doch bei der Wurst macht ihnen niemand was vor

          Im selben Gebäude wie der Pub sitzt eine Agentur, die fragt, ob Falakshahi und Frey die Würste auf einem Musikfestival anbieten wollen. Die beiden leihen sich Geld und ersteigern einen Verkaufswagen. Für die Würste bleibt ihnen nichts. Frey ruft in der Heimat an, bei der Metzgerei Hug aus dem südbadischen Steinen, und sagt: „Christoph, wir brauchen eine Palette Wurst und haben keine Kohle.“ Christoph Hug spielt mit und schickt auf Kredit sechstausend Würste über den Ärmelkanal.

          Was dann geschieht, beschreibt Frey als Sensationserfolg. Bevor die Klappe des Wurstmobils offen ist, stehen die Festivalbesucher Schlange. Den beiden wird buchstäblich die Bude eingerannt. Ihr Lockmittel: ein Metallschild mit Wurstlogo auf dem Wagendach. „Das Logo ist superwichtig“, sagt Azadeh Falakshahi. Ein angesehener Designer entwarf es für einen symbolischen Preis. Den Kontakt zu ihm hergestellt hatte eine gemeinsame Freundin.

          Mit der Hilfe von Freunden

          London-Soho, Samstag Nachmittag: völlige Reiz- und Menschenüberflutung. In den Pfützen spiegeln sich exotische Restaurants und Sexshops wider. Auffallen ist hier schwierig, daher erstaunt es umso mehr, was sich vor der „Herman ze German“-Filiale abspielt. Etwa alle zwanzig Sekunden halten Menschen inne, sprechen den Namen vor sich hin, lachen, grinsen, gucken verdutzt. Die Namensidee lieferte ein Freund von Frey, der in England studierte und dort stets „Herman the German“ genannt wurde – ein britischer Universalspitzname für Deutsche. Das „ze“ hat der Logo-Designer eingeschmuggelt. Es parodiert die legendär schlechte „th“-Aussprache der Deutschen.

          Wenn sie über ihr Lokal reden, haben Falakshahi und Frey ein Dauerleuchten in den Augen. Und sie verhehlen nicht, dass bei jeder wesentlichen Wendung Freunde den Impuls gaben oder eine helfende Hand reichten. Einmal steckte darin ein großzügiger Scheck. Ein vermögender Freund von Frey sagte ihm: „Hör zu, du gehst zum besten Immobilienmakler in London und sagst, du willst das beste freie Ladenlokal haben. Ich zahle.“

          „Imported from the Black Forest“: Wurst-Infos im „Herman ze German“

          Mitten in London eröffnen Falakshahi und Frey ein paar Monate später „Herman ze German“. Zuvor haben sie zwei Jahre lang auf Festivals getestet, wie Länge und Dicke sein müssen, damit der Brite schon beim Anblick überzeugt ist, in eine Qualitätswurst zu beißen. Die ersten Wochen sind hart. Der Ansturm ist enorm, die Wartezeiten auch, denn die zwei sind zu langsam. Die meisten Kunden möchten die Würste zum Mitnehmen haben, doch das Einpacken funktioniert genauso schlecht wie die Abluftanlage.

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