https://www.faz.net/-hrx-8hl0e

Kulturgeschichte : Essen ist fertig, Deutschland!

  • -Aktualisiert am

Beim Essen, so sagt ein amerikanischer Historiker, sei der Deutsche fünf Personen in einer: Esstisch, Modell „Air“ von Jasper Morrison. Bild: Flora Press

Entgegen aller Klischees ist uns Deutschen gutes Essen wichtig – und teuer. Was das Lieblingsgericht der Deutschen ist und was Sie sonst schon immer über Essen wissen wollten.

          Das Klischee, die Deutschen äßen, um zu überleben, und seien einfach nicht in der Lage, zu genießen wie etwa ihre französischen Nachbarn, hört man immer wieder. Doch als es bei einer Befragung vor einigen Jahren darum ging, wofür die Deutschen ihr Geld bevorzugt ausgeben, stand gutes Essen ganz oben auf der Liste, gefolgt von Wohnen, Reisen und Kleidung. Die 12,4 Prozent, die die Deutschen von ihrem verfügbaren Einkommen für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke ausgeben, liegen geringfügig hinter dem Anteil, den die Franzosen dafür bereitstellen, sind aber etwa doppelt so hoch wie jener der Amerikaner.

          Um gleich noch mit einem weiteren Vorwurf aufzuräumen: Entgegen allen landläufigen Erwartungen essen wir keinesfalls immer schneller und hastiger. Der durchschnittliche Zeitaufwand fürs Essen ist in den zehn Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung um 21 Minuten auf insgesamt eine Stunde und 43 Minuten täglich gestiegen, und diese Zeit wird größtenteils zu Hause verbracht. Und an den Wochenenden verbringen wir Deutschen im Durchschnitt über zwei Stunden täglich beim Essen.

          Auch die traditionelle Mahlzeitenstruktur besteht weiterhin: Zwei Drittel der Bevölkerung frühstücken zwischen sechs und neun Uhr, essen zwischen zwölf und zwei Uhr zu Mittag und zwischen sechs und acht Uhr zu Abend. In Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, verschiebt sich die Hauptmahlzeit auf den Abend, da nicht einmal ein Fünftel mittags in einer Kantine oder Mensa isst.

          Männer sind eher Autodidakten in der Küche

          Doch kochen wir Deutschen überhaupt noch? Viele meinen, wir säßen lieber vor dem Fernseher und schauten anderen dabei zu. Doch die Wahrheit lautet: Wir kochen viel lieber selbst, statt Convenience-Produkte oder Fertiggerichte zu kaufen, und wir tun dies verstärkt, wenn das Geld knapp ist. Zwei Drittel aller Frauen und ein knappes Drittel aller Männer gibt an, gut oder sehr gut zu kochen. Frauen haben das Kochen meist von ihrer Mutter gelernt, während sich Männer eher als Autodidakten bezeichnen. Fernsehen, Zeitschriften und andere Medien hingegen folgen als Vorbilder erst an fünfter (Frauen) beziehungsweise sechster Stelle (Männer).

          Es stimmt aber, dass Fernsehkochshows seit den neunziger Jahren sehr populär sind. Die Shows lassen sich als ultimative Inkarnation des alten römischen Erfolgskonzepts panem et circenses interpretieren – Brot und Spiele, um das Volk bei Laune zu halten. Formate wie „Ready, Steady, Cook“/„Kochduell“ oder „Hell’s Kitchen“/„In Teufels Küche mit Gordon Ramsay“ wurden aus Großbritannien übernommen (wie es bei vielen Arten von Fernsehshows üblich ist); andere wurden in Deutschland entwickelt, wie etwa „Alfredissimo“ von Vorreiter Alfred Biolek, „Die Kochprofis“ oder Tim Mälzers „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“. Eines kommt bei allen deutlich zum Ausdruck: Die gesellschaftliche Stellung der Köche hat sich seit den Neunzigern grundlegend geändert, und für ambitionierte Küchenchefs scheinen zu einer erfolgreichen Marketingkampagne inzwischen nahezu selbstverständlich auch Bücher und eine Fernsehshow zu gehören.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          AfD-Chef : Gauland will den Verfassungsschutz abschaffen

          Die AfD-Parteijugend zieht Konsequenzen aus der Einstufung als „Verdachtsfall“ durch den Verfassungsschutz und ändert ihre Satzung. Und AfD-Chef Gauland spricht sich für die Abschaffung der Behörde aus – wegen ihres Gutachtens über seine Partei.
          Alain Finkielkraut, der französische Philosoph, wird in Paris von den „Gelbwesten“ rassistisch beschimpft

          Antisemitismus bei „Gelbwesten“ : „Ich habe einen absoluten Hass gespürt“

          Demonstranten der „Gelbwesten“-Bewegung beschimpften in Paris den Philosophen Alain Finkielkraut unter anderem als „Drecksjuden“. Bei der Gruppe sei Antisemitismus sehr verbreitet, sagte der Intellektuelle im Nachhinein. Nicht alle verurteilten die Übergriffe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.