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Deutsche Currywurst : Für den Heißhunger der Nacht

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Experte Tim Raue beschreibt Curry in drei Worten: „Zart, nichtssagend, Nachtmahlzeit.“
Experte Tim Raue beschreibt Curry in drei Worten: „Zart, nichtssagend, Nachtmahlzeit.“ : Bild: Pein, Andreas

Zweiter Treffpunkt: Im Herzen des Imperiums

„Curry 36“, das Stammhaus am Mehringdamm 36, täglich 9 bis 5 Uhr. Verkoster: Tim Raue.

Der Urberliner und Sternekoch hat mit 40 Jahren viel gewachsenen Charakter zu bieten. Er führt mit seiner Frau das Restaurant „Tim Raue“ und betreut außerdem das „Sra Bua“ im Hotel Adlon und ein Szene-Lokal, das „Soupe Populaire“. Curry in drei Worten ist für ihn: „Zart, nichtssagend, Nachtmahlzeit.“ Das Gericht habe in einer Restaurantküche selbst in aufgehübschter Form nichts zu suchen, sagt er.

„Curry 36“ ist die vielleicht bekannteste Adresse ihrer Art, zwischen einer Spielothek und einem Biersalon gelegen und längst Teil eines stadtumspannenden Curry-Imperiums. Das hat die Qualität der „Original Currywurst“, des Renners im umfangreichen Angebot, nicht unbedingt gefördert. Kurz vor zehn ist es hier belebt, Touristen mischen sich mit Kreuzberger Lokalszene, doch die Schlange gegenüber beim Gemüse-Kebap-Stand ist deutlich länger. „Das war früher besser“, befindet Raue, der hier schon als Schüler Proviant aufgenommen hat.

Der Sternekoch kritisiert, die Zwiebeln (die für ihn unbedingt dazugehören) seien vollständig ungewürzt. Die Sauce würde auch als einfacher Ketchup durchgehen, das Brötchen ist von der üblichen weiß-weichen Stangen-Art. Raue isst die Curry prinzipiell „ohne“ und ist durchaus schon mit Rosé-Champagner dazu gesichtet worden. „Currywurst“, sagt er, „schmeckt sowieso am besten spätnachts mit Alkohol im Blut. Früher bekam man nachts in Westberlin gar nichts anderes mehr zu essen!“

Thomas Kammeier: „Wir mögen dazu gern auch so eine leichte Bratensauce.“
Thomas Kammeier: „Wir mögen dazu gern auch so eine leichte Bratensauce.“ : Bild: Pein, Andreas

Dritter Treffpunkt: Bei den Soße-Künstlern

„Kudamm 195“, ebendort, täglich 11 bis 5 Uhr, Freitag und Samstag bis 6 Uhr, Sonntag ab 12 Uhr. (Zweite Dépendance unter der Brücke am Bahnhof Friedrichstraße.) Verkoster: Thomas Kammeier.

Kammeier leitet seit Jahren erfolgreich besternt die Küche des „Hugos“ im Intercontinental. Der Endvierziger stammt aus dem Ruhrpott, lebt seit fast 20 Jahren in Berlin, outet sich aber in Sachen Curry als überzeugter rheinischer Lokalpatriot. Trotzdem lauten seine drei Curry-Worte: „Steht für Berlin.“ Denen er erklärend hinzufügt: „Meistens in Verbindung mit übermäßigem Alkoholkonsum.“

Was an dieser gepflegten, alteingesessenen Adresse keineswegs heißt, dass es nötig wäre, sich die Wurst hier schön oder schmackhaft zu trinken: Nein, sie hat Charakter, ohne sich vom Mainstream zu verabschieden. Die Sauce ist für Kammeier „die beste in Berlin, würde aber in Schermbeck“ – in seiner alten Heimat – „nur als fruchtiger Ketchup durchgehen. Wir mögen dazu gern auch so eine leichte Bratensauce.“ Das Brötchen, nun ja, ist ein Brötchen. Serviert wird das Ganze auf trödelbunt gemischten Porzellantellern und Pergamentpapier, mit buntem Plastikgäbelchen. Das Publikum ist hier tendenziell von der feineren Art, kommt vor dem Kino und nach dem Theater, zur Mittagspause aus dem Büro und für den Heißhunger der Nacht, zu Fuß oder mit dem Porsche.

Was fiel auf? Vor nicht allzu langer Zeit gingen Berliner Spitzenköche demonstrativ gerne Currywurst essen, manch einer hatte Edelvarianten der Wurst auf der Karte. Dieser Hype scheint sich gelegt zu haben. Trotzdem gehört die Ketchup-Wurst-Kombo zum regionaltypischen Ambiente. Je niedriger die Alkoholpromille im Blut, desto auffälliger die Qualitätsunterschiede – was umgekehrt meist bedeutet: Je später der Abend, desto mehr spielt die Atmosphäre die Hauptrolle und verdrängt Textur und Aromen. So ist das in Berlin, Sterne hin oder her.

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