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Cocktail aus Italien wird 100 : Wie der Negroni zu seinem Namen kam

Wohl der einzige Drink, dessen Name auf einen Grafen zurückgeht: Der Negroni feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Bild: Wonge Bergmann

Hart, bitter und süß: So schmeckt der Drink, der seinen Namen einem italienischen Grafen verdankt: dem Negroni zum Geburtstag.

          Der Mann muss ein Teufelskerl gewesen sein. Groß gewachsen und von schlanker Statur, gut aussehend mit markigen Zügen und einem beeindruckenden Schnurrbart, ein weltgewandter Zeitgenosse, der gerne Melone und Zylinder trug und sich in bester Gesellschaft zu bewegen wusste. Aber das war nur die eine Seite des Grafen Camillo Negroni. Andererseits war er ein unerhörtes Rauhbein, das sich im Wilden Westen als Rinderzüchter, Rodeoreiter und Kartenspieler durchschlug und als Verführer, Playboy und Salonlöwe einen zweifelhaften Namen machte. Vor allem aber war er Zeit seines Lebens dem Genuss ergeben - und das machte ihn schließlich und endlich weltberühmt.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es gibt nicht viele klassische Cocktails, deren Ursprung bekannt ist. Noch weniger, die nicht auf einen Barkeeper zurückgehen. Und wohl nur einen, der einen Grafen als Namensgeber hat: den Negroni. Er ist vielleicht der italienischste aller Cocktails, ein Drink für die Ewigkeit, der selbstbewusst und würdevoll alle Moden und Trends überdauert hat und zu seinem 100. Geburtstag so jung, frisch und animierend wirkt wie in jenen fernen Tagen, als der abenteuerlustige Conte Camillo Negroni ihn zu seinem Lieblingsgetränk erkor und sich von seinem Arzt bald sagen lassen musste, er solle es doch bitte nicht übertreiben und nicht mehr als 20 Gläser des knallroten Stimmungsaufhellers am Tag zu sich zu nehmen.

          Im Grunde ist der Negroni an Schlichtheit kaum zu überbieten. Seine drei Bestandteile - Gin, Campari und Wermut - werden zu gleichen Teilen auf Eis gemixt und mit einem Orangenschnitz garniert. Das ist alles. Kein Soda, kein Tonic, kein Fruchtsaft, keine Infusionen oder Bitterspritzer. Kein Klimbim! Die Kombination ist denkbar simpel, aber hochprozentig und sehr aromenstark. Die drei Bestandteile machen die Mischung rund und vollmundig: Alkohol und botanische Noten liefert der Gin, Süße und Kräuteraromen der Wermut und schließlich feine Bitterkeit der Campari. So entwickelt der leuchtende Drink im Glas eine geradezu magische Anziehungskraft, der schon der Graf nicht widerstehen konnte.

          Ein flüssiges Abbild des Lebens

          Erfunden hat den Negroni allerdings nicht der Conte Negroni selbst, sondern Fosco Scarselli, der Barkeeper im „Caffé Casoni“, einem Lokal im Herzen von Florenz, das heute den Namen „Caffé Giacosa“ trägt. Dort machte auch der Graf Bekanntschaft mit dem Drink, der zugleich hart, bitter und süß ist - und damit ein flüssiges Abbild des Lebens. 1868 in der Nähe der Renaissance-Stadt geboren, war der abenteuerlustige Conte 1912 mit Mitte 40 nach vielen aufregenden Jahren in Amerika und Kanada in seine Heimat zurückgekehrt. Ab und an reiste er noch durch Europa. Aber immer, wenn er in Florenz war, kehrte er im "Caffé Casoni" ein - und bestellte den damals überall in Norditalien populären Americano, einen Mix aus Campari, Wermut und Sodawasser, den der Graf, wann immer möglich, auch in der Neuen Welt getrunken hatte, weil er ihn an seine italienische Heimat erinnerte.

          Der Negroni war vor 100 Jahren der Lieblingsdrink des Conte Camillo.

          Die Geburtsstunde des Negroni-Cocktails schlug schließlich, als der trinkfreudige Aristokrat den guten Fosco Scarselli eines Tages bat, ihm doch bitte etwas Stärkeres als den üblichen Americano zu servieren. Der Barkeeper, ein etwas schüchterner, aber eleganter und vor allem höflicher Mann, überlegte nicht lange und ersetzte das Sodawasser kurzerhand durch Gin und die im Americano übliche Zitronenzeste durch eine Orangenscheibe. Geboren war der Negroni!

          Das war im Jahr 1919 - zumindest hat Scarselli das Rezept und den Namen in jenem Jahr notiert. Und es war der Beginn eines Siegeszugs, in dessen Verlauf sich der Negroni seinen Platz im Cocktail-Geschichtsbuch neben anderen Klassikern wie dem schon 1750 kreierten Gin Fizz oder dem um 1800 erfundenen Old Fashioned sicherte. Unverändert geblieben ist in den 100 Jahren seit Scarsellis Geistesblitz hinter der Theke des "Caffé Casoni" die klassische Mischung des Negroni: Praktisch unersetzlich ist der ebenfalls schon seit einem Jahrhundert in Italien geliebte knallrote Likör Campari, der wegen seiner ausgeprägten Bitterkeit gerne für Longdrinks und Cocktails verwendet wird. Dazu kommen Gin und roter Wermut, je nach Geschmack des Bartenders von unterschiedlichen Herstellern - die Auswahl ist in Zeiten des Gin-Booms und der Wermut-Renaissance heute größer denn je.

          Allerdings, und auch das gehört zur Erfolgsgeschichte des Negroni, sind über die Jahrzehnte zahlreiche Varianten entstanden. Einige davon haben sich sogar als eigenständige Drinks etabliert: der Boulevardier, bei dem der Gin durch Bourbon ersetzt wird, ebenso wie der Negroski, der mit Wodka statt Gin gemixt wird, oder der Tegroni, bei dem Tequila in die Mischung kommt. Sehr populär ist vor allem in Italien der Sbagliato, der "falsche Negroni". Er ist Anfang der Siebziger angeblich aus Versehen entstanden, als ein Mailänder Barkeeper Schaumwein statt Gin mit Campari und rotem Wermut mixte. Populär ist diese Form vor allem als Aperitif - wohl auch, weil er nicht ganz so alkoholreich ist wie der Klassiker.

          Trotz seines scheinbar unantastbaren Mischungsverhältnisses fordert der Negroni die Kreativität von Barkeepern in aller Welt heraus. Manche ersetzen für ihre Varianten den Wermut durch Sherry, andere durch Portwein, andere nehmen statt Gin lieber Genever, Pisco oder sogar Rum, wieder andere experimentieren mit Fernet-Branca, Cynar oder Aperol als Ersatz für Campari. An der "Negroni Week" nehmen jedes Jahr Tausende Bars in aller Welt teil und präsentieren unzählige Interpretationen des Originalrezepts. Sieben Tage lang, dieses Jahr vom 24. bis 30. Juni, bringen sie ihre Versionen des Klassikers für einen guten Zweck unter die Leute. So macht das Trinken doppelt Spaß. Dem Grafen hätte es gefallen.

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