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Karten von Weinbergen entdeckt : Napoleons Vermächtnis

Mit Schraffen und Weinbergen: eine der nun entdeckten Karten Rheinhessens Bild: Staatsbibliothek zu Berlin

Vor 200 Jahren trafen in Berlin die letzten Blätter eines umfangreichen Kartenwerks ein, das Napoleon für militärische Zwecke in Auftrag gegeben hatte. Jetzt wurden die Karten der rheinischen Landschaft wiederentdeckt. Sie zeigen auch die Weinberge.

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          Im Dezember 1816, vor genau 200 Jahren, wurde das Ende des französischen Kriegsimperiums auch in kartographischer Hinsicht besiegelt: In Berlin trafen die letzten Blätter eines umfangreichen Kartenwerks ein, das Napoleon selbst in Auftrag gegeben hatte.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Schon im Jahr 1804 hatten französische Ingenieurgeographen damit begonnen, mit Hilfe der Triangulation ein Dreiecksnetz über jenes Gebiet links des Rheins zu legen, das Frankreich 1801 im Frieden von Lunéville annektiert hatte. Dann ging es ins Terrain. Von Nord nach Süd und von West nach Ost sollte das gesamte Gebiet der nun auf ewig französischen „quatre Départements réunis“ topographisch aufgenommen und auf Kartenblätter übertragen werden.

          Karten nach Stand der Wissenschaft

          Oberst Jean Joseph Tranchot, der Leiter des topographischen „Buereaus“ in Aachen, hatte den Auftrag schriftlich: Fortschreibung der für militärische Zwecke ausreichenden „Cassini“-Karte bis an den Rhein, Maßstab 1:86400. Doch Napoleons Befehl war ihm herzlich egal.

          Tranchot ließ Kartenblätter anfertigen, die dem Stand der Wissenschaft entsprachen. Die ersten entstanden im Maßstab 1:10000, dann 1:20000. Napoleon tobte, als er die ersten Karten zu Gesicht bekam. Für rein militärische Zwecke war der Maßstab in der Tat viel zu groß. Doch Blatt um Blatt entstand ein detailgetreues Bild der rheinischen Landschaft.

          „Weiße Flecken“ wurden erschlossen

          Natürlich kamen die Ingenieurgeographen mit dieser Arbeit viel langsamer voran, als es dem Kaiser lieb sein konnte. Und als das Imperium 1814 zusammenbrach, lagen zwar mehr als 300 handkolorierte Kartenblätter vor. Aber mehrere Gebiete zwischen der Grenze zu den Niederlanden und den ehemals kurpfälzischen Territorien im Süden waren noch immer weiße Flecken. Im unvollendeten Zustand gelangte das Kartenwerk, wie der Friedensvertrag aus dem Jahr 1814 bestimmte, in die Obhut des Großen Preußischen Generalstabs. Und wie man damals den Gegner behandelte: Im Pariser „Dépot de la Guerre“ hatten die Franzosen die Karten noch kopieren dürfen.

          Die Preußen, die neuen Herren über den größten Teil der vormaligen vier französischen Départements links des Rheins, verloren keine Zeit. Unter Leitung des späteren Generalfeldmarschalls Friedrich Carl Freiherr von Müffling wurden die fehlenden Territorien vermessen und entsprechende Karten gezeichnet. Die neue preußische Provinz Westfalen wurde gleich mit vermessen. Um das Jahr 1828 war die erste moderne topographische „Landesaufnahme“ abgeschlossen.

          Als Quelle unersetzbar

          Die Öffentlichkeit bekam das Tranchot-/von Müfflingsche Kartenwerk im 19.Jahrhundert nie zu sehen. Es diente militärischen Zwecken und war deshalb nur dem Preußischen Generalstab zugänglich. In dessen Kartensammlung blieben sie fast 100 Jahre, ehe sie – infolge einer Bestimmung des Versailler Vertrages von 1919 – „zivilisiert“ und der Kartensammlung der heutigen Staatsbibliothek „Unter den Linden“ eingegliedert wurden. Dort liegen sie noch heute. Ganz unentdeckt blieben sie in Berlin nicht.

          1930 dienten sie als Grundlage einer „Wald-, Kultur- und Siedlungskarte der Rheinprovinz“, in den siebziger Jahren wurden die „preußischen“ und „nassauischen“ Karten von einigen Geologischen Landesämtern (in oft schlechter Qualität) nachgedruckt. Manche kann man heute auch im Internet ansehen. Gerühmt werden sie nicht nur wegen ihrer Schönheit. Als Quelle sind sie für Fragen wie die nach der naturräumlichen Gliederung, dem Straßennetz, der Siedlungsstruktur und auch der Bodennutzung im Rheinland vor 200 Jahren unersetzbar.

          Rheinhessen nur teilweise kartiert

          Schaut man genau hin, ist auch der Umfang der Weinberge vor gut 200 Jahren erkennbar. Anders gesagt: Tranchot und von Müffling haben das erste und somit älteste topographische Kartenwerk der Welt geschaffen, das auch die Weinkultur berücksichtigt. Und das am Rhein, an der Ahr, an der Mosel und an der Nahe, sogar im seit 1815 nassauischen Rheingau.

          Was ist mit Rheinhessen, das in diesem Jahr als Region auf eine zweihundertjährige Geschichte zurückblickt? Im größten Teil des heutigen Rheinhessens und der Pfalz hatten die Ingenieurgeographen mit der Arbeit noch nicht begonnen, als es mit der napoleonischen Herrschaft zu Ende ging. Die neuen Landesherren – in Hessen-Darmstadt der Großherzog, in dem bayerischen Rheinkreis der König in München – verfolgten das Projekt „topographische Landesaufnahme“ nicht mehr. Preußische Offiziere kartierten noch einige Regionen Rheinhessens. Dann war Schluss. Reinzeichnungen wurden nicht mehr angefertigt. Doch wenn eines noch farbig hervorgehoben wurde, dann die Weinberge.

          Das gute Dutzend „rheinhessischer“ Blätter des Tranchot-/von Müfflingschen Kartenwerks haben mit Ausnahme von zweien noch nie das Licht der Welt erblickt. Erst jetzt sind die „fehlenden“ Kartenblätter geortet worden – wieder in der Kartensammlung der Staatsbibliothek „Unter den Linden“.

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