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Verschwendung von Lebensmitteln : In Dresden gibt’s zu viele Ananas

  • -Aktualisiert am

Überfluss: „Ich war total überrascht, wie gut es funktioniert hat.“ Bild: Baptiste Dubanchet

Der Franzose Baptiste Dubanchet radelt quer durch Europa und isst nur das, was andere weggeworfen haben. Hungern muss er dabei nicht – im Gegenteil.

          5 Min.

          Als sich Baptiste Dubanchet am 15. April in Paris auf sein Rad setzte, hatte er alles eingepackt, was man für eine große Tour braucht: Schlafsack, Taschenlampe, Helm, Handschuhe, ja sogar ein Solarladegerät. Nur eines hatte er nicht dabei: Proviant. Es war aber kein Versehen, sondern pure Absicht – es war das Konzept seiner Reise.

          Der 25-jährige Franzose – sportlich, kurze dunkle Haare, Vollbart – wollte einen spannenden Versuch wagen: Auf der ganzen Fahrt, quer durch Europa, wollte er nichts einkaufen, sondern sich nur von dem ernähren, was Supermärkte, Restaurants und Bäckereien eigentlich wegwerfen wollen. Mit seinem Projekt „La faim du monde“ (Der Hunger der Welt) will er beweisen, wie verschwenderisch wir Europäer leben und wie viele Lebensmittel jeden Tag in die Tonne geworfen werden, obwohl sie noch genießbar sind. Anfangs waren 3.000 Kilometer geplant, daraus wurden 4000. Seine Radtour führte Dubanchet durch Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Deutschland. Mit einem Abstecher über Tschechien radelte er schließlich Anfang Juli nach Warschau.

          Ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung

          In der EU fallen jährlich pro Kopf ungefähr 180 Kilogramm Lebensmittelabfälle an; der Großteil davon wäre noch essbar. Nach einer Studie der Europäischen Kommission gehen ein Drittel der weltweit erzeugten Lebensmittel verloren oder werden weggeworfen, bevor sie konsumiert werden. Angesichts dieser Zahlen will die EU bis 2020 die Lebensmittelverschwendung in Europa halbieren. Doch wo beginnen? Über 40 Prozent der Abfälle produzieren die privaten Haushalte. Und wer im Restaurant oder in Großküchen isst, muss damit rechnen, dass dort fast die Hälfte der Speisen im Müll landet. Das hat kürzlich das Umweltbundesamt bekanntgegeben.

          Gegen solche Zahlen muss man ein Zeichen setzen, fand Dubanchet. Nach seinem Uni-Abschluss in nachhaltiger Entwicklung war er einige Monate durch Lateinamerika und Asien gereist. Dort sah er viele Menschen, die nicht genug zu essen hatten; aus Europa kannte er das nicht. Und so kam der Mann aus Bourges auf die Idee, sich über zehn Wochen nur von Weggeworfenem zu ernähren. Dubanchet ist ein freundlicher Mensch, offen und reflektiert. Wenn das Gespräch nach einem Witz wieder auf das Thema Verschwendung von Lebensmitteln zurückkommt, dann wird er schnell ernst. Aus seiner Stimme ist herauszuhören, wie wichtig es ihm ist, dass die Menschen ein Bewusstsein für das Problem entwickeln. Er bleibt aber immer ruhig und sachlich, so wütend er ist.

          Als Baptiste Dubanchet losfuhr, war eine Tour von 3000 Kilometern geplant – es wurden 4000

          Containern und Couchsurfing

          Vor seiner Reise habe er nie Essen aus der Mülltonne von Supermärkten gefischt, erzählt Dubanchet. „Ich wusste so gut wie nichts übers Containern.“ Eigentlich, so findet er, sei das Mülltauchen – betrieben von Bedürftigen, aber auch von Konsumverweigerern und politischen Aktivisten, die eine Botschaft haben – keine nachhaltige Lösung für das Verschwendungsproblem. Es habe sich zwar gut geeignet, um zu beweisen, welche Massen an Essen unnötig weggeworfen werden – aber sinnvoller sei es, zu vermeiden, dass das Essen überhaupt in einer Tonne lande.

          Während seiner Tour fand er über die Plattform „couchsurfing.org“, auf der weltweit hilfsbereite Menschen einen Schlafplatz anbieten, Unterschlupf sowie Kontakt zu Einheimischen, mit denen er auch manchmal gemeinsam auf die Suche nach Essbarem ging. Einladungen zum Dinner von seinen Gastgebern habe er aber strikt abgelehnt, sagt er. Fand sich keine Couch, zeltete er einfach im Freien.

          Um seinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, wollte Dubanchet die Strecke ausschließlich mit dem Rad meistern: „Das bringt mich auch in Kontakt mit der Natur und der Umgebung.“ Nachteil: Durch die anstrengenden und oft langen Wege verbrauchte er viel Energie. Deshalb waren sein erstes Ziel in einer neuen Stadt stets die Mülltonnen der örtlichen Supermärkte. „Vor meiner Tour hatte ich richtig Angst, dass ich hungern würde. Mental habe ich mich darauf vorbereitet, ohne etwas im Bauch zu haben weiterzuradeln“, erzählt er. „Dann war ich selbst total überrascht, wie gut das funktioniert hat.“

          Tropische Spezialitäten aus der Mülltonne

          Gehungert habe er eigentlich nie. Vielmehr sei es oft schwer gewesen, sich zu entscheiden, was er von all dem Weggeworfenen denn mitnehmen sollte: „Ich musste mich manchmal zusammenreißen. Denn oft wollte ich instinktiv nur das leckere Essen einpacken, habe mich dann aber für das Gesunde, Energiereiche und Haltbare entschieden.“ Auf seinem Blog „lafaimdumonde2014.com“ berichtet Dubanchet von Sandwiches, die ihm ein Restaurant kurz vor Ladenschluss schenkte. Nach ein paar Tagen seien die in seinen Taschen aber geschimmelt; er konnte manchmal gar nicht so viel essen, wie er bekommen hat.

          Achtzig Prozent von dem, was er auf seiner Grand Tour der Nachhaltigkeit zu sich nahm, waren Grundnahrungsmittel wie Brot, Früchte oder Gemüse. Hauptsächlich ernährte er sich vegetarisch, ab und an gab es Käse oder Ei. Aber bei seinen Touren entlang der Mülltonnen dieses Kontinents fand er auch immer wieder tropische Spezialitäten. So konnte er sich in Dresden drei Ananas sichern, bevor eine Supermarktangestellte ihn vertrieb.

          Viele Firmen, so erzählt Dubanchet, hätten eine strenge Politik: Man dürfe nichts verschenken, heißt es dann. Selbst wenn das Essen noch in Ordnung sei. Bei einigen Supermärkten waren die Mülltonnen gleich mehrfach verschlossen, beispielsweise in Tschechien. Trotz dieser Richtlinien hätten einige Mitarbeiter von Supermärkten ihm ein Abendbrot organisiert – und damit ihren Job riskiert.

          Besonders fiel ihm unterwegs auf, wie viel Nahrung offensichtlich nur wegen einer beschädigten Verpackung oder eines seiner Meinung nach irrelevanten Ablaufdatums im Müll gelandet war. Die Ausmaße dieser Verschwendung sind auch deshalb bemerkenswert, weil weltweit mehr als 800 Millionen Menschen hungern müssen. Das Wegwerfen von Lebensmitteln ist aber nicht nur ein ethisches Problem: Für die Produktion des letzten Ende überflüssigen Essens werden nämlich unnötig Ackerflächen und Wasservorräte in Anspruch genommen und umweltschädliche Pestizide und Dünger ausgebracht.

          Projekt weckt weltweites Interesse

          In Deutschland sei es generell sehr einfach gewesen, Essen zu finden, erzählt der junge Franzose: „Dort gibt es eine richtige Kultur des Containerns.“ Vor allem in Berlin. Einmal sei ein Mitarbeiter eines Supermarktes herausgekommen, um ihm mitzuteilen, wann er den Müll rausbringen werde – damit die Lebensmittel nicht zu lange in der Sonne stehen. Auch hatte der Lebensmitteltourist regelmäßig Erfolg damit, die Besitzer der Supermärkte anzusprechen und ihnen das Projekt zu erklären. Sie fanden das unterstützenswert und schenkten ihm die Lebensmittel, die sonst wenige Minuten später in der Tonne gelandet wären.

          Anders lief das in Düsseldorf. Obwohl seine Gastgeber sich mit ihm aufmachten und für Dubanchet übersetzten, fand sich kein Supermarkt, dessen Chef ihm entgegenkommen wollte. Als er sich dann am frühen Morgen auf den Weg zur Mülltonne eines dieser Läden machte, fand er dort dieselben Sandwiches, die ihm einige Stunden zuvor noch verwehrt worden waren.

          In Frankfurt angekommen, musste er feststellen, dass schon ein paar andere vor ihm auf Essensjagd gewesen waren. „An einem Sonntag ist es immer schwierig“, schreibt er auf seinem Blog. In Darmstadt machte er auf Einladung einer Couchsurferin Rast; sie zeigte ihm die Website „foodsharing.de“, auf der Leute angeben können, wenn sie Brot übrig haben oder die Äpfel vom Baum nicht alle selbst verputzen können; auch Händler und Produzenten können überschüssige Lebensmittel verschenken. „Teilen statt wegwerfen“: Von diesem System war Dubanchet sofort begeistert.

          Die Rückmeldungen zu seinem Projekt sind ermutigend: Nicht nur europäische Medien berichteten. Journalisten aus Vietnam, Korea, Japan, Russland und den Vereinigten Staaten baten um Interviews. Jetzt aber müsse er sich erst einmal ausruhen, sagt Dubanchet. Ähnliche Projekte seien zwar noch nicht geplant – es hätten sich aber einige Amerikaner und Engländer gemeldet. Vielleicht bricht er also bald zu einer neuen Tour auf. Das Ergebnis glaubt er schon zu kennen: „Egal, in wie vielen Ländern ich das mache und wie viele tausend Kilometer ich fahre – Verschwendung wird es überall geben.“

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