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Taiwanische Identität : Heimat im Glas

  • -Aktualisiert am

Taiwan muss kämpfen, um international gesehen zu werden, meint unser Autor. Mit ihrem Bubble-Tea-Geschäft in Berlin trägt Tung Wan-ju einen Teil dazu bei. Bild: Jens Gyarmaty

Bubble Tea ist eines der wenigen Symbole moderner taiwanischer Identität, die es auf die globale Bühne geschafft haben. Über schwierige Gefühle und ein politisches Getränk.

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          Ende April hat Chung Chia-pin dem stellvertretenden Außenminister Taiwans in einer Staatsratssitzung einen Vorschlag gemacht. „Wie sieht die Welt Taiwan?“, hatte der Abgeordnete der linksliberalen Regierungspartei DPP rhetorisch gefragt und war zu dem Schluss gekommen, momentan sei man international für zwei Dinge bekannt: Atemschutzmasken und Bubble Tea.

          Gerade hat Taiwan zehn Millionen Masken nach Europa geschickt, eine Million davon an Deutschland. Das war zwar gute Werbung für den ostasiatischen Inselstaat, aber Masken sind zurzeit nun mal pandemisch konnotiert. Könne man, fragte Chung den stellvertretenden Minister also, nicht künftig eine stilisierte Abbildung eines Bechers Bubble Tea auf den Umschlag des taiwanischen Reisepasses drucken?

          Bubble Tea ist Taiwans Nationalgetränk. Das sollte keine kontroverse Aussage sein, aber es ist eine. Nicht aus kulinarischen Gründen – das Rezept ist einfach: eisgekühlter Milchtee, meist auf Assam- oder Oolong-Basis, mit Tapiokaperlen und Sirup –, sondern aus politischen. Nationalgetränke können naturgemäß nur Nationen haben, und fragt man die Groß- und Mittelmächte der Erde, ob Taiwan eine sei, führen sie semantische Tänze auf, um China, das Taiwan als Teil seines Territoriums sieht, nicht zu verärgern. Zuletzt kam Regierungssprecher Steffen Seibert, in der Bundespressekonferenz auf Taiwan angesprochen, das Wort „Taiwan“ gar nicht erst über die Lippen. Der Zugang zur Weltbühne ist dem 24-Millionen-Einwohner-Staat daher oft verschlossen. Taiwan muss kämpfen, um international gesehen zu werden. Es muss seine Bilder pflegen und in die Welt tragen.

          Vom Regenschirm-Land zur Tee-Nation

          Was also ist die Ikone des Taiwanischen? Ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk? Nachfrage bei Chung Chia-pin, der seine politische Laufbahn in den achtziger Jahren als Demokratieaktivist begann und sogar mal Vizegeneralsekretär der DPP war. „Das Bild eines Landes ändert sich mit der Zeit, so wie Menschen in ihrer Jugend verschiedene Spitznamen haben“, schreibt der Fünfundfünfzigjährige per Mail. Früher sei Taiwan als „Umbrella Kingdom“ bekannt gewesen; jahrzehntelang wurden dort zwei Drittel der Regenschirme der Welt produziert. „Dann nahm man uns für unsere Computer wahr, später für unsere Fahrräder. In jüngerer Vergangenheit hat sich Taiwan mit Baseball einen Namen gemacht. Aber heute ist das Erste, was den Leuten zu Taiwan einfällt, Bubble Tea.“

          Das Getränk selbst ist älter als die taiwanische Demokratie. Ein Teegeschäft in der Westküstenmetropole Taichung behauptet, 1987 als Erstes Tapiokaperlen in Milchtee serviert zu haben. In der südlich gelegenen Stadt Tainan will man schon 1986 darauf gekommen sein. Im selben Jahr wurde, nach fast 40 Jahren Kriegsrechtsherrschaft der Kuomintang (KMT), mit der DPP die erste Oppositionspartei gegründet. Bubble Tea stehe sinnbildlich für das sich öffnende Taiwan jener Zeit, sagte die taiwanische Ernährungshistorikerin Tseng Pin-Tsang kürzlich im Interview mit CNN, das anlässlich des „National Bubble Tea Day“ am 30. April (einer Erfindung einer amerikanischen Bubble-Tea-Kette), über die Geschichte des Getränks berichtete. Bubble Tea, so die Historikerin, sei zum „Symbol für taiwanisches Selbstbewusstsein und taiwanische Identität“ geworden.

          Mit der Diaspora kamen die Teegeschäfte, die in Taiwans Großstädten heute eine Dichte haben wie Dönerläden in Berlin-Kreuzberg, schließlich nach Australien, Amerika, Großbritannien. In Singapur ist das Getränk derart beliebt, dass sich kürzlich lange Schlangen vor Bubble-Tea-Läden bildeten, als wegen der Corona-Pandemie vorübergehende Schließungen angekündigt worden waren.

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