https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/biobauer-ueber-die-vielfalt-und-den-geschmack-der-tomate-16750779.html

Biobauer im Interview : „Tomaten schmecken ohne Salz“

  • -Aktualisiert am

Die meisten Züchtungen kommen aus Russland, Deutschland und England, unter anderem die Amish People brachten sie in die Vereinigten Staaten, wo sie weiter gezüchtet worden sind. Es gibt auch viele Züchtungen aus Amerika selbst, aber nahezu keine aus Spanien, Italien oder Griechenland, wo man das erwarten würde. Sorten wie „Brandy-wine Red“ aus Amerika und „Henderson’s Pink Ponderosa“, die aus Schottland in die Vereinigten Staaten gekommen ist, sind im 19. Jahrhundert gezüchtet worden. Ich würde die Definition von alten Sorten aber weiter fassen.

Wie?

Manche Sorten sind noch nicht besonders alt, sondern vielleicht erst vor 30 Jahren gezüchtet worden. Aber sie sind keine Hybridtomaten. Sondern sie sind für mich auch alte Sorten.

Das müssen Sie erklären, bitte.

Gekauftes Saatgut ist heute in der Regel Hybridsaatgut, das auf perfekte Eigenschaften und höhere Erträge gezüchtet ist, aber nicht weiter vermehrt werden kann. Auch aus Gemüse aus dem Supermarkt kann man im ersten Jahr vielleicht noch neue Früchte ziehen, dann wird es immer unwahrscheinlicher, dass noch etwas wächst. Die großen Saatguthersteller wollen nicht, dass man privat oder als Erzeuger selbst Saatgut vermehrt, weil sie die Monopole auf das Saatgut haben. Was wir machen, wenn wir Tomaten vermehren, hat schon mit einem gewissen Rebellentum zu tun: Bei uns kann man aus allen Tomaten Samen ziehen und sie weiter vermehren. Wir machen unser eigenes Saatgut und sind unabhängig. Gemäß EU-Norm dürfte ich die Sorten, die ich anbaue, nicht als Gemüsepflanzen verkaufen.

Bekommen Sie keinen Ärger?

Die EU würde sich keinen Gefallen damit tun, das zu verbieten. Es wäre Willkür, und in der Landwirtschaft ist die Verdrossenheit gegenüber der EU ohnehin schon groß. Die Saatgut-Shops sind da kreativ. Bei „Irinas Tomaten“ steht zum Beispiel immer dabei, dass die Sorten ausdrücklich als Sammelobjekte oder Zierpflanzen verkauft werden und dass sie nicht zu Genusszwecken verwendet werden dürfen. Mit der Bemerkung, dass das kulinarisch sehr schade wäre.

Woher kommt Ihr Saatgut?

Meine Sorten sind seit Jahrzehnten zusammengetragen. Als ich angefangen habe, war es schwierig, Saatgut zu finden. Am Anfang habe ich auch welches aus den Staaten und Australien bestellt. Heute ist eine große Bewegung entstanden, Samen werden privat, auf Märkten und im Internet verkauft, manche Websites haben 1000 Sorten im Angebot. Wenn jemand im Ausland auf dem Land aufgewachsen ist und die Eltern Tomaten anbauen, lasse ich mir welche mitbringen, das sind dann „heirloom“, also Erbstück-Tomaten, die von Generation zu Generation vererbt werden.

Welche Vorteile haben alte Sorten?

Sie sind robuster. Ich habe den Eindruck, nach rund 20 Jahren, in denen ich Tomaten anbaue, haben sie sich an unser Klima angepasst. Ich verzichte auf Spritzmittel, nehme nicht einmal die zugelassenen Biomittel; trotzdem haben unsere Tomaten keine Krankheiten.

Wie sind die alten Sorten eigentlich verdrängt worden?

Zum einen durch die Globalisierung. Alte oder generell nicht industrielle Sorten sind nicht uniform und ertragreich genug. Es ist wie bei den Salatgurken, die müssen nach EU-Norm geformt sein, damit sie in die Maschinen passen, in denen sie verarbeitet werden. Unsere Pflanzen tragen sechs bis acht Kilogramm Früchte pro Pflanze, bei den sogenannten „Hollandtomaten“ sind es 40. Bevor das Industriegemüse überhandgenommen hat, haben kleine Betriebe und Privatpersonen Tomaten gezüchtet und darauf geachtet, dass sie einen guten Geschmack hinkriegen. In der Industrie geht es um Masse.

Heute sind Bauernmärkte wieder beliebt, Sterneköche entdecken alte Gemüsesorten, sogar im Supermarkt begegnen einem manchmal Ochsenherztomaten, also eine alte Sorte.

Die aber keine richtigen Ochsenherzen sind, sondern in Wirklichkeit Fleischtomaten. Eine Ochsenherztomate muss aussehen wie ein Herz. Da nutzt man den guten Ruf der Ochsenherztomaten als Verkaufsargument. Die aus dem Supermarkt schmecken aber nach nichts. Das Interesse an alten Sorten ist aber wirklich größer geworden. Bei kleinen Biobetrieben kann man heute alte Tomatensorten kaufen, übers Internet findet jeder seinen local dealer. Ich wünschte, dass es das auch bei anderen Früchten gäbe. Bei Kartoffeln und Äpfeln gibts nicht so viele Freaks, die herumexperimentieren. Da geht die Vielfalt immer mehr verloren.

Weitere Themen

Topmeldungen

„Helden Russlands“: Putin stößt mit Soldaten nach ihrer Auszeichnung am 08. Dezember 2022 im Kreml an.

Russlands Ukrainekrieg : Prosit für Putin

Moskaus Gerichte verurteilen einen Oppositionellen nach dem anderen. Und Russlands Präsident verleiht Auszeichnungen wie am Fließband. Weiterhin behauptet der Kreml, auf dem einzig richtigen Kurs zu sein.
Eklatanter Lernrückstand in den Grundschulen

Schlechte Leistungen : Die Grundschulen brauchen Hilfe

Viele Grundschüler können nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Wie können ihre Leistungen verbessert werden? Eine Fachkommission hat Vorschläge gemacht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.