https://www.faz.net/-hrx-7vxps

Berliner Spitzenrestaurants : Schon mittags leuchten die Sterne

  • -Aktualisiert am

Tim Raue bei der Arbeit Bild: dpa

In den Sternerestaurants der Hauptstadt macht sich ein Trend bemerkbar: Neuerdings geht man auch mittags essen. Und es ist nicht mehr nur die Elite, die dort speist. Über die neue Berliner Gourmetszene.

          2 Min.

          In Berlin kann man sich fühlen wie im Sternhimmel: Schon 13 Restaurants haben vom Michelin-Führer mindestens einen Stern bekommen. Was wäre aber die Hauptstadt, wenn sie nicht dauernd neue Trends servieren würde? Neuerdings geht man nämlich nicht nur abends in die Restaurants „Vau“, „Fischers Fritz“, „Tim Raue“ oder den „Pauly Saal“, sondern gerne schon am Mittag. Warum auch nicht? Die Zeit des Fast-Food-Lunches ist vorbei. Selbst in den Großküchen von Großkonzernen gibt es heute Salate, saisonale Gemüsesuppen und exotische Hülsenfrüchte statt der Klassiker Schnitzel, Bockwurst und Pommes.

          Die Elite kann sich eine Nachmittags-Trägheit einfach nicht mehr leisten. Und weil die Kunst des Kochens in Unternehmerkreisen mittlerweile genauso gern gesehen wird wie das sinnstiftende Kunstwerk im Büro, bieten Berliner Sterneköche mehrgängige Gerichte nun auch um die Mittagszeit. „Der Trend zum gesünderen Leben macht auch vor dem Mittagessen nicht halt“, sagt Marie-Anne Raue, die Frau von Tim Raue und Geschäftsführerin seines Zwei-Sterne-Restaurants „Tim Raue“ um die Ecke von Checkpoint Charlie, wo asiatisch-deutsche Fusionküche serviert wird.

          Aus bis zu sechs Gängen besteht das frei kombinierbare leichte Lunch-Menü, das zum Beispiel Hummer, Sambal Manis und Pomelo als Starter, Zander, thailändischen Wasserspinat und Nussbutter als Hauptgang und als Süßspeise Vanille, Passionsfrucht und Karamell anbietet. Im „Fischers Fritz“ am Gendarmenmarkt, ebenfalls mit zwei Sternen dekoriert, sieht man das ähnlich: „Es gibt einen Hang zum bewussteren Essen. Mittags wird lieber kleiner gespeist, dafür aber gut.“ Das heißt hier: Austern, Weinbergschnecken und vom Fisch das Beste.

          „Extrem klassische Genuss-Strukturen“

          Den besseren Geschmack futtert sich nun auch eine ganz andere Berliner Szene an: Gründer, Mediennachwuchs und Kreative sind jüngste Follower der neuen gehobenen Lunch-Kultur und schauen gerne mal für zwei bis sechs Gänge in den Spitzenküchen vorbei. So wollen sie wohl auch mit dem Vorurteil aufräumen, sie seien nur hippe Hallodris, die vor lauter Selbstverwirklichung nichts zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Denn das Mittag essen bedeutet ja eine gewisse Konstante im Tagesablauf. Man beweist, dass man morgens aufgestanden und vielleicht sogar im Zuge einer gewissen Vormittagsproduktivität hungrig geworden ist.

          Ohnehin passen besondere Geschmacksmomente zur voranschreitenden Ästhetisierung des Lebens all jener Milieus, die auch ihre Alltagsdinge nach Qualitätsmaßstäben bewerten. Das sinnliche Erlebnis bezieht sich dabei nicht nur auf den Gaumen. Dem Auge wie der Smartphone-Linse schmeicheln Zutaten, die sorgsam kuratiert, auf die Millisekunde gegart und nach aktuellem Gusto so kunstvoll auf dem Teller arrangiert werden, dass sie den aufgeräumten Werken Malewitschs gleichen. Das Phänomen beobachten auch Stephan Landwehr und Boris Radczun vom „Grill Royal“, die zudem in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule 2011 das Restaurant „Pauly Saal“ eröffneten, das für die gutbürgerlichen Luxuskreationen des Kochs Michael Höpfl in diesem Jahr seinen ersten Michelin-Stern verliehen bekam.

          Für Radczun steht fest, dass in Berlin eine junge Generation von „Gastroposophen“ heranwächst, „die extrem klassische Genuss-Strukturen haben“. Für gutes Essen gäben sie gerne Geld aus – nicht nur mittags. Dabei ist ein Sterne-Menü zur Lunchzeit eher mal drin als am Abend. Im „Pauly Saal“ kostet die empfohlene Drei-Gänge-Speisefolge 34 Euro. Die Qualität steht dem Abend nicht nach – höchstens bei der Zahl der Komponenten. „Mittags geht es lässiger und schlichter zu“, sagt Radczun. Im „Vau“ des Sterne-Kochs und Entertainers Kolja Kleeberg wählt man zwischen einem Drei-Gänge-Menü für 65 Euro oder stellt sich seine Wunschfolge selbst zusammen. Mit Preisen von je 15 Euro für Vor- und Zwischengänge und 18 Euro für Hauptgerichte kann man immerhin den kleinen Hunger deliziös stillen. Nur beim Wein solle man sich ein wenig zurückhalten. Schließlich geht es nach dem Lunch ja zurück an die Arbeit.

          Weitere Themen

          Der Promi-Pleitier

          Alfons Schuhbeck : Der Promi-Pleitier

          Starkoch Alfons Schuhbeck muss für sein Imperium Insolvenz anmelden. Corona sei schuld. Doch es ist nicht der erste wirtschaftliche Fehltritt des Unternehmers.

          Trinken für die Ahr

          FAZ Plus Artikel: Reiner Wein : Trinken für die Ahr

          Die Flut hat die Winzer in der Ahr-Region schwer getroffen. Kollegen im In- und Ausland reagieren mit beispielloser Hilfsbereitschaft – und spenden Wein. Die Aktion fand so großen Anklang, dass sie zeitweise gestoppt werden musste.

          Was heißt Liebe auf Norwegisch?

          Beziehungskolumne : Was heißt Liebe auf Norwegisch?

          Der Freund unserer Autorin ist Norweger, sie sprechen miteinander Englisch. Und stellen fest: Gar nicht so leicht, in einer fremden Sprache zu streiten, zu lachen, zusammen zu sein. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          Topmeldungen

          Hessen, Königstein: Koordinierungshelferin Victoria Anschütz bereitet die Auswertung eines Corona-Schnelltests vor.

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 19,4

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 3539 Corona-Neuinfektionen registriert, das sind deutlich mehr als vor einer Woche. Über die geplante Abschaffung der kostenlosen Corona-Schnelltests wird hitzig debattiert.
          Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts während der mündlichen Verhandlung am 13. Mai 2018, ob der Rundfunkbeitrag für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zulässig ist.

          F.A.Z. Frühdenker : Wird der Rundfunkbeitrag erhöht?

          Karlsruhe urteilt über die Rundfunkgebühren. Wie reagieren Politik und Wirtschaft auf die Pläne des Gesundheitsministers? Und warum verschiebt Armin Laschet den Auftakt seiner Wahlkampfreise? Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Frühdenker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.