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„Clärchens Ballhaus“ in Berlin : Ein magischer Ort eröffnet neu

  • -Aktualisiert am

Getanzt werden darf in Clärchens Ballhaus noch nicht, aber die Küche hat wieder geöffnet. Bild: PR/ Anna Jona Koch

Die Angst war groß, dass Clärchens Ballhaus nach der Übernahme durch einen neuen Besitzer seinen Berliner Charme verlieren würde. Nun öffnet der ehemalige Tanzsaal wieder seine Türen. Was auf den Tisch kommt, sieht vielversprechend aus.

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          Meistens gehen Berliner Immobiliengeschichten so: Ein reicher Investor kommt, kauft eine Kulturinstanz und frisst sie mit Herz und Seele auf. Zum Glück läuft es auch manchmal anders, wie im Falle von „Clärchens Ballhaus“, das 2018 vom neuen Besitzer Yoram Roth erworben wurde  — „um es effektiv so zu lassen wie es ist“, sagt Roth. Nach einem kurzen Dornröschenschlaf zwecks nötiger Sanierungspause wurde es jetzt, Corona-bedingt erstmal nur mit Speis und Trank, wiedereröffnet.

          Und das ist auch gut so. Denn das Ballhaus ist einer dieser immer weniger werdenden magischen Orte in der Hauptstadt. 1913, also vor über 100 Jahren, öffnete das Ballhaus in der Auguststraße mitten in Berlin-Mitte als Tanzlokal mit Gastronomie seine Pforten. Damals noch als „Bühlers Ballhaus“, betrieben von Fritz und Clara Bühler. Nach dem Tod ihres Gatten übernahm Clara, „das Clärchen“. Das Ballhaus mit einem holzvertäfelten großen Saal und dem berühmten, bis heute im Original erhaltenen stuckverzierten Spiegelsaal im ersten Stock, überlebte den Zweiten Weltkrieg und blieb auch zu DDR-Zeiten in Privatbesitz.

          Kate, William und Quentin Tarantino

          Bis 2003 wurde es von Clara Bühlers Erben betrieben. Mit neuen Besitzern kam neuer Wind: Die zwischenzeitlich verstaubte Institution wurde wieder mit Tanz und Leben gefüllt. Auch prominente Gäste kamen, etwa Herzogin Kate und Prinz William. Einige Filme, darunter Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“, wurden hier gedreht.  

          Als Yoram Roth die Berliner Perle 2018 erwarb und dann auch noch den Pachtvertrag mit den vorherigen Betreibern zu Ende 2019 nicht verlängerte, war die Sorge groß und die Bürger alarmiert. Für Roth, den gebürtigen Berliner, der selbst viele Nächte in Clärchens Bahllhaus gefeiert hat, soll der Ort für Kultur, Tanz und Gastronomie aber eben bewahrt werden. Viel verändert werden darf wegen dreifachem Denkmalschutzes am Gebäude, in dem sogar noch eine letzte Mieterin wohnt — heute 93, selbst mal im Clärchens angestellt — sowieso nicht.

          Mehr als 100 Jahre gibt das Tanzlokal schon in Berlin

          Deshalb ist im großen Saal zur Wiedereröffnung vieles beim Alten geblieben. Die rote Farbe an den Wänden, das silberne Lametta und die weißen Tischdecken sind verschwunden, ansonsten stehen die Wirtshaustische wegen der Corona-Pandemie weit auseinander. Neben Tanzkursen soll hier, nach Corona, auch ein tägliches Programm aus Lesungen, Konzerten und andere Veranstaltungen stattfinden. Bis dahin konzentriert man sich im Clärchens eben auf die Gastronomie. Das ist nämlich für Roth das, wo bislang noch „Luft nach oben“ war.  

          Kulinarisch zwischen Berlin, Budapest und Wien

          Dazu hat er sich das Team aus Betriebsleiterin Bianca Zedler, die vorher unter anderem im Hotel Adlon und bei Tim Raue war, geholt. Als auch Küchenchef Simon Dienemann, zuletzt Sous Chef bei Tim Raue, sowie Maitre im Vau und Tulus Lotrek. Im Clärchens dreht sich ab jetzt kulinarisch alles um moderne Wirtshauskultur, „simples Essen, handwerklich sauber umgesetzt mit guten Produkten“, sagt Dienemann. Kulinarisch alles irgendwo zwischen Berlin, Budapest und Wien.

          In den alten Pizzaofen werden heute Flammkuchen geschoben, im Spiegelsaal bald Brunch serviert. Ansonsten stehen auf der Karte zum Beispiel Käsekrainer, Maultaschen und erstaunlich milde „Radieserl“ mit Ziegenquark, havelländer Rapsöl und Brotwürze, an denen man herausschmeckt, wie man mit wenigen Kniffen Tradition und Zeitgeschmack verbinden kann.

          Irgendwo zwischen Berlin, Budapest und Wien: Kulinarisch wird es deftig

          Für viele der Speisen wird mit lokalen Produzenten zusammen gearbeitet. Die Blutwurst etwa kommt von der Neuköllner Blutwurstmanufaktur und wird mit Kartoffelstampf, Apfel, Röstzwiebeln und Linsen serviert, die süßlich-säuerlich angemacht als Beilage fast zu schade sind. Und hinter dem „Gulaschkraut“ verbirgt sich der momentan so populäre Spitzkohl, versengt in einer fruchtig-kräftigen Beurre Blanc.

          Investor und Unternehmer Yoram Roth im Spiegelsaal des Ballhaus

          Dienemann, der nach Jahren in der Spitzengastronomie wieder „Lust auf bodenständiger“ hatte, schwärmt von den kleinen Happen, die es in den traditionellen Wirtshäusern seiner Heimat auch zu später Stunde noch gab. Deshalb stehen im Clärchens auch Rollmops, Bulette und Spreewaldgurke mit feinstgeriebenem Meerrettich auf der Karte — bestens geeignet, wenn man einen „Clärchens“ zu viel hatte. So heißt der hauseigene Drink mit Tequila und Johannisbeere.

          Ein baldiger Besuch lohnt sich. 2022 wird das Ballhaus nämlich noch mal für länger andauernde Sanierungsmaßnahmen schließen. „Die letzten 15 Jahre herrschte hier sieben Tage die Woche praktisch rund-um-die-Uhr-Betrieb“, sagt Roth. Das ging auf Kosten der Bausubstanz. „Wenn wir diesen magischen Ort langfristig erhalten wollen, müssen wir da ran.“ Roth traut man zu, dass er das Ballhaus mit Samthandschuhen anfassen wird. Vielleicht auch, weil er selbst ein Stück ziemlich bewegende Berlingeschichte ist.

          Seine Familie war vor dem Krieg bereits im Berliner Immobiliengeschäft erfolgreich, dann kamen die Nazis: Enteignung, Flucht mit einem Teil der Familie, der Rest wurde ermordet. 1954 kehrte der Vater zurück. „Das Elternhaus wurde dann im kommunistischen Berlin auch nicht zurück gegeben. In dem Sinne wurden wir zwei Mal von deutschen Systemen enteignet“, sagt Roth, Jahrgang 1968. Seine Mutter wurde übrigens in der Linienstraße, gleich um die Ecke von Clärchens Ballhaus, geboren.

          Tische mit Abstand: Auch im Restaurant hält man sich an die Coronaschutzmaßnahmen.

          Selbst auch Künstler, konzentriert er sich als Unternehmer speziell auf Kultur, Immobilien und Gastronomie. „Es gab sogar mal Pläne, hier ein Vapiano-Restaurant reinzusetzen“, sagt der Gourmet kopfschüttelnd. Es ist dann zum Glück doch beim Ballhaus geblieben. Einem, in dem hoffentlich bald auch wieder getanzt wird.

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