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Sprach- und Kochkurs : Das Herz liegt im Bauch

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer eines Events der Kochschule essen selbstgemachtes zeytinyağli karişik dolma – gefülltes Gemüse mit Reis. Bild: Andreas Pein

Die Berliner „Feinsprecher“ bieten Sprachunterricht mit integriertem Kochkurs an – damit Teilnehmer künftig zum Beispiel die Köfte auf Türkisch bestellen können und nicht mehr nur als „die 15“.

          Döner auf die Hand, Börek zwischendurch, Gözleme für unterwegs – an der türkischen Küche haftet der hartnäckige Ruf einer Imbisskultur, jedenfalls in Deutschland. Nicht nur in Berlin gibt es inzwischen gefühlt an jeder zweiten Straßenecke einen türkischen Fast-Food-Laden, wo authentische Gerichte aber meist ohne Chance sind gegen „Döner mit allem“. Dass sich dahinter in Wahrheit eine ganze kulinarische Welt verbirgt, demonstriert die Berlinerin Deniz Julia Güngör. „Die türkische Küche ist alles andere als nur Fast Food“, sagt sie. „Wegen des hohen Stellenwertes der Esskultur und der reichen Palette an Lebensmitteln und Rohstoffen, vor allem im späteren Osmanischen Reich, ist die heutige türkische Küche unglaublich vielfältig“, sagt Güngör, während sie für ein Dessert warme Milch über geschichtete Maisstärkeblätter gießt.

          In einer Küche im Schöneberger Akazienkiez bietet die Tochter eines Türken und einer Deutschen regelmäßig Sprachkurse mit integriertem Kochkurs an. Das sind Tagesworkshops, Abend- oder Firmenveranstaltungen, bei denen die Teilnehmenden nicht nur eine Fremdsprache lernen und üben, sondern auch die dazugehörige Landesküche kennenlernen. Angefangen hat es mit „Türkisch für Feinschmecker“; gegenwärtig sind zudem Deutsch und Arabisch im Programm, und man arbeitet an weiteren Sprachen.

          An diesem Samstag sind auf dem Tisch feine Teegläser mit Schwarztee, dem „Lebenselixier der Türken“, angerichtet. In einer Schale stapeln sich poğaça, türkische Gebäckstücke mit Kartoffel oder Schafskäse gefüllt. Die fünf Teilnehmenden stärken sich. Es wird ein langer Samstag, denn es stehen drei Stunden Türkischkurs, Lebensmittelkunde und ein drei Gänge-Menü auf dem Plan.

          Auch vorhandene Sprachkenntnisse verbessern

          Es ist Ramadan. Und im islamischen Fastenmonat ticken nicht nur die Uhren der gläubigen Muslime anders, sondern auch die des Lebensmittelhandels – was die Kochgruppe spätestens im türkischen Markt bemerkt; zum Tagesworkshop gehört auch der Besuch hier. Wie eine Reisegruppe schieben sich die Teilnehmenden durch den Laden, begutachten türkischen Weißkäse, große Gläser mit eingelegten Artischockenböden und etwa zwanzig Sorten helva – auch bekannt als türkischer Honig.

          An der Kasse stapeln sich sogenannte erzak koli, Proviantpakete mit Reis, Linsen und Mehl, extra für den Fastenmonat. So reich die türkische Küche ist, die Sprache ist nüchterner: Türkisch ist logisch und systematisch aufgebaut, es gibt kaum grammatikalische Ausnahmen – weshalb die Sprache auch sehr beliebt unter Mathematikern und Naturwissenschaftlern sei, sagt Güngör.

          In die Küche zurückgekehrt, richtet sie türkische Snacks an: çağla, grüne Mandeln, und erik, grüne Mirabellen. Sabine, Angestellte im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, greift zu. „Wir fahren seit 1989 mindestens zwei Mal im Jahr in die Türkei, wir sind absolute Türkeifans. Weil wir allerdings im Hotel sind, kriegen wir nicht so viel von Sprache und Kultur mit“, sagt sie und widmet sich dem Petersilieschnippeln. Als sie von dem Koch- und Sprachkurs erfuhr, habe sie sich und ihre Tochter direkt angemeldet. Deshalb seien sie hier – ähnlich wie Timo aus Moabit, der mit dem Aushöhlen von Paprika und Tomate beschäftigt ist. Seine Schulklasse war zu mindestens fünfzig Prozent türkischsprachig. „Wirklich Türkisch sprechen gelernt habe ich trotzdem nicht. Ich finde diese Parallelwelten absurd“, sagt er.

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