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Mauro Luongo : Der berühmteste Eismann Berlins

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Für viele ist er der Eisverkäufer der Herzen: Eine 2 × 1,40 Meter große Aussicht auf die Großstadt hat Mauro Luongo von seinem mobilen Ladengeschäft aus. Bild: Andreas Pein

Ein Bauernsohn aus Ischia dürfte der populärste Eismann Berlins sein. Mauro Luongo hat den Mauerfall erlebt und die Gentrifizierung seines Kiezes – und einmal wurde sogar auf ihn geschossen.

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          An sein größtes Unglück erinnern kleine Dellen am Eiswagen. Die Kerben könnten die Schäden eines Hagelsturms in einem launischen Sommer sein. Stattdessen stammen sie von den Projektilen einer Waffe, abgefeuert am 9. September im vergangenen Jahr, einem Sonntag wie im Bilderbuch: 26 Grad, der Himmel so blau wie Schlumpfeis.

          Auf einem Bürgersteig am Tempelhofer Feld hatte Mauro Luongo, 60, seinen Eiswagen abgestellt. Also an jener weitläufigen Brache mitten in Berlin, wo sich die Leute entlang der Landebahnen des alten Flughafens zu einem Wimmelbild vereinen – die Spaziergänger aus Wilmersdorf und die Raver aus Neukölln, die Rollerblader, Jogger und grillenden Fleischverzehrer.

          „Bumm-bumm-bumm hat es gemacht“, lautmalt Luongo ein knappes Jahr später, als er im Inneren seines Wagens steht und wieder Eiskugeln am Rand des Tempelhofer Feldes verkauft. Zwei Schüsse streiften die Seitentür, drei weitere das Blech unterhalb der Theke, wo bunte Bilder von Eis-Desserts kleben, Waldbeerbecher, Krokantbecher, Schokobecher. 

          „Ihre Schreie hallen in meinem Herzen nach“

          Weitere Kugeln trafen einen Mann, der auf dem Feld eine Pause von einem Leben am Abgrund hatte nehmen wollen, mit Frau und Kindern: Nidal R., 36, angeblich ein Protagonist der Berliner Halbwelt, der vierzehn Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht hatte. In jenem Spätsommer ein freier Mann, nachdem er, den die Zeitungen als „stadtbekannten Intensivstraftäter“ bezeichneten, dreieinhalb Jahre in der JVA abgesessen hatte. Nun hatten ihn Killer erschossen, im Getümmel auf dem Bürgersteig am Rand einer Idylle, angeblich im Zuge eines Kriegs zwischen Clans. Eine Hinrichtung, die Berlin in die Schlagzeilen brachte – als Revier eines organisierten Verbrechens, dessen Akteure mittlerweile in aller Öffentlichkeit ihre blutigen Fehden austragen.

          Eine Hinrichtung mitten in Berlin: Der Tatort am Tempelhofer Feld, an dem Nidal R. erschossen wurde

          Noch heute hört Luongo die markerschütternden Schreie der Frau von Nidal R. „Sie hallen in meinem Herzen nach“, sagt er. „Sehr sympathisch“ sei die Frau gewesen, eine Stammkundin. Am Tatort: verstörte Ersthelfer und weinende Kinder, die weggeführt wurden.

          Normalerweise spricht Luongo, braune Augen, schwarz glänzende Haare, mit einer melodiösen Stimme, wie ein Tenor in Abendgesellschaft. Wenn er sich an den Mord und seine Umstände erinnert, wird sein Singsang brüchig. Die Erinnerung wühlt ihn noch heute auf.

          Aufmerksamer Beobachter des Wandels

          Dass sein Wagen ins Visier geriet, war ein Schockmoment in der Biographie eines Manns, der eine Nebenfigur in den Dramen einer aufreibenden Stadt zu sein scheint – und der doch zugleich auch ein aufmerksamer Beobachter des Wandels der Jahrzehnte ist, bisweilen wissender als Lokalreporter oder Bezirksvertreter.

          Sein Blick richtet sich dabei längst nicht nur auf einen Gewaltexzess wie den am Tempelhofer Feld, sondern auch auf friedliche Szenen, ob in Neukölln, in Kreuzberg, in Berlin-Mitte. Luongo schaut dabei auf ein Treiben, das Zeitgeschehen spiegelt. Sein Ausguck: die 2 × 1,40 Meter große Durchreiche seines Eiswagens.

          Er erlebt historische Momente: den 9.November 1989 etwa, als er in der Nähe der Oberbaumbrücke euphorischen Ostdeutschen ein bisschen Dolce Vita verkaufte: Stracciatella-Eis, 50 Pfennig pro Kugel.

          Ebenso hat er die Abwicklung des Ost-West-Konflikts in den Jahren nach der Wende begleitet, aus seinem Eiswagen heraus. Im Frühling 2010 war das: als das Feld des Tempelhofer Flughafens, jenem langjährigen Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe, wo zur Zeit der Berliner Luftbrücke die Rosinenbomber landeten, als Wiese für Flaneure entdeckt wurde; die Demonstranten, die in diesen Tagen gegen die Bebauung des Feldes demonstrierten, versorgte Luongo mit Gelato. Das verwaiste Flugfeld, das von den Häusern Kreuzbergs, Neuköllns und Tempelhofs umgeben ist, wurde nach einem Volksentscheid den Berlinern schließlich als Abenteuerland überlassen.

          Eiskrem statt Pizza Napoli

          1979 war Mauro Luongo, der Beobachter einer Stadt im Lauf der Zeit, aus Italien eingewandert: ein Bauernsohn aus Ischia, der Vulkaninsel im Golf von Neapel. Sechstes Kind von neun Geschwistern, Schulabbrecher nach der dritten Klasse, nachdem er in der Dorfschule dreimal sitzengeblieben war. Auf den Feldern des Bistums erntete er Trauben, eine freudlose Arbeit. „Ich hatte keine Zukunft dort“, sagt er.

          Nach seiner Einwanderung bediente er in einer Pizzeria in einem Kaff in Schleswig-Holstein die Gäste; sein Chef lehrte den Anfänger die Grundrechenarten. Ein Jahr später zog er nach Berlin: Aushilfe in einer Bäckerei, Pförtner in einer Pension, wiederum Kellner und Küchenhilfe in Pizzastuben, schließlich Gründer eigener Lokale. Eine kleine Aufsteigergeschichte.

          Seine Integrationshilfen: nicht nur Lehrer in der Sprachschule, sondern auch deutsche Geliebte, darunter die Verkäuferin eines Porzellanladens am Ku’damm, Ende 50, die den Halbgebildeten ins Kulturleben einführte, Deutsche Oper, Philharmonie, Staatsballett.

          1986 wurde er fliegender Händler und damit eine feste Größe im Straßenleben: Eiskrem statt Pizza Napoli. „Ich wollte mir keinen Stress mehr machen“, sagt er. „Die Arbeit in Restaurants raubt Leben.“ Dann lieber: die große Freiheit.

          Opfer eines gesellschaftlichen Trends

          Im vergangenen Jahr ist Luongo ein weiteres Mal den Volten einer unberechenbaren Metropole ausgeliefert gewesen. Diesmal wurde er Opfer eines gesellschaftlichen Trends: der Gentrifizierung in Szene-Kiezen. Der Geschäftsmann musste das Lager für seine Eisvorräte räumen – es lag im Keller eines Gebäudekomplexes im hippen Kreuzberg. Zugleich verlor er seinen Parkplatz im Innenhof. All das in einem Ortsteil, wo Immobilienunternehmer den Hype um die Hauptstadt als Trittbrett für steile Rendite missbrauchen. Der Eigentümer, ein dänischer Investor, hatte die Miete fast verdreifachen wollen – von 115 auf 315 Euro. Zu viel für den Solo-Selbständigen.

          So sieht der Sommer aus: Kind mit Eis in Berlin

          So war Mauro Luongo abermals zur Symbolfigur geworden: als Original in einer Stadt, deren Bürger aus ihrem Umfeld vertrieben werden. Aus Protest widmeten Aktivisten dem „Eismann der Herzen“, wie die Zeitung „Der Tagesspiegel“ schrieb, eine Kiezdemo – die Anhänger der Initiative „Lause bleibt“, benannt nach der bedrohten Immobilie, der Lausitzer Straße 10/11. In einem Youtube-Video machten sie Luongo zum Hauptdarsteller einer Medienkampagne: „Die Sendung mit der Laus“, ein locker-leichter Erklärfilm, erläuterte anhand seiner Geschichte den Fall einer sozialen Verdrängung. „Ach- und Krachgeschichten – heute mit einem Eismann, der keinen Parkplatz mehr hat, und einem ganz fiesen Investor“, sagt eine Sprecherin im Intro. Der Investor aber ließ sich nicht umstimmen.

          Dienste zu Stoßzeiten bedeuten Adrenalin 

          Seine Ware hortet Luongo inzwischen im Wagen selbst, nach seinen Arbeitsschichten. Den Strom für die Kühlelemente zapft er aus seiner Neuköllner Wohnung, mit einem Kabel, das aus einem Fenster im zweiten Stock baumelt. „Berlin ist eine Stadt für Millionäre geworden“, klagt der Eismann. „Leute, die nicht so viel verdienen, Krankenpfleger oder Erzieher, können sich immer weniger leisten, weil so viel ihres Einkommens für die Miete draufgeht.“

          Zugleich profitiert Luongo von der boomenden Metropole. Man muss ihn nur während eines heißen Tags vor dem Columbiabad beobachten, der Blauen Lagune der Neuköllner Stadtgesellschaft. Ein riesiges Freibad, gleich am Tempelhofer Feld, das sie alle lockt, die arabischen und türkischen Familien, die Expats und Touristen, die junge Bio-Bohème aus Schwaben und dem Rheinland.

          Hier drückt Luongo seine Kelle nonstop in die Eistruhe, um die vielen Müßiggänger in der Sommerhitze zu bewirten. „Ciao“, sagt er, wenn die Käufer mit ihren Eishörnchen wieder gehen. Luongo liebt Dienste zu Stoßzeiten: „Pures Adrenalin. Gut so, sonst schläfst du ein.“

          Der gemeinsame Feind: Langnese

          Die Menschenmengen auf den Promenaden der angesagten Viertel rufen Konkurrenten auf den Plan. Zum Beispiel einen anderen Eismann: Er parkt seinen mobilen Stand am anderen Ende der Straße am Tempelhofer Feld, seit 2013 schon. Ein Wettbewerb in Äquidistanz zum Kunden, den Luongo zum „gentleman’s agreement“ adelt.

          Langnese: der Platzhirsch aus der Unilever-Gruppe

          Der gemeinsame Feind ist sowieso Langnese, der Platzhirsch aus der Unilever-Gruppe, einem der weltgrößten Lebensmittelhersteller. Denn Waffel- und Wassereis der mächtigen Tochterfirma sind die großen Verkaufsschlager, vor allem in den Freibädern der Stadt. Die Flächen rund um Liegewiesen, Becken und Umkleiden sind dagegen Tabuzonen für mobile Eisverkäufer, auch im Columbiabad.

          Auch die Lokalpolitiker sind offenbar selten Anwälte der Kleinhändler. Die Bezirksämter haben viele Pflaster zu Bannmeilen für fliegende Händler erklärt. Darunter den Lustgarten in Mitte, wo Luongo im Schatten des Berliner Doms gerne Urlauber bezirzen würde. No-Go-Areas sind auch die meisten Parks. „Ich bin nur eine Mücke in diesem Gewerbe“, sagt er.

          Zwischen Kiezromantik und Konzernwirtschaft

          So ist Luongo auch Zeitgenosse eines Berlins zwischen Kiezromantik und Konzernwirtschaft, Graswurzelkultur und großem Geld. Eine Auseinandersetzung, die andernorts schon entschieden ist, gegenüber der East Side Gallery zum Beispiel, wo ein ganzes Quartier Mercedes-Benz gewidmet ist, mit Mehrzweckhalle und einem zentralen Platz, der nach dem Global Player benannt ist. „Bevor die Mauer fiel, fühlte sich die Stadt familiärer an, der gesellschaftliche Zusammenhalt war größer“, meint Luongo. „Heute kennen viele die Nachbarn in ihren Häusern nicht mehr. Es ist anonymer hier geworden.“

          Immerhin hat Luongo einen politischen Fürsprecher gefunden: Pascal Meiser, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzenden der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg. Er soll eine Klage gegen den Bezirk Mitte verfassen. Das Ziel: Geländegewinne für kleine Ökonomen, zumindest dort, wo sich die Sehenswürdigkeiten ballen, auf der Museumsinsel oder Unter den Linden etwa. Vielleicht hätte auch Luongo mehr von der Geberlaune der Touristen.

          Dann müsste er im Winter, wenn die Eis-Lust auf dem Gefrierpunkt ist, womöglich nicht mehr Pizzen in die Öfen befreundeter Gastronomen schieben. Und könnte mehr Zeit verbringen mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn, ein halbes Jahr alt. Drei weitere Kinder hat er mit zwei früheren Lebensgefährtinnen.

          Marciella, 31, sein ältestes Kind, hat übrigens am Nachmittag des grausamen Kapitalverbrechens am Tempelhofer Feld hinter der Theke ausgeholfen. „Schmeiß dich zu Boden“, brüllte sie, als die Schüsse fielen. Mauro, der straßenschlaue Kerl, befolgte den Rat.

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