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Mauro Luongo : Der berühmteste Eismann Berlins

  • -Aktualisiert am

Dienste zu Stoßzeiten bedeuten Adrenalin 

Seine Ware hortet Luongo inzwischen im Wagen selbst, nach seinen Arbeitsschichten. Den Strom für die Kühlelemente zapft er aus seiner Neuköllner Wohnung, mit einem Kabel, das aus einem Fenster im zweiten Stock baumelt. „Berlin ist eine Stadt für Millionäre geworden“, klagt der Eismann. „Leute, die nicht so viel verdienen, Krankenpfleger oder Erzieher, können sich immer weniger leisten, weil so viel ihres Einkommens für die Miete draufgeht.“

Zugleich profitiert Luongo von der boomenden Metropole. Man muss ihn nur während eines heißen Tags vor dem Columbiabad beobachten, der Blauen Lagune der Neuköllner Stadtgesellschaft. Ein riesiges Freibad, gleich am Tempelhofer Feld, das sie alle lockt, die arabischen und türkischen Familien, die Expats und Touristen, die junge Bio-Bohème aus Schwaben und dem Rheinland.

Hier drückt Luongo seine Kelle nonstop in die Eistruhe, um die vielen Müßiggänger in der Sommerhitze zu bewirten. „Ciao“, sagt er, wenn die Käufer mit ihren Eishörnchen wieder gehen. Luongo liebt Dienste zu Stoßzeiten: „Pures Adrenalin. Gut so, sonst schläfst du ein.“

Der gemeinsame Feind: Langnese

Die Menschenmengen auf den Promenaden der angesagten Viertel rufen Konkurrenten auf den Plan. Zum Beispiel einen anderen Eismann: Er parkt seinen mobilen Stand am anderen Ende der Straße am Tempelhofer Feld, seit 2013 schon. Ein Wettbewerb in Äquidistanz zum Kunden, den Luongo zum „gentleman’s agreement“ adelt.

Langnese: der Platzhirsch aus der Unilever-Gruppe

Der gemeinsame Feind ist sowieso Langnese, der Platzhirsch aus der Unilever-Gruppe, einem der weltgrößten Lebensmittelhersteller. Denn Waffel- und Wassereis der mächtigen Tochterfirma sind die großen Verkaufsschlager, vor allem in den Freibädern der Stadt. Die Flächen rund um Liegewiesen, Becken und Umkleiden sind dagegen Tabuzonen für mobile Eisverkäufer, auch im Columbiabad.

Auch die Lokalpolitiker sind offenbar selten Anwälte der Kleinhändler. Die Bezirksämter haben viele Pflaster zu Bannmeilen für fliegende Händler erklärt. Darunter den Lustgarten in Mitte, wo Luongo im Schatten des Berliner Doms gerne Urlauber bezirzen würde. No-Go-Areas sind auch die meisten Parks. „Ich bin nur eine Mücke in diesem Gewerbe“, sagt er.

Zwischen Kiezromantik und Konzernwirtschaft

So ist Luongo auch Zeitgenosse eines Berlins zwischen Kiezromantik und Konzernwirtschaft, Graswurzelkultur und großem Geld. Eine Auseinandersetzung, die andernorts schon entschieden ist, gegenüber der East Side Gallery zum Beispiel, wo ein ganzes Quartier Mercedes-Benz gewidmet ist, mit Mehrzweckhalle und einem zentralen Platz, der nach dem Global Player benannt ist. „Bevor die Mauer fiel, fühlte sich die Stadt familiärer an, der gesellschaftliche Zusammenhalt war größer“, meint Luongo. „Heute kennen viele die Nachbarn in ihren Häusern nicht mehr. Es ist anonymer hier geworden.“

Immerhin hat Luongo einen politischen Fürsprecher gefunden: Pascal Meiser, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzenden der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg. Er soll eine Klage gegen den Bezirk Mitte verfassen. Das Ziel: Geländegewinne für kleine Ökonomen, zumindest dort, wo sich die Sehenswürdigkeiten ballen, auf der Museumsinsel oder Unter den Linden etwa. Vielleicht hätte auch Luongo mehr von der Geberlaune der Touristen.

Dann müsste er im Winter, wenn die Eis-Lust auf dem Gefrierpunkt ist, womöglich nicht mehr Pizzen in die Öfen befreundeter Gastronomen schieben. Und könnte mehr Zeit verbringen mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn, ein halbes Jahr alt. Drei weitere Kinder hat er mit zwei früheren Lebensgefährtinnen.

Marciella, 31, sein ältestes Kind, hat übrigens am Nachmittag des grausamen Kapitalverbrechens am Tempelhofer Feld hinter der Theke ausgeholfen. „Schmeiß dich zu Boden“, brüllte sie, als die Schüsse fielen. Mauro, der straßenschlaue Kerl, befolgte den Rat.

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