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Mauro Luongo : Der berühmteste Eismann Berlins

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Ebenso hat er die Abwicklung des Ost-West-Konflikts in den Jahren nach der Wende begleitet, aus seinem Eiswagen heraus. Im Frühling 2010 war das: als das Feld des Tempelhofer Flughafens, jenem langjährigen Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe, wo zur Zeit der Berliner Luftbrücke die Rosinenbomber landeten, als Wiese für Flaneure entdeckt wurde; die Demonstranten, die in diesen Tagen gegen die Bebauung des Feldes demonstrierten, versorgte Luongo mit Gelato. Das verwaiste Flugfeld, das von den Häusern Kreuzbergs, Neuköllns und Tempelhofs umgeben ist, wurde nach einem Volksentscheid den Berlinern schließlich als Abenteuerland überlassen.

Eiskrem statt Pizza Napoli

1979 war Mauro Luongo, der Beobachter einer Stadt im Lauf der Zeit, aus Italien eingewandert: ein Bauernsohn aus Ischia, der Vulkaninsel im Golf von Neapel. Sechstes Kind von neun Geschwistern, Schulabbrecher nach der dritten Klasse, nachdem er in der Dorfschule dreimal sitzengeblieben war. Auf den Feldern des Bistums erntete er Trauben, eine freudlose Arbeit. „Ich hatte keine Zukunft dort“, sagt er.

Nach seiner Einwanderung bediente er in einer Pizzeria in einem Kaff in Schleswig-Holstein die Gäste; sein Chef lehrte den Anfänger die Grundrechenarten. Ein Jahr später zog er nach Berlin: Aushilfe in einer Bäckerei, Pförtner in einer Pension, wiederum Kellner und Küchenhilfe in Pizzastuben, schließlich Gründer eigener Lokale. Eine kleine Aufsteigergeschichte.

Seine Integrationshilfen: nicht nur Lehrer in der Sprachschule, sondern auch deutsche Geliebte, darunter die Verkäuferin eines Porzellanladens am Ku’damm, Ende 50, die den Halbgebildeten ins Kulturleben einführte, Deutsche Oper, Philharmonie, Staatsballett.

1986 wurde er fliegender Händler und damit eine feste Größe im Straßenleben: Eiskrem statt Pizza Napoli. „Ich wollte mir keinen Stress mehr machen“, sagt er. „Die Arbeit in Restaurants raubt Leben.“ Dann lieber: die große Freiheit.

Opfer eines gesellschaftlichen Trends

Im vergangenen Jahr ist Luongo ein weiteres Mal den Volten einer unberechenbaren Metropole ausgeliefert gewesen. Diesmal wurde er Opfer eines gesellschaftlichen Trends: der Gentrifizierung in Szene-Kiezen. Der Geschäftsmann musste das Lager für seine Eisvorräte räumen – es lag im Keller eines Gebäudekomplexes im hippen Kreuzberg. Zugleich verlor er seinen Parkplatz im Innenhof. All das in einem Ortsteil, wo Immobilienunternehmer den Hype um die Hauptstadt als Trittbrett für steile Rendite missbrauchen. Der Eigentümer, ein dänischer Investor, hatte die Miete fast verdreifachen wollen – von 115 auf 315 Euro. Zu viel für den Solo-Selbständigen.

So sieht der Sommer aus: Kind mit Eis in Berlin

So war Mauro Luongo abermals zur Symbolfigur geworden: als Original in einer Stadt, deren Bürger aus ihrem Umfeld vertrieben werden. Aus Protest widmeten Aktivisten dem „Eismann der Herzen“, wie die Zeitung „Der Tagesspiegel“ schrieb, eine Kiezdemo – die Anhänger der Initiative „Lause bleibt“, benannt nach der bedrohten Immobilie, der Lausitzer Straße 10/11. In einem Youtube-Video machten sie Luongo zum Hauptdarsteller einer Medienkampagne: „Die Sendung mit der Laus“, ein locker-leichter Erklärfilm, erläuterte anhand seiner Geschichte den Fall einer sozialen Verdrängung. „Ach- und Krachgeschichten – heute mit einem Eismann, der keinen Parkplatz mehr hat, und einem ganz fiesen Investor“, sagt eine Sprecherin im Intro. Der Investor aber ließ sich nicht umstimmen.

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