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Essen in großer Höhe : Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner schwört auf Babybrei

Essen und Trinken, sagt Kaltenbrunner, können beim Höhenbergsteigen über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Bild: Ralf Dujmovits

Wie sieht das Essen eigentlich auf 8000 Meter aus? Und was passiert, wenn das Wasser knapp wird? Die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner erzählt von ihren Expeditionen in der Höhe.

          Frau Kaltenbrunner, wie sieht ein Frühstück auf 8000 Metern aus?

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nicht so umfangreich. Je höher man kommt, desto weniger Appetit hat man. Man muss sich überwinden zu essen. Deshalb ist es wichtig, dass man Lebensmittel dabei hat, die einem schmecken und leicht verdaulich sind. Würde man fette Sachen essen, würde man zu viel Sauerstoff für die Verdauung verbrauchen. Ich habe zum Frühstück Grießbreiflocken dabei, Babybrei letztlich, die rühre ich in einem Becher in Schmelzwasser ein. Wenn's gut kommt, esse ich zwei Dinkelcräcker dazu. Mehr kriege ich in der Früh nicht runter.

          Und zu trinken?

          Wichtig ist, dass man auch schon am Morgen viel trinkt. Ich habe immer ein Apfelsaftkonzentrat dabei, dann gibt es heißen Apfelsaft.

          Kann man das Essen in der Höhe überhaupt genießen?

          Man muss einfach essen. Man hat keinen Hunger mehr, aber man muss auch unterwegs immer wieder daran denken: Jetzt brauche ich wieder Trockenfrüchte oder einen Riegel oder einen Tomatencräcker. Richtig schmecken tut es nicht mehr. Das Witzige ist, dass man in den Hochlagern schon träumt, was man später unten im Basislager alles Schönes zu sich nehmen wird.

          In Ihrem Buch „Ganz bei mir“ schildern Sie, wie Sie auf dem Abstieg von der Annapurna nachts im Zelt „von Kaiserschmarrn und kohlensäurehaltigen Getränken“ träumen. Kommen solche Sehnsüchte häufiger vor?

          Ja, oft hat man Gelüste auf Dinge, die man zu Hause gar nicht mag. Kohlensäurehaltige Getränke trinke ich sonst überhaupt nicht, die schmecken mir gar nicht. Aber auf Expedition hat man einen Gusto auf etwas Erfrischendes.

          Speck oder Gamswurst sind auf 8000 Meter fehl am Platz?

          Auch das ist individuell. Ich ernähre mich schon viele Jahre vegan. Aber auch bei Leuten, die auf 6000 Meter noch Käse oder Speck dabei haben, reagiert der Körper auf 8000 Meter meist sofort auf so ein Essen. Weil es zu schwer und zu fett ist. Die Bergsteiger, die das in der Höhe essen, klagen oft über Kopfschmerzen. Oder es kommt sowieso gleich wieder rauf.

          Gibt es beim Bergsteigen eine spezielle Essens-Vorbereitung wie die Nudel-Party vor dem Marathon?

          Wir versuchen schon, vor einer Expedition an Gewicht zuzulegen, damit wir etwas haben, von dem wir zehren können. Man kann niemals die Kalorien aufnehmen, die man verbrennt. Im Basislager schauen wir, dass wir viele Kartoffelgerichte, Reis, Linsen, gute Proteine haben. Vor dem Gipfelgang wird das besonders zelebriert, das letzte Abendessen ist noch mal eine Portion Kartoffeln mit guten Gewürzen drauf. Zum Frühstück esse ich dann noch mal Kartoffeln. Die sind gut verdaulich, liegen nicht so schwer im Magen und geben enorme Energie.

          Gibt's etwas, das man am Berg besonders vermisst?

          Trotz des Trinkens hat man immer wieder das Gefühl, ausgetrocknet zu sein, der Hals ist ganz trocken. Da kommt oft Lust auf frischen Salat oder frisches Obst auf. Abends im Zelt reden wir dann lange darüber, auf was wir uns freuen, wenn wir wieder zu Hause sind.

          Sie müssen alles selbst rauftragen, was Sie in den Hochlagern essen. Wie oft wird das Essen da knapp oder geht gar aus?

          Das kommt schon vor, wenn etwa beim Aufstieg Verzögerungen auftreten, wegen schlechten Wetters oder Lawinengefahr. Wie bei uns am Nordpfeiler des K2, als wir zwei Tage nichts mehr zu essen hatten. Da haben wir uns zu viert eine Tomatensuppe geteilt. Es ist schon erstaunlich, was der Körper leisten kann, wenn er einfach muss, wenn es um alles oder nichts geht.

          Wie funktioniert das?

          Der Körper greift auf die letzten Reserven zurück. Das Wichtigste in großer Höhe ist, dass die Flüssigkeit nicht ausgeht. So lange man noch Gas hat, um Schnee zu schmelzen, ist alles gut. Fehlendes Essen kann man verkraften - ohne Flüssigkeit würde man nicht lange überleben. Deshalb haben wir beim Gas immer eine Reserve dabei. Nach dem Aufstieg auf den K2 waren wir total ausgehungert, nach zwei Tagen ohne Essen, und als wir zurückkamen, gab es Wassermelonen. Wir sind hin, und ich kann mich nur noch erinnern, dass ich zu dieser Melone gegriffen habe und sie essen wollte. Aber ich weiß nicht mehr, ob ich sie wirklich gegessen habe, weil wir an Ort und Stelle umgefallen sind und geschlafen haben.

          Beim Abstieg von der Annapurna, so schreiben Sie, fanden Sie am Wegrand plötzlich eine Bier- und drei Coladosen. Und wussten nicht recht, ob Sie nun halluzinieren.

          Ja, die hatte unser Koch hingestellt. Zu Hause würde ich nie Cola trinken, aber da war es das Allerbeste, was man sich vorstellen konnte. Ich bin davor hingekniet und hab mich gar nicht getraut, die anzufassen, weil ich mir gedacht habe: Spinn' ich jetzt?

          Wieviel trinken Sie in der Höhe?

          Das Blut dickt ja ein in großer Höhe, deshalb muss man viel trinken, damit die Blutzirkulation gegeben ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir mit fünf bis sechs Litern Flüssigkeit täglich richtig gut geht. Damit habe ich keine Kopfschmerzen und kann auch auf 8500 Metern noch klar denken. Bergsteiger, die wenig trinken, reagieren oft mit Halluzinationen.

          Das heißt, man muss jede Menge Schnee schmelzen.

          Das ist eine stundenlange Prozedur. Es braucht viel Disziplin, der Körper möchte sich ja am liebsten ins Zelt legen und ausruhen.

          Das Essen entscheidet oft über die Stimmung im Basislager.

          Der Koch ist ein ganz wichtiges Teammitglied. Wenn das Wetter schlecht ist, sitzen wir oft zehn Tage im Basislager auf engstem Raum beisammen. Wenn dann das Essen nicht passt, führt das schnell zu schlechter Stimmung.

          Wie lange haben Sie Heißhunger nach einer Expedition?

          Man verliert auf einer Expedition zwischen sieben und zehn Kilogramm Körpergewicht. Es dauert schon, bis man das wieder drauf hat. Drei Wochen ist da echte Regeneration angesagt. Viel essen, viel schlafen.

          Gibt's auch einen Gipfelschnaps?

          Nein, das wäre zum einen ein Gewichtsproblem, zudem ist Alkohol da oben absolut nicht empfehlenswert. Es gibt zwar eine Studie, die sagt, dass Rotwein in ganz kleinen Mengen die Akklimatisation fördern kann. Aber nur, wenn man auf 4500 Meter mal ein Schluckerl trinkt.

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