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Ernte in Kalabrien : Bitter, noch bitterer – Bergamotte

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Zum Verwechseln ähnlich: Die Bergamotte lässt sich von der herkömmlichen Zitrone kaum unterscheiden. Bild: © Carol Sharp/http://www.flowerp

Selbst bei voller Reife ist die Bergamotte nur schwer von einer herkömmlichen Zitrone zu unterscheiden. Allein ihr bitterer, fast ungenießbarer Geschmack weist sie als ganz besondere Zitrusfrucht aus. Das zeigt sich auch in ihrer Nutzung.

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          Die Bergamotte, deren Öl in der Schale die Basis für viele Parfums bildet, ist eine höchst anspruchsvolle Zitrusfrucht. Trotzdem - oder deshalb? - hat sie sich die Südspitze von Kalabrien als liebsten Standort erwählt. Von dieser Gegend zwischen Reggio Calabria und Locri weiß man in der Regel nur, dass hier an der Küste und auf den Abhängen zu den „rauen Bergen“ des Aspromonte die kalabrische Mafia zu Hause ist, die 'ndrangheta. Die „schwarzen Seelen“ spannen von San Luca oder Africo aus ihre kriminellen Netze, handeln von Südamerika bis Deutschland mit Kokain und treiben schwarze Geschäfte mit städtischen Aufträgen und Immobilien.

          Darüber aber möchte Fabio Trunfio nicht sprechen. Der Chef des in Brancaleone angesiedelten Unternehmens Patea sieht die Region vor allem als Heimat des „Gelben Goldes“, der Bergamotte. „Wegen der vielen Sonne, der Strömung des Meeres und der leichten feuchten Winde, die sanft von der Küste den Aspromonte hinauf-streifen, entwickelt sie in ihrer Schale diesen Geruch, bitter und frisch zugleich. Hier riecht sie am besten, besser als an der Elfenbeinküste, wo auch Bergamotte angebaut wird.“ Trunfio muss es wissen: Vor Jahren stieg er in das seiner Frau Carmela Patea gehörende Unternehmen ein, das über viel Land verfügt. Seit einigen Jahren verkauft er die Früchte nicht nur, sondern extrahiert selbst die Öle und stellt mit Bergamotte-Essenzen Säfte und Gebäck her, Honig und Marmelade.

          Vielseitig verwendbare Öle

          In Brancaleone an der Küstenstraße baut die Familie gerade eine Fabrik aus. Hierher bringen 150 Bauern ihre Bergamotten. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Hybrid - eine Kreuzung aus Zitronatzitrone und Bitterorange - erstmals beschrieben. Nicht einmal bei voller Reife lassen sich die gelben Früchte am Baum für den Laien von der Zitrone unterscheiden. Erst wenn man hineinbeißt, merkt man es: Diese Frucht schmeckt noch bitterer als eine Limone. Wenn man sie nicht mit Wasser oder Orangensaft trinkt, ist sie nicht genießbar. Darum wird sie nicht als Obst gegessen, sondern vor allem wegen der ätherischen Öle genutzt, die man aus der Schale gewinnt.

          Die Öle sind vielseitig verwendbar. In der Medizin dienen sie als natürlicher Cholesterinsenker, und als Zusatzstoff machen sie einen schwarzen Tee zum „Earl Grey“. Der Name geht auf Charles Grey zurück, den zweiten Earl of Grey, der von 1830 bis 1834 britischer Premierminister war. Nach den Erzählungen früher Importeure kam der Earl als erster auf diesen Tee-Geschmack. Während der Überfahrt von China nach England war es zu einem Sturm gekommen. Dabei zerbrachen die Bergamotte-Öl-Flaschen, deren Duft nur dafür sorgen sollte, dass bei der langen Überfahrt die tief im Rumpf lagernden Teesäcke nicht den Geruch von Moder und Fisch annahmen. Das Öl ergoss sich nun auf den chinesischen Tee. Earl Grey beschloss nach Bergung der Ladung in London gleichwohl, diesen Tee zu trinken - und wurde so zum Trendsetter. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in England „Earl Grey“ getrunken.

          Die Costa dei Gelsomini in Kalabrien ist nach dem Jasmin benannt, der hier so üppig wächst wie das Verbrechen. Tatsächlich kann man sich kaum eine Region vorstellen, die von der Natur so verwöhnt wird und dennoch so bitterarm ist. Einst lebte die Spitze des italienischen Stiefels von der Frömmigkeit. Pilger zogen in die Heiligtümer im Aspromonte. Polsi zum Beispiel wurde von Mönchen aus Griechenland gegründet, die im achten und neunten Jahrhundert vor den Bilderstürmern geflohen waren und wunderbare Ikonen nach Kalabrien brachten. Eine wichtige Einnahmequelle war bis ins 20. Jahrhundert auch die Viehwirtschaft, die sich aber als so ärmlich erwies, dass die Ziegenhirten Nebengeschäfte machen mussten. Sie versteckten in den unwirtlichen Bergen entführte Politiker oder Unternehmer und verdienten auf diese Weise an der Erpressung mit. Ein anderer Wirtschaftszweig war und ist der Tourismus. Aber der Küstenstreifen ist schlecht angebunden. Die Flughäfen in Reggio und Lamezia Terme sind weit.

          So konzentriert sich die Landwirtschaft zunehmend wieder auf den althergebrachten Anbau der Bergamotte. Das lohne sich, sagt Elisabetta Genovese, eine Kusine von Trunfios Frau, deren Mann mitten in einem Hain von Zitrusfrüchten eine Art neuromanisches Schloss errichten will. „Aus 200 Kilogramm Früchten gewinnen wir einen Liter Öl im Wert von 200 Euro.“ Von Ende November bis Ende Februar ist Erntezeit. Dann holen die Landwirte auch Fremdarbeiter für die Ernte. „Zu uns kommen stets ein paar Inder zum Pflücken. Das muss mit der Hand geschehen, damit die Fruchthaut unversehrt bleibt“, sagt Elisabetta Genovese. „Wir sind ein Ökobetrieb, der keine Chemikalien verwendet. Das sieht man an den bisweilen kranken Blättern. Viel schlimmer aber wäre schlechtes Öl.“

          An der Strandpromenade von Brancaleone steht noch eine alte Reibe aus der Zeit vor der Industrialisierung. In ihr wurden jeweils vier Früchte gemeinsam geschält, bis ein Glöckchen den Vollzug meldete und vier weitere Früchte in die Schälmaschine gelegt werden konnten.

          Lange habe man das Fruchtfleisch einfach weggeworfen, sagt Fabio Trunfio in der Fabrik, wo Becken und Container, Zentrifugen und Laufbänder das Bild bestimmen. Mittlerweile aber entwickle sich langsam auch ein Markt für die anderen Produkte, die der Unternehmer sogleich stolz ausbreitet. „Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Genehmigungen man braucht, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen.“ Noch habe er es mit dem Saft der Bergamotte nicht in die Supermärkte der italienischen Großstädte geschafft. „Unser Problem ist nicht das organisierte Verbrechen“, meint er. Es ist ganz einfach: Die Bürokratie und die schlechte Verkehrsanbindung behindern ihn.

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