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Backe, backe, fluchen

Von ANKE SCHIPP

13. Dezember 2020 · Als gute Mutter muss man in der Adventszeit mit den Kindern Plätzchen backen. Was aber, wenn man dazu kein Talent hat? Unsere Autorin Anke Schipp hat lange versucht, sich durchzumogeln.

Es ist so weit. Überall in deutschen Küchen geht es in diesen Tagen geschäftig zu: Menschen, die kneten, rollen, ausstechen, während ein himmlischer Duft von warmem Teig, Vanille, Zimt und Nelken durch die Wohnung strömt. Plätzchenbacken gehört zur Vorweihnachtszeit wie der Adventskranz, die Kerzen, die Sterne und das Singen von Weihnachtsliedern. Was aber, wenn man nicht backen kann?

Grundsätzlich ist das natürlich keine Schande. Es fällt ja in der allermeisten Zeit unseres Lebens auch nicht auf, wenn wir keine Reifen wechseln oder nur unzureichend Socken stopfen können. Backen ist nicht lebensnotwendig, es ist eher ein Add-on: schön, wenn man es kann. Anders gesagt: Backen ist die kleine Schwester des Kochens. Aber selbst das muss man heute nicht mehr draufhaben, es gibt Take-away-Essen, Tiefkühl-Pizza und Convenience-Food, das fast so schmeckt, als hätte man es selbst gekocht. Und Gott sei Dank wird keine Frau mehr daran gemessen, wie gut sie backen kann und ob sie in der Lage ist, eben mal eine Schwarzwälder Kirschtorte zum Geburtstag beizutragen.

Nach dem Kneten kommt das Rollen. Schön dünn!
Nach dem Kneten kommt das Rollen. Schön dünn! Foto: Frank Röth

Deshalb ist es lange Jahre meines Lebens nicht weiter aufgefallen, dass ich unter einer Backschwäche leide. Bei uns zu Hause wurde selten gebacken, womöglich eine familiäre Disposition. Wir sind überwiegend keine Kuchenesser, auch wenn es Großtanten gibt, die aus der Art geschlagen sind und an Familienfeiern volle Backbleche im Sekundentakt liefern. In ökotrophologischer Hinsicht bin ich eher der salzige Typ. Lange Zeit glaubte ich, dass ich mit dem Manko leben kann, ich definierte es noch nicht mal als Problem. Warum sollte ich mich im Backen weiterbilden, wenn ich gar nicht so gerne Kuchen esse? Studium, Start in den Job, alles wunderbar. Keiner schaute komisch, wenn ich zum Geburtstagskaffee gekauften Kuchen aus der Bäckerei anbot – oder einfach gar keinen. Gelegentlich unternahm ich hilflose Backversuche, die endeten aber stets mit komplett zerbröselten Mürbeteigen im Mülleimer, angebrannten Plätzchen oder Sandkuchen, der nach dem Lösen aus der Kastenform aussah wie ein eingestürzter Bungalow. 

Dass etwas mit mir nicht stimmen könnte, merkte ich erst, als ich Mutter wurde. Plötzlich waren sie da, die vielen Anlässe, zu denen man backen musste: Kindergeburtstage, Sommerfeste, Weihnachtsfeiern und als Höhepunkt die Adventszeit – vier Wochen lang ein schlechtes Gewissen beim Anblick des kalten Backofens. 

Nach schönen Förmchen suchen. Immer nur Sterne ist langweilig.
Nach schönen Förmchen suchen. Immer nur Sterne ist langweilig. Foto: Frank Röth

Nach der Geburt meiner ersten Tochter behalf ich mir zunächst mit Fertigbackmischungen. Ich wechselte ab zwischen einem Rührkuchen mit Schokoflocken und Muffins aus Schokolade, die ich mit bunten Smarties dekorierte. Sah wenigstens kindgerecht aus. Heimlich bestaunte ich allerdings bei den Kuchenbuffets im Kindergarten die Exemplare der anderen Mütter. Natürlich ahnte ich, dass versierte Backmütter schmecken würden, dass meine Kuchen von Dr. Oetker kamen. Manchmal gab ich es sogar zu und machte Witzchen darüber. „Ist doch okay“, sagten sie dann. Das fand ich eigentlich auch. Bis meine Tochter eines Tages aus der Schule kam und von den Muffins einer Schulfreundin schwärmte: „Die haben so super geschmeckt, die müssen wir auch mal machen!“

Mein schlechtes Gewissen fühlte sich zwar nicht so an, als hätte ich meine Tochter die letzten sechs Jahre nur vor dem Fernseher geparkt, ohne ein einziges Mal mit ihr zu spielen. Trotzdem dachte ich darüber nach, ob ich mein Konzept korrigieren und mich an etwas heranwagen sollte, was ich mir nicht so richtig zutraue. Probier’s doch einfach mal! Das sage ich ja auch immer meinen Kindern. 

Zuckerguss lässt sich mit Speisefarben veredeln. Foto: Frank Röth

Als Erstes kaufte ich mir ein Backbuch für Anfänger. Mein Pilotprojekt: versunkener Apfelkuchen. Diesmal nahm ich die Sache ernst, hielt mich genau an die Vorgaben, denn das ist es, was die Könner immer raten: beim Backen nie frei nach Schnauze! Vermutlich ist Backen einfach Chemie, und tatsächlich: Ich hatte die richtige Formel gefunden. Der Kuchen ging zwar nicht richtig auf, aber er schmeckte nicht schlecht. Ich machte weitere Schritte, um mein Backrepertoire zu erweitern. Dabei wurde ich nicht übermütig, sondern blieb beim versunkenen Apfelkuchen und wagte mich immer mal an schwierigere Dinge: Käsekuchen, Biskuitboden, Lemontartes. Nicht alles gelingt mir, aber ich werde immer besser.

Ich bevorzuge immer noch unkomplizierte, aber wirkungsvolle Rezepte wie den einfachsten Plätzchenteig der Welt (siehe Kasten unten). Exotische Zutaten meide ich. Es reicht mir, dass ich vier, fünf Kuchen im Portfolio habe, die einigermaßen schmecken. Niemand würde sagen: Wow, die hat Talent! Es ist also nicht eine Erfolgsgeschichte wie von der Couch-Potato zur Marathonläuferin. Eher bin ich backtechnisch gesehen eine solide Joggerin. 

Was meine Kinder betrifft, so versuche ich, sie regelmäßig zum Backen zu motivieren. Schließlich ist Backen kein Schulfach. Eigentlich schade, sonst gäbe es für die schweren Fälle von KBS (Koch-Back-Schwäche) Förderunterricht, und die Lehrer würden sagen: üben, üben, üben. Oder: Wer backen kann, ist besser dran. So wird es immer wieder Menschen geben, die mit ihrem Backofen nichts anfangen können. Das will ich verhindern und stehe deshalb im Dezember in der Küche, während Rolf Zuckowski unermüdlich „In der Weihnachtsbäckerei“ singt, zeige den Kindern, wie man abwiegt, quirlt, Eier trennt, Glasuren macht. Und hoffe darauf, dass sie etwas mitnehmen – fürs Leben.

Dekorieren mit bunten Streuseln, Liebesperlen oder Herzchen.
Dekorieren mit bunten Streuseln, Liebesperlen oder Herzchen. Foto: Frank Röth


Mach was draus!

Plätzchen backen muss kein Hexenwerk sein – wenn man ein paar Dinge beachtet.

Einfach halten: Natürlich kann man eine Vanilleschote auskratzen, um das ultimative Vanillearoma zu bekommen. Fertiger Vanillezucker tut es aber auch. Gerade mit kleinen Kinder ergibt es keinen Sinn, komplizierte Dinge auszuprobieren. Butter, Zucker und Mehl – mehr braucht es nicht für den einfachen Butterplätzchenteig (siehe Rezept unten). Das hat man fast immer im Haus – und den Kindern reicht es. Denn Teigkneten und Verzieren sind die Dinge, die ihnen beim Backen Spaß machen. Wer unbedingt möchte, kann den Teig mit gemahlenen Mandeln oder Kakaopulver verfeinern. 

Hund, Katze, Maus: Investieren Sie in originelle Förmchen, denn nur Weihnachtssterne und Monde sind auf Dauer langweilig beim Ausstechen. Hübsche Tiere oder Figuren machen einfach mehr her.

Dekowunder: Besonders schön sehen die Plätzchen mit Zuckerguss aus. Wer absolut keine Zeit hat, kann fertigen Zuckerguss aus dem Backregal nehmen. Ansonsten 250 g Puderzucker, 1 Eiweiß, 2 EL Zitronen- oder Orangensaft vermischen. Noch besser deckt die Glasur, wenn man 2 EL geschmolzenes und wieder lauwarm abgekühltes Kokosfett unterrührt. Und zum Hingucker werden die Plätzchen, wenn man in den Zuckerguss Lebensmittelfarbe gibt. Dann mit dem Pinsel aufstreichen und mit bunten Perlen, Streuseln oder Zuckerschrift verzieren. Schön sieht es auch aus, wenn man zwei verschiedene Farben übereinanderstreicht und sie dann mit einem Holzstäbchen vermischt.

Doppeldecker: Wie wär’s mit Füllung? Dafür ein Plätzchen mit Gelee oder Nuss-Nougat-Creme betupfen und ein anderes draufsetzen. Wenn’s schnell gehen muss und keine Zeit zum Ausstechen ist, den Teig zu einer Rolle formen, davon 1 cm große Taler abschneiden und dann backen. Mit Puderzucker bestäuben. 

Auf das Timing achten: Vor allem kleine Kinder haben wenig Ausdauer. Deshalb an einem Tag backen, am anderen verzieren. 

Perfektionismus hat in der Weihnachtsbäckerei nichts zu suchen. Deshalb den Kindern nicht alles vormachen, sondern sie zum Freestyle ermutigen und einfach mal die Küche verlassen. Wenn Mamas Plätzchen immer toller aussehen, verlieren sie sonst schnell die Lust. 

Hübsch verpackt sind die Plätzchen ein ideales Geschenk für Freunde und Verwandte. Klarsichttüten sind nicht sehr umweltfreundlich, deshalb lieber (bemaltes) Butterbrotpapier oder Pappschachteln nehmen.

Schneller Plätzchenteig

Foto: Frank Röth
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350 g Mehl
100 g Zucker
200 g weiche Butter
2 EL Sahne oder Milch
2 Prisen Salz

Mehl, Zucker, Butter, Sahne und Salz mit dem Knethaken des Rührgeräts und dann mit den Händen zu einem Teig verkneten. Anschließend zu einer Kugel formen, in Frischhaltefolie einwickeln und eine Stunde im Kühlschrank kalt stellen. Ofen auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorheizen. Den Teig auf etwas Mehl ausrollen (oder zwischen zwei Bögen Backpapier), Formen ausstechen und auf ein gefettetes oder mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen und auf der Mittelschiene ca. 12 Minuten backen. Abkühlen lassen und anschließend nach Belieben verzieren.
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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 12.12.2020 09:06 Uhr