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Kult-Bar in Venedig : Auf einen Bellini in Harry’s Bar

Essen mit Blick zur Basilica Santa Maria della Salute: „Wir hatten hier einige gute Architekten, die für uns diese Aussicht erarbeitet haben“, sagt Cipriani. Bild: Maria Wiesner

Sie ist der berühmteste Treffpunkt Venedigs und alle erliegen dem diskreten Charme ihres Besitzers. Ein Besuch bei Arrigo Cipriani in Harry’s Bar.

          Ich hab ihn gefragt, wo Hemingway immer saß", sagt die Amerikanerin am Nebentisch. "Glaubst du", fragt ihr Mann ironisch, "dass der Kellner schon damals hier war?" Schlechter Scherz! "Natürlich nicht, aber in Paris haben sie Schilder an dem Tisch angebracht, an dem er immer saß."

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wir sind in Harry's Bar in Venedig. Die Räume sind niedrig, die Tische aus poliertem rotbraunen Holz, die Stühle bequem, einige Lehnen abgegriffen. Über die Wände spannt sich Stoff so gelb wie der Löwe im Wappen der Stadt. An den Wänden hängen Venedig-Panoramen und Barock-Stiche. Nichts in diesen Räumen sagt "Jetset". Dabei war es die bessere Gesellschaft der Sechziger, die "Harry's Bar" berühmt gemacht hat. Doch vor dem Jetset kamen die Schriftsteller: Truman Capote trank hier, der Stammgast Ernest Hemingway verewigte die Bar 1950 in "Über den Fluss und in die Wälder". Und auch Orson Welles kam, aß viel und trank noch mehr. Meist so viel, dass die Kellner sich fragten, ob Amerikaner nicht ein ganz anderes Verdauungssystem haben.

          Viele Gäste, noch mehr Bellinis: Giuseppe Cipriani (links in weiß) hinter der Bar in den 50er Jahren Bilderstrecke

          Die heutigen Kellner mögen zu jung sein, um sich an all die alten Geschichten zu erinnern, aber Arrigo Cipriani kennt sie noch. Er ist der Sohn von Giuseppe Cipriani, der die Bar im Mai 1931 eröffnete. Giuseppe hatte lange in Hotels gearbeitet, in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland. 1927 begann er seine Arbeit als Barmann im renommierten Hotel Europa in Venedig. Dort lernte er den Amerikaner Harry Pickering kennen, der mit seiner Tante und deren Gigolo Gast im Hotel war. Eines Abends sah Cipriani, wie sich Pickering mit der Tante stritt und sie mit dem Gigolo im Schlepptau aus dem Saal rauschte.

          Cipriani fragte den traurigen Amerikaner, ob er nach dem Streit nicht einen Drink vertragen könne. Pickering winkte ab, er habe kein Geld mehr. Nicht einmal für die Rückfahrt nach Amerika reiche es. Ob er ihm vielleicht etwas Geld leihen könnte? Cipriani erzählte seinem Sohn später, dass er den Amerikaner für einen ehrlichen Mann hielt, von dem er sein Geld zurückerhalten würde. Also bezahlte er ihm eine billige Rückfahrkarte für ein Schiff in die Vereinigten Staaten. Dann wartete er, zunächst ein paar Wochen, dann mehrere Monate, doch es kam keine Zeile von Pickering. Cipriani wollte nicht glauben, dass der junge Mann sein Wort nicht halten würde. An einem kalten Februarmorgen des Jahres 1930 schließlich kam Pickering zur Tür herein. Er sagte, er wolle ihm sein Geld zurückzahlen und noch etwas drauflegen. Dann überreichte er Cipriani 40.000 Lire – mit dem Vorschlag, gemeinsam eine Bar aufzumachen. "Also eröffnete mein Vater die Bar und benannte sie nach Harry Pickering", sagt Arrigo Cipriani. "Und als ich ein Jahr später geboren wurde, wählten meine Eltern für mich denselben Namen, nur auf italienisch. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der nach einer Bar benannt wurde."

          Dokumentarfilm-Premiere mit hoher Paillettendichte

          Während der Filmfestspiele von Venedig Anfang September feierte ein Dokumentarfilm über "Harry's Bar" Premiere. Die erste Vorstellung fand im "Casino"-Gebäude neben dem Festivalpalast statt, die Paillettendichte war hoch, die Absätze waren noch höher. Jeder, der sich gern in der Bar sehen lässt, um gesehen zu werden, war zur Premierenfeier gekommen.

          Arrigo Cipriani, der die Bar seines Vaters 1957 übernahm und mittlerweile 83 Jahre alt ist, nahm die Glückwünsche lächelnd entgegen. Es gab viel Applaus für den Film. Nur den berühmten Bellini gab es bei der Premierenfeier nicht. Giuseppe Cipriani hatte den Drink aus frischem Pfirsichmark und Champagner 1948 anlässlich einer großen Ausstellung des venezianischen Renaissance-Malers Giovanni Bellini erfunden. Seitdem ist er ein Klassiker in Bars rund um die Welt.

          Auch in Harry's Bar bestellen an diesem Morgen viele Gäste das Getränk. Die Kellner servieren es in gedrungenen kleinen Gläsern, wie man sie anderswo für Limonade verwenden würde. "Das ist Teil des Konzepts", sagt Arrigo Cipriani. Er mag es einfach, aber stilvoll. So hält er es auch mit seiner Garderobe. An diesem Tag trägt er einen doppelreihigen Anzug in Siennablau, dazu ein Hemd im Gelbton der Wandbespannung und eine gestreifte Krawatte. "Es geht hier um die Freiheit. Alles ist so eingerichtet, dass die Gäste ihre Drinks und das Essen genießen können, ohne davon abgelenkt zu werden. Wir servieren auf runden Tellern und nicht auf diesen neumodischen langen Platten oder in übergroßen Schüsseln. Unsere Gläser sind klein, aber stilvoll. Und wir spielen hier keine Musik." Cipriano macht eine kurze Pause, um die Atmosphäre wirken zu lassen. "Denn die Musik in Harry's Bar ist das Geplauder der Gäste."

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