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Apps gegen Verschwendung : Des einen Müll ist des anderen Schatz

  • -Aktualisiert am

Essen in der Tonne: Jeder von uns wirft jährlich rund 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Bild: dpa

Rund 30 Prozent der produzierten Lebensmittel landen im Müll. Dabei sind sie meistens noch genießbar – und könnten unzählige Menschen ernähren. Wie weit man mit den Resten der anderen kommt, zeigt ein Selbstversuch.

          Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen, laut Bundeszentrum für Ernährung, jährlich in der Mülltonne – und das alleine in Deutschland. Bei der Erzeugung, im Handel und in Privathaushalten wandern Tag für Tag unverzehrte Reste in den Abfall. Mal von der ethischen Perspektive (und Oma, die ich sagen höre: „Kind, iss den Teller auf! Woanders auf der Welt hungern die Kinder“) abgesehen, bringt dieses Konsumverhalten sowohl ökonomische als auch ökologische Probleme mit sich: Mit dem Essen landen auch zahlreiche Ressourcen in der Tonne.

          Dass sich etwas verändern muss, sehen auch die Vereinten Nationen. In ihren „Sustainable Development Goals“ haben sie sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf weltweit zu halbieren. Doch welchen Beitrag kann man als Privatpersonen dazu leisten? Einige Apps und Webseiten versprechen nicht die Lösung des Problems, aber doch eine Besserung. Ich habe mich mehrere Tage von Lebensmitteln ernährt, die sonst ihren Weg in die Tonne gefunden hätten.

          Eine Hauptquelle der Verschwendung sind Restaurants und andere gastronomische Betriebe. Um ihren Standard und ihr Angebot halten zu können, werden dort täglich frische Lebensmittel eingekauft und zum Verkauf zubereitet. Dabei immer die genaue Menge zu kalkulieren: ein Ding der Unmöglichkeit. Übriggebliebene Frischwaren wie zubereitete Salate oder Reste von Buffets dürfen die deutschlandweit über 900 Tafeln allerdings nicht annehmen. Das verstößt gegen die Hygienevorschriften.

          Muss das Übriggebliebene also zwangsläufig auf dem Müll landen? Nein – lautet die Antwort des 2015 gegründeten Start-Ups „Too Good to go“, das durch die Fernsehsendung „Höhle der Löwen“ bekannt wurde. Mit ihrer App vernetzen die Unternehmer Betriebe mit Privatpersonen. Restaurants, Imbisse und Hotels können so ihre Reste für einen meist sehr fairen Preis anbieten. So rettet man Lebensmittel – und spart nebenbei noch Geld.

          Nur mal kurz die Welt retten

          Also los zum „Nur mal kurz die Welt retten“! Ob Sänger Tim Bendzko sich auch von einer Lebensmittelretter-App inspirieren ließ? Ich zumindest fühle mich gerade in Helden-Stimmung. Und hungrig. Auf der Karte lasse ich mir die nächstgelegenen registrierten Gastronomen im Frankfurter Gallusviertel anzeigen. Es ist 12.37 Uhr. Dass um die Mittagszeit kein Restaurant Küchenschluss hat, hatte ich nicht bedacht.

          Also doch noch schnell in die Kantine. Und wenigstens hier dabei helfen, dass eine Portion weniger in der Tonne landet. Nach Feierabend habe ich mehr Glück: Bäckereien, Cafés und Imbisse schließen schon mit den meisten Büros ihre Türen. Ich entscheide mich für ein kleines Café und bezahle meine Portion direkt über die App. Was übrig bleibt, lässt sich nicht planen. So variieren täglich die Inhalte der Papiertüten, die schon fertig gepackt auf einen warten.

          Als ich meine Tüte entgegennehme, fühle ich mich in alte Zeiten zurückversetzt, als ich mit freudiger Erwartung die Wundertüte öffnete, die Mama vom Einkaufen mitgebracht hat. Auch jetzt schaue ich schnell rein. Und finde zwei Bagels mit Frischkäse und Lachs und zwei Muffins. Schoko und Blaubeere. Das sollte auch noch für morgen Mittag reichen. Und das alles für drei Euro.

          Bei meinem nächsten Feldzug im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung bin ich besser vorbereitet: Restaurants schließen erst am späten Abend, Hotels hingegen bauen die Frühstücksbuffets passend zur Mittagszeit ab. Hier werde ich schon erwartet. Der Kellner nimmt sich Zeit und zeigt mir das Buffet, bevor er mir eine Essensbox in die Hand drückt, die ich nach meinen Wünschen befüllen kann. Das Angebot wird vor allem von jungen Leuten sehr gut angenommen: Jeden Tag werde es von mindestens einer Person genutzt, manchmal auch von Gruppen von bis zu vier Leuten, erzählt ein Mitarbeiter des Hotels.

          Bei meiner Reste-Jagd durch die Frankfurter Innenstadt hätte ich fast meinen eigenen Kühlschrank und die darin vor sich hin vegetierenden Lebensmittel vergessen. Diese lassen sich am besten verwerten, indem man sie – Überraschung – einfach selber isst. Und wenn einem zu der oft etwas wilden Mischung im Kühlschrank kein passendes Rezept einfällt? Auch dafür gibt es, wie sollte es anders sein, eine App. „Zu gut für die Tonne“ wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zur Verfügung gestellt.

          150 Gramm Essen wirft jeder täglich weg

          Laut dem Ministerium wirft jeder von uns pro Jahr mindestens 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Das sind 150 Gramm am Tag. Eineinhalb Tafeln Schokolade. Um dem entgegen zu wirken, kann man in die App die Lebensmittel eingeben, die man noch Zuhause hat. Das Smartphone spuckt dann ein Rezept aus.

          Kartoffeln, Eier und Erbsen müssen heute noch bei mir weg. Was man daraus machen kann? Ein Kraft-Omelett. Das schlägt mir zumindest mein Handy vor. Insgesamt wurden über 500 Rezepte von Sterneköchen zusammengestellt. Um das Sonntagsbrötchen auch am Montag noch verwerten zu können, gibt es gleich 30 Rezepte. Aber was, wenn andere Zutaten fehlen? Auch für den Gang zum Nachbarn und das berühmte „Hätten Sie vielleicht ein paar Eier für mich?“ gibt es eine moderne Alternative.

          Bei nebenan.de geht es nicht nur um Foodsharing. Vielmehr steht die gute Nachbarschaft, so ganz allgemein, im Mittelpunkt. Hier findet man Babysitter, gemeinsame Spieleabende oder eben die Zwiebel für die perfekten Sonntagsbrötchen-Semmelknödel.

          Es gibt also einige Wege, der Lebensmittelverschwendung ein wenig entgegen zu wirken. Ob im Kleinen oder Großen. Reste anderer bedeuten nicht gleich Müll. In den vergangenen Tagen habe ich mich auf jeden Fall besser ernährt, als in so mancher Prüfungsphase.

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