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Firmenerbin auf neuen Wegen : Johanna Höhl macht jetzt in „Essisch“

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Es bleibt in der Familie: Johanna Höhl belebt die alte Unternehmenstradition neu, gemeinsam mit ihrer Tochter Anna Seibel und Sohn Johannes Seibel. Bild: Rainer Wohlfahrt

Vor zehn Jahren musste Apfelwein-Erbin Johanna Höhl ihr Unternehmen verkaufen. Jetzt hat sie neu angefangen – mit Apfelessig.

          Manchmal, an der Ampel, schauen andere Autofahrer irritiert zu Johanna Höhl hinüber. Wie sie bei Rot einen Schluck aus einem gerippten Glas nimmt. Das muss rund um Frankfurt natürlich Apfelwein sein, Stöffche wie „Der alte Hochstädter“, so steht es auch auf dem Glas. Aber Johanna Höhl trinkt Grünen Tee. Die Ära des „Ebbelwei“ ist für die einstige Erbin der ältesten deutschen Apfelweinkelterei vorbei.

          Vor zehn Jahren, als sie alles verkaufen musste, schien eine fast 240 Jahre lange Familientradition zu versiegen. Rapp's übernahm die Firma Höhl, Johanna Höhl blieb als Geschäftsführerin im Unternehmen, das nun nicht mehr ihr gehörte. Als dann noch die Marke Bioess aufgegeben werden sollte, die ihr Vater entwickelt hatte, stand für die promovierte Betriebswirtin fest: Die kaufe ich! Und fange noch mal von vorne an. Trotz aller Warnungen erfand sie in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ihr Familienunternehmen neu. Mit Tochter Anna und Sohn Johannes gründete sie Anfang 2015 ein Start-up, das seither unter dem Namen Dr. Höhl's erfolgreich produziert und vertreibt, was jahrhundertelang stillschweigend in den Keltereien beiseitegeräumt wurde: Apfelessig.

          „,Essigbrüh' war bis in die achtziger Jahre ein Schimpfwort für zu sauren Apfelwein“, sagt Johanna Höhl. Ihr Vater vermied es daher lange, bei Kunden überhaupt von Essig zu sprechen. Zumal es in kleineren Betrieben durchaus vorkam, dass mal ein Fass Apfelwein kippte und einen Essigstich bekam. „In einer Apfelweinkelterei sind ständig Essigbakterien in der Luft.“ Nicht aber bei Höhls. „Wir haben das nur gezielt gemacht“, sagt Johanna Höhl. Der Vater selbst gönnte sich mittags zu Hause nicht etwa einen Hochstädter, sondern immer einen Schoppe aus Wasser und etwas Apfelessig, sozusagen einen alkoholfreien Sauergespritzten – weil er von der positiven Wirkung von Essig für die Gesundheit überzeugt war.

          Johanna Höhl sagt natürlich „Essisch“. Sie ist im Osten von Frankfurt aufgewachsen, in Maintal-Dörnigheim, heute lebt sie in Maintal-Hochstadt. Das ist Apfelwein-und Bembel-Kernland. Von hier aus über Bergen-Enkheim im Frankfurter Norden bis zum Taunus dehnt sich der dichteste Gürtel Streuobstwiesen in Deutschland, weite Flächen mit hohem Gras und Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäumen. Hier reifen an die 120 Apfelsorten heran, bis sie geerntet werden oder zu Boden fallen - ungedüngt, ungespritzt, von der Sonne beschienen und nur vom Regen gewässert. Bio seit mehr als 1000 Jahren, seit Karl der Große die Flächen anlegen ließ, um das aufstrebende Frankfurt mit Obst zu versorgen.

          Lange Geschichte: In den alten Auftragsbüchern sind noch Lieferungen von 1895 verzeichnet.

          Auch die Höhls hatten hier ihre Streuobstwiesen, einige gehören Johanna Höhl noch immer. In Hochstadt finden sich die Spuren der Apfelweindynastie, der sie entstammt. An der Hauptstraße mit den windschiefen Fachwerkhäusern erhebt sich das Gasthaus „Zur goldenen Krone“. Vom weinbewachsenen Innenhof kann man hochsehen zu den Räumen, in denen 1779 ein Michael Weber erstmals den Apfelwein ausschenkte, den er in der eigenen Kelterei hergestellt hatte und bis nach Frankfurt lieferte. Fortan erbten nur Töchter das Geschäft, das aber die Schwiegersöhne führten. Mit ihnen änderte sich der Name: Auf Weber folgte Wilhelm Schales, später heiratete ein Georg Rauch ein, 1934 schließlich Wilhelm Höhl aus Darmstadt.

          Sein Name steht ein Stück weiter vorne an der Hauptstraße, in zierlicher Schreibschrift über der Tür eines kleinen Hauses, in dem Johanna Höhls Schwester Martina als Innenarchitektin arbeitet. Von 1952 an befand sich hier das Büro der im Hof eröffneten Kelterei, heute ist dort eine Bank.

          Zehn Jahre später traute sich Rudolf Höhl auch mit Apfelessig in die Öffentlichkeit - weithin unbemerkt zunächst, denn mit den ersten Flaschen seiner Marke Bioess beliefert er nur das örtliche Reformhaus und eine ohnehin schon gesundheitsbewusste Klientel. Damals sprach man nicht von Marketing, aber der Chef der Apfelweinkelterei Höhl hatte ein Gespür für Trends. Sein größter Coup: Die Fernsehmacher der Sendung „Zum Blauen Bock“ überzeugte er in den sechziger Jahren, seinen Apfelwein „Blauer Bock“ nennen zu dürfen - unter der Auflage, „keine Werbung für die Sendung zu machen“.

          Das Gegenteil war der Fall. Das Geschäft mit Apfelwein brummte bald in ganz Deutschland. Um die Jahrtausendwende schaffte es überraschend auch Bioess in den Lebensmittelhandel: Apfelessig war plötzlich Fitnessgetränk und Abnehm-Wundermittel, sogar in Kapseln und als Haarspülung, die Glanz verhieß. Uschi Glas machte Werbung dafür, Johanna Höhl auch. Bis nach einigen Jahren das Interesse so schnell verebbte, wie es gekommen war - just in einer Phase, in der auch der Markt für Apfelwein einbrach. „Zum Blauen Bock“ war inzwischen eingestellt, in den Gaststätten und Bars zumindest außerhalb Hessens war plötzlich ein anderes Getränk populär: Weizenbier.

          Rudolf Höhl hatte da gerade ein neues Grundstück in Hochstadt erworben, um zu expandieren, mit einem Vertrag, der ihn auf Jahre nicht aus den finanziellen Verpflichtungen entließ. Es war der Anfang vom Ende - und vom neuen Anfang: 2013 starb Höhl im Alter von 86 Jahren. Er erlebte nicht mehr, wie seine Tochter nach dem Verlust des Apfelwein-Imperiums ausgerechnet mit Apfelessig, der ihm besonders am Herzen lag, die Höhlsche Tradition neu belebte.

          Die Zeit ist reif dafür. Yoga und Detox sind in, digital und physisch wollen die Menschen entgiften, entschlacken, loslassen. Man kennt sich aus mit freien Radikalen, also den Stoffwechselprodukten, die bei Übersäuerung durch einseitige Ernährung mit zu viel Fast Food und durch Dauerstress im Übermaß entstehen und dem Körper schaden können. Symptome der Übersäuerung sind Müdigkeit, Erschöpfung, Burnout. Apfelessig wirkt basisch, und die an Maleinsäure reiche Bio-Variante reguliert die Darmflora, einen wichtigen Teil des Immunsystems.

          Die Äpfel auf den Streuobstwiesen des Guts Höhl werden Biologisch angebaut.

          “In der Erfahrungsheilkunde und der Volksmedizin weiß man das schon lange, es ist ein uraltes Hausmittel“, sagt Johanna Höhl. Sie selbst hat mit 14 Jahren begonnen, täglich Wasser mit einem Schuss Apfelessig zu trinken. Die väterliche Mischung ergänzt sie heute mit Algen und Honig: „Ich mag das Süße und die kräftigende Wirkung von Honig.“

          Die heilsamen Wirkungen der Kombination aus den fermentierten Naturprodukten Apfelessig und Honig hat schon der amerikanische Arzt D. C. Jarvis in seinem Buch „5 x 20 Jahre leben“ beschrieben, das einst ihren Vater inspiriert hatte. Im Sortiment von Dr. Höhl's gibt es seit 2015 Bioess klar (vegan, da mechanisch und nicht mit Gelatine geklärt) und Bioess naturtrüb. 2016 ist die Rezeptur 1779 hinzugekommen, eine Verneigung vor der Geschichte der Familie, mit 60 Prozent Apfelessig und 40 Prozent Bio-Honig. „Drei Teelöffel davon entsprechen dem täglichen Energie-Cocktail von Dr. Jarvis“, sagt Johanna Höhl. Für sie verbinden sich darin „das Saure und das Süße“, Yin und Yang, Gesundheit und Genuss. Honig wurde lange als natürliches Antibiotikum genutzt. In der Verbindung mit Apfelessig ist er eine solide Basis für Salatsaucen (etwa mit feinem Olivenöl, Meersalz und Pfeffer aus der Mühle) und wirkt als „natürlicher Geschmacksverstärker“.

          Den Honig bezieht Johanna Höhl von Wiesen rund um Bad Driburg, unweit von Paderborn. Ihre Äpfel lässt sie auf den eigenen Streuobstwiesen ernten, und in Baden-Württemberg kauft sie noch zu. Das Obst und der gesamte Herstellungsprozess sind bio-zertifiziert. „Und wir haben eine Bio-Essigmutter“, ergänzt sie - also eine schwabbelige Masse aus Essigsäurebakterien, die aus ihrem eigenen Bioessig gewonnen wird, wichtige Nährstoffe und Enzyme für die Verdauung beisteuert und den Fortbestand der Produktion sichert. Noch macht Johanna Höhl sie nicht selbst, ein befreundeter Betrieb in Süddeutschland liefert sie. „Aber eine eigene Herstellung, das ist schon noch ein Traum!“

          Er könnte sich durchaus erfüllen, sagt Johannes Seibel. Er überraschte seine Mutter vor drei Jahren, als sie mit Familie und Freunden ihren 60. Geburtstag in Istanbul feierte, auf einer Dachterrasse am Goldenen Horn mit den Worten: „Mama, ich komme und helfe dir!“

          Statt Luxushotellerie auf Mallorca und Schanghai, wo der Hotelfachmann als Restaurantleiter bei Kempinski gearbeitet hatte, zurück nach Maintal. Nach Hochstadt, wo jedes Mal, wenn er die alte Kelterei betritt, in der sich heute das Lager der jungen Firma befindet, Erinnerungen an die Kinderzeit hochkommen. Die große Halle steht leer. „Aber ich hab' dort immer das Gefühl, ich hör' die Abfüllanlagen, das Klirren der Glasflaschen, diesen Riesenlärm, und mir steigt noch dieser säuerliche Geruch nach Apfel und Hefe in die Nase.“ Gerade hat er sich als Junglandwirt angemeldet, und er muss noch einen Schnittkursus machen, damit er auf einer Streuobstwiese den 300 Jahre alten Speierlingbaum der Sippe wieder in Form bringen kann. „Der ist so dick, da könnte ein Kleinwagen reinpassen.“ Ein wahrer Stamm-Baum.

          Der Verkauf lief 1913 noch gemächlich ab. Heute gibt es die Apfelessig-Produkte online sowie in Frankfurt in den Hessenshops und in den Läden von Meyer Feinkost.

          Mit 30 Jahren ist Johannes Seibel nun Geschäftsführer. An wichtige Kunden liefert er auch persönlich aus. „Mama lenkt das Schiff.“ Seine Schwester Anna Seibel ist als selbständige Kommunikationsdesignerin mit eigenem Studio für die Kommunikation und das frische Erscheinungsbild zuständig. „Wir sind die neunte Generation, wir wollen, dass unsere Familiengeschichte weitergeht.“ Ihr Büro haben die Geschwister bei der Mutter im Haus, wo noch alte Lieferbücher von 1895 und 1912 aufbewahrt werden. In steiler Bleistiftschrift sind säuberlich die Bestellungen notiert, vielfach aus der Region, aber auch aus der Ferne: Am 2. April 1912 gingen 112 Liter Apfelwein an einen Professor in Breslau, Frau von Protzen auf Gut Trebitz in der Provinz Sachsen bekam 31 Liter. Kein Eintrag zu Apfelessig.

          In den neuen Auftragsbüchern finden sich neben Bioess und Rezeptur 1779 auch Pomp classique, Rheingauer Riesling-Sekt versetzt mit Hochstädter Apfelwein, zudem Pomp blanc und Pomp Rosé, zwei Cuvées aus Riesling-Sekt und Champagner-Reinette, einer selten gewordenen edlen Apfelsorte. Der Name spielt mit dem französischen Wort für Apfel, „pomme“, die Flasche trägt Schwarz mit silbrig-weißem oder roséfarbenem Namenszug.

          Und gerade haben die drei nachgelegt. Seit wenigen Wochen gibt es Pomp als „Grande Cuvée 0,0“. „Fein Stöffsche“, sagt Johanna Höhl. Die Gastronomie ordert kräftig. Geplant hatte die Chefin die nullprozentige Variante schon lange, aber als Schwiegertochter Christina im Frühjahr schwanger war und gerne „etwas G'scheites trinken wollte, was auch schmeckt“, setzte sie die Idee um. „Das könnte auch was für den arabischen Markt sein“, überlegt Johannes Seibel, dessen Hotelkarriere auch eine Station in Dubai aufweist: „Da gab's immer Dattelsaft.“

          Den alkoholfreien Pomp hat Anna Seibel in pinkfarbenes Seidenpapier gehüllt, mit Reiterlogo in Gelb und Magenta. „Ich habe dafür den Kupferstich digitalisiert und umgefärbt, der bei meinen Großeltern väterlicherseits hängt“, sagt die Vierunddreißigjährige, die selbst leidenschaftliche Reiterin ist wie ihre Vorfahren. Frei nach dem Motto: Reiten und Autofahren erlaubt. Zumal der hellrote Aperitif perlt wie Champagner, aber aus reinen Biofruchtsäften mit Superfoods wie Aroniabeeren besteht. Außerdem stecken 21 Kräuter und Gewürze darin, darunter Vanille, Chili, Ginseng und leicht bitterer Bockshornklee. Abgerundet, natürlich, mit einem Schuss Apfelessig.

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