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Firmenerbin auf neuen Wegen : Johanna Höhl macht jetzt in „Essisch“

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Den Honig bezieht Johanna Höhl von Wiesen rund um Bad Driburg, unweit von Paderborn. Ihre Äpfel lässt sie auf den eigenen Streuobstwiesen ernten, und in Baden-Württemberg kauft sie noch zu. Das Obst und der gesamte Herstellungsprozess sind bio-zertifiziert. „Und wir haben eine Bio-Essigmutter“, ergänzt sie - also eine schwabbelige Masse aus Essigsäurebakterien, die aus ihrem eigenen Bioessig gewonnen wird, wichtige Nährstoffe und Enzyme für die Verdauung beisteuert und den Fortbestand der Produktion sichert. Noch macht Johanna Höhl sie nicht selbst, ein befreundeter Betrieb in Süddeutschland liefert sie. „Aber eine eigene Herstellung, das ist schon noch ein Traum!“

Er könnte sich durchaus erfüllen, sagt Johannes Seibel. Er überraschte seine Mutter vor drei Jahren, als sie mit Familie und Freunden ihren 60. Geburtstag in Istanbul feierte, auf einer Dachterrasse am Goldenen Horn mit den Worten: „Mama, ich komme und helfe dir!“

Statt Luxushotellerie auf Mallorca und Schanghai, wo der Hotelfachmann als Restaurantleiter bei Kempinski gearbeitet hatte, zurück nach Maintal. Nach Hochstadt, wo jedes Mal, wenn er die alte Kelterei betritt, in der sich heute das Lager der jungen Firma befindet, Erinnerungen an die Kinderzeit hochkommen. Die große Halle steht leer. „Aber ich hab' dort immer das Gefühl, ich hör' die Abfüllanlagen, das Klirren der Glasflaschen, diesen Riesenlärm, und mir steigt noch dieser säuerliche Geruch nach Apfel und Hefe in die Nase.“ Gerade hat er sich als Junglandwirt angemeldet, und er muss noch einen Schnittkursus machen, damit er auf einer Streuobstwiese den 300 Jahre alten Speierlingbaum der Sippe wieder in Form bringen kann. „Der ist so dick, da könnte ein Kleinwagen reinpassen.“ Ein wahrer Stamm-Baum.

Der Verkauf lief 1913 noch gemächlich ab. Heute gibt es die Apfelessig-Produkte online sowie in Frankfurt in den Hessenshops und in den Läden von Meyer Feinkost.

Mit 30 Jahren ist Johannes Seibel nun Geschäftsführer. An wichtige Kunden liefert er auch persönlich aus. „Mama lenkt das Schiff.“ Seine Schwester Anna Seibel ist als selbständige Kommunikationsdesignerin mit eigenem Studio für die Kommunikation und das frische Erscheinungsbild zuständig. „Wir sind die neunte Generation, wir wollen, dass unsere Familiengeschichte weitergeht.“ Ihr Büro haben die Geschwister bei der Mutter im Haus, wo noch alte Lieferbücher von 1895 und 1912 aufbewahrt werden. In steiler Bleistiftschrift sind säuberlich die Bestellungen notiert, vielfach aus der Region, aber auch aus der Ferne: Am 2. April 1912 gingen 112 Liter Apfelwein an einen Professor in Breslau, Frau von Protzen auf Gut Trebitz in der Provinz Sachsen bekam 31 Liter. Kein Eintrag zu Apfelessig.

In den neuen Auftragsbüchern finden sich neben Bioess und Rezeptur 1779 auch Pomp classique, Rheingauer Riesling-Sekt versetzt mit Hochstädter Apfelwein, zudem Pomp blanc und Pomp Rosé, zwei Cuvées aus Riesling-Sekt und Champagner-Reinette, einer selten gewordenen edlen Apfelsorte. Der Name spielt mit dem französischen Wort für Apfel, „pomme“, die Flasche trägt Schwarz mit silbrig-weißem oder roséfarbenem Namenszug.

Und gerade haben die drei nachgelegt. Seit wenigen Wochen gibt es Pomp als „Grande Cuvée 0,0“. „Fein Stöffsche“, sagt Johanna Höhl. Die Gastronomie ordert kräftig. Geplant hatte die Chefin die nullprozentige Variante schon lange, aber als Schwiegertochter Christina im Frühjahr schwanger war und gerne „etwas G'scheites trinken wollte, was auch schmeckt“, setzte sie die Idee um. „Das könnte auch was für den arabischen Markt sein“, überlegt Johannes Seibel, dessen Hotelkarriere auch eine Station in Dubai aufweist: „Da gab's immer Dattelsaft.“

Den alkoholfreien Pomp hat Anna Seibel in pinkfarbenes Seidenpapier gehüllt, mit Reiterlogo in Gelb und Magenta. „Ich habe dafür den Kupferstich digitalisiert und umgefärbt, der bei meinen Großeltern väterlicherseits hängt“, sagt die Vierunddreißigjährige, die selbst leidenschaftliche Reiterin ist wie ihre Vorfahren. Frei nach dem Motto: Reiten und Autofahren erlaubt. Zumal der hellrote Aperitif perlt wie Champagner, aber aus reinen Biofruchtsäften mit Superfoods wie Aroniabeeren besteht. Außerdem stecken 21 Kräuter und Gewürze darin, darunter Vanille, Chili, Ginseng und leicht bitterer Bockshornklee. Abgerundet, natürlich, mit einem Schuss Apfelessig.

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