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Was kaufen Sie denn?

Protokolle KATRIN HUMMEL, Fotos WOLFGANG EILMES und FRANK RÖTH

12.07.2016 · Kein anderer Mensch ist uns ein größeres Geheimnis als jener, der im Supermarkt an der Kasse neben uns steht: Rätselhaft, was manche Leute aufs Förderband legen. Wir haben Shopper in zwei großen Frankfurter Märkten gebeten, uns ihre Einkäufe zu erklären.

Vier Gänge Joachim T., 61

Der Wein ist für eine Party der Alumni meiner Stipendienorganisation. Da kommen dreißig Leute. Die anderen bringen Salate und so was mit, ich hingegen kaufe mich frei. Ansonsten kaufe ich hier aber nur Wasser, ich gehe normalerweise in andere Geschäfte oder auf den Markt. Da ist die Fleischqualität besser. Man sagt mir nach, dass ich sehr gut koche. Italienisch, französisch oder deutsch. Ich lebe allein und habe öfter Gäste, dann mache ich mindestens drei Gänge. Früher auch gern mal vier oder noch mehr, aber die Leute werden älter und essen immer weniger. Die Haushaltsmittel sind für meine Putzfrau, sie schreibt mir auf, wenn was fehlt.

Patenkind Claudia Bernard, 51

Für mich ist es der pure Luxus, dass ich vormittags einkaufen kann. Normalerweise, wenn ich keinen Urlaub habe, komme ich nach 22 Uhr, denn ich arbeite Vollzeit, noch bis Ende des Monats. Dann nehme ich ein Sabbatical, Stress rausnehmen. Wir haben drei Kinder, 11, 13 und 15, und drei Meerschweinchen. Der Käse hier ist für heute Abend, wir bekommen Besuch, alte Freunde aus Hamburg und das Patenkind meines Mannes, und ich weiß nicht, ob die schon gegessen haben.

Coach David Wilson, 48

Das Bier kaufe ich, um mich zu betrinken. Ganz ehrlich, warum sollte man sonst Bier trinken? Es schmeckt doch gar nicht. Die Kinderschokolade ist für meine Tochter, die zu Besuch ist. Sie geht in Amerika aufs College, und man kann sie dort nicht bekommen. Die Hefter sind auch für mich, ich brauche sie, um Spielerprofile anzulegen. Zu Hause in Amerika war ich Journalist, aber hier bin ich bei den Frankfurt Eagles und bei den Frankfurt Äpplers Coach für Baseball- und Softball-Teams - auch so eine Art Fulltime-Job. Und ich bin bei uns zu Hause auch derjenige, der kocht.

Nach Deutschland bin ich gekommen, weil meine Frau hier an der amerikanischen Botschaft arbeitet. Sie stellt Ermittlungen zu Verbrechen an und macht Verbrecher ausfindig. Wir haben wegen ihres Jobs schon überall auf der Welt gelebt, und dass wir nach Frankfurt gekommen sind, betrachte ich als glückliche Fügung. Hier in Deutschland ist alles so geschichtsträchtig, und meine Frau hat deutsche Vorfahren. Wir entdecken hier das, wovon uns ihre Großeltern erzählt haben: den Rhein und so.

Klausuren Linjun Zeng, 15

Ich bin in Shanghai aufgewachsen und mit 13 alleine nach Deutschland gekommen. Meine Eltern meinten, es sei besser für mich, wenn ich hier zur Schule ginge. Damals sprach ich kein Deutsch und hatte Heimweh. Jetzt ist es besser. Ich lebe in einem Internat und besuche dort ein Gymnasium. Hier in Frankfurt bin ich nur fürs Wochenende, ich besuche meine Cousine. Ich will mir was kochen: eine Suppe aus Chinakohl und ein bisschen Fleisch. Ob meine Cousine mitessen wird, weiß ich nicht. Sie ist 20 und studiert schon; sie lernt ständig und nimmt sich kaum Zeit zum Essen. Ich muss auch viel lernen, nächste Woche schreibe ich Klausuren.

Vitamine Hans Lamby, 59

Ich bin Lehrer für Philosophie und Ethik. Eigentlich wollte ich auch Wodka kaufen, ich bekomme heute Abend Gäste, fünf Leute, aber sie haben hier im Laden keinen mehr im Regal stehen. Und für den teuren, der in einem Glasschrank steht, hat keiner der Mitarbeiter einen Schlüssel. Was ich stattdessen jetzt machen werde? Ich habe mir gerade überlegt, dass es lustig wäre, wenn ich beim Eintreffen meiner Gäste Limonensaft pressen und Eis zerstoßen würde. Und wenn sie dann fragen, wo der Wodka ist, sage ich, dass wir uns heute Abend nur Vitamine zuführen werden - mit Zucker, auf Eis. Wär doch mal was anderes.

Streuobst Manuela Melchior, 52

Wir haben eine kleine Streuobstwiese mit elf Apfelbäumen, einem Kirschbaum und Johannisbeeren. Aber in diesem Jahr haben die kein Aroma, die Sonne hat gefehlt. Deswegen kaufe ich hier zur Ergänzung ein. Morgens essen wir Müsli mit frischem Obst und ohne Zucker. Wir ernähren uns sehr gesund, aber nicht nach irgendeiner Mode. Aber wir essen keine Konserven, keine Fertigsaucen und meist Biofleisch. Und wir trinken keine Säfte, sondern nur Wasser oder Tee. Meine Tochter arbeitet im Bioladen und bringt von dort viel mit. Manches ist mir aber im Bioladen zu teuer, und das Gemüse finde ich hier im Markt auch besser.

Sattmacher Marco Korb, 38

Das ist mein Essen fürs Wochenende. Ich lebe allein und kaufe dann am Montag wieder ein. Bis dahin gibt es Käsebrot, Suppe aus der Dose oder Tüte, Tiefkühlpizza oder Spaghetti. Wie ich grad Lust hab. Zwischendurch geh ich aber auch zu McDonald’s oder ins Chinarestaurant. Sonst wär das doch ein bisschen wenig. Ich hätte gern noch mehr eingekauft hier, vielleicht ein Steak oder Hackfleisch. Oder zehn Beutel Katjes statt nur einen. Aber das ist nicht drin, ich bin auf Hartz IV; zuletzt habe ich in einem Markt an der Kasse gesessen.

Weil ich auf Hartz IV bin, kaufe ich auch kein Gemüse und Obst. Das macht nämlich nicht so satt. Wenn, dann kaufe ich Kartoffeln, die machen satt, das ist eine alte Bauernregel. Ich kaufe deswegen auch Vollkornbrot statt Weißbrot. Wenn ich ehrlich bin, dann hätte ich kein Problem, alles, was ich jetzt gerade gekauft habe, auf einmal zu essen. Aber das geht ja nicht, das Geld muss ja reichen. Ich habe auch mal eine Tafel ausprobiert, aber da kriegt man hauptsächlich Gemüse und Obst mit, und wenn man allein ist, kann man gar nicht alles verwerten, weil es schon schrumpelig ist. Außerdem muss man Stunden warten, bis man drankommt. Deswegen gehe ich da nicht mehr hin.

Stresshemmer Yacine Oukacha, 33

Das hier sind alles Antioxidantien, und die brauche ich. Antioxidantien sind Stresshemmer, die entgiften den Körper, ich habe viel darüber gelesen. Man findet Antioxidantien in dunklen Früchten, je dunkler, desto besser. Die beste Stufe ist schwarz, daher habe ich so viele Brombeeren gekauft. Es wäre noch besser, wenn die Brombeeren Bio wären. Die Tomaten habe ich gekauft, weil Magnesium drin ist, das brauche ich auch. Ich bin Student der Elektrotechnik, ich muss mich konzentrieren. Die Avocados essen wir einerseits als Dessert, andererseits macht meine Frau eine Gesichtsmaske damit. Die Sachen hier reichen für drei Tage.

Gemeindefest Helga & Fritz Stoll, 71 & 73

Die Wurst ist für heute Mittag. Da gibt es Kartoffeln, Fleischwurst, Leberwurst, Blutwurst und Salat. Ein ganz einfaches Gericht, von Fritz’ Eltern übernommen. Kochen tut’s aber die Helga. Am Samstag macht sie auch noch Kartoffelsalat, für den Verkauf bei einem Gemeindefest. Fritz hilft nicht beim Kochen, dafür hilft er im Haushalt. Der Toast ist fürs Abendbrot. Da gibt’s für jeden ein normales Brot, ein Knäckebrot und einen Toast. Und danach einen Obstteller.

Zwillinge Laurent Nkane, 37

Der Saft ist für meine Kinder, ich habe fünfjährige Zwillinge und ein Neunjähriges. Ansonsten kochen wir heute Pommes und afrikanisches Essen, eine Kombination. Ich komme aus Kamerun, habe hier Politikwissenschaften studiert und mache jetzt in Import-Export: Autos und Gebrauchtwaren. Ich mag afrikanisches Essen lieber, meine Frau, die auch aus Kamerun stammt, aber hier aufgewachsen ist, bevorzugt europäisches Essen, und die Kinder essen alles und sprechen auch alle Sprachen: Deutsch, Französisch und Afrikanisch. Die Orangen schmecken hier aber schon deutlich anders als in Afrika, dort sind sie süßer und alles bio, und wenn man sie presst, kommt viel mehr Saft raus.

Am Vierertisch Helga Schuster, 79

Ich lebe im Altersheim und werde da versorgt. Aber frisches Gemüse gibt’s da so gut wie nie, und Wein und Blumen auch nicht. Deswegen kaufe ich diese Dinge hier. Ansonsten geht es mir aber gut im Altersheim, das Bett wird gemacht, und saubergemacht wird auch, mein Zimmer ist phantastisch, und ich bekomme die Zeitung vom Hausmeister ans Bett gebracht. Na gut, er bekommt auch Geld dafür. Aber so lange man tiptop im Kopf ist, kann ich das Heim wirklich empfehlen.

Notfalleinheit Juan Kessler, 19

Das hier sind zwei Flaschen Äppler und eine Flasche Saft. Der Äppler ist, um heute Abend Spaß zu haben mit Freunden aus der Gesamtschule, und der Saft ist als Notfall-Kohlenhydrateeinheit, weil ich Diabetiker bin. Zu knabbern wird es auch noch was geben, das bringen die anderen mit.

Rückzahlung Herr W., ohne Alter, ohne Bild

Das hier wird am Wochenende in Verbindung mit Brot, das ich noch zu Hause habe, mein Essen. Der Quark ist das Frühstück und die Zwischenmahlzeit, der Rest ist Mittag- und Abendessen. Warm kochen kann ich leider nicht, ich habe keinen Strom, weil ich die Stromrechnung nicht bezahlt habe. War eine Zeitlang weg, in Italien, ich hab da Gitarre gespielt, um mich über Wasser zu halten. Seit Januar bin ich zurück, ich habe aber keinen Job und konnte die Rückzahlung beim Stromversorger noch nicht machen. Ich habe mein Studium abgebrochen und war danach in der Versicherungsbranche tätig, dann bin ich entlassen worden. Seit einem halben Jahr suche ich massiv eine neue Stelle. Warum ich jetzt hier mit Riesenkoffer, Reisetasche und Gitarre auf dem Rücken einkaufe? Da ist alles drin, was ich habe. Bei mir zu Hause ist es im Moment nicht sicher, es kann sein, dass meine Wohnung, die ich noch nicht ganz abbezahlt habe, bald gepfändet wird.

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F.A.Z.-Multimedia: Ulrike Engel

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.07.2016 14:07 Uhr