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Weinanbau : Warum Sie ein Anrecht auf alte Reben haben

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Die Blätter der abgeernteten, oftmals sehr alten Reben an der Mosel schillern in gelb-grünen Farben. Bild: dpa

Wissen Sie, wie alt die Reben Ihres Lieblingsweines sind? Vermutlich nicht, interessant ist es dennoch. Ein kleines Loblied auf zwei Auslesen von der Mosel, wie sie nirgends auf der Welt kopiert werden können.

          Der Geschmack eines Weines hat mit dem Alter der Reben nicht unbedingt etwas zu tun. Daher steht dieses, im Gegensatz zum weit maßgeblicheren Erntejahr, nicht auf dem Etikett. Das Rebalter besagt per se weder etwas über den Stil noch die Qualität des Weines. Die Bezeichnung „Alte Reben“ ist zudem gesetzlich nicht geschützt und wird häufig dann bemüht, wenn einem sonst nichts einfällt, um einen Wein bezeichnungstechnisch aufzuwerten oder von einem ähnlichen Wein abzugrenzen. Manche Produzenten meinen, 15 Jahre sei für einen Rebstock schon alt. Nur: Stellen Sie sich Kinder mit 15 Jahren auch als alte Recken vor, die besonders reife Leistungen hervorbringen? Eben.

          In einigen Gebieten Frankreichs scheint die Selbstdisziplin höher. Viele Winzerinnen und Winzer etwa in Burgund und im Elsass beteuern, ihre vignes (Reben) nicht vieilles (alt) zu nennen, bevor diese nicht 30, 40 oder gar 50 Jahre aufweisen können. Weinbau wird hier als Mehrgenerationenprojekt begriffen, was angesichts der Tatsache, dass Weinreben mindestens so alt werden können wie Menschen, auch sinnvoll erscheint. Einige Winzer, die sich ihren Spaß mit dem inflationär gebrauchten Ausdruck der „Vieilles Vignes“ erlauben, nennen ihre von 15- oder 20-jährigen Stöcken stammenden Weine augenzwinkernd „Jeunes Vignes“, also Junge Reben.

          Die Welt schätzt die Mosel für ihren Spaßwein

          An der Mosel, wo etwa acht Prozent der Rebstöcke älter als 50 Jahre und vielfach sogar noch wurzelecht und bis zu 120 Jahre und älter sind, nennt Johannes Selbach seine feinherbe Zeltinger Sonnenuhr Spätlese augenzwinkernd „Ur-alte Reben“. Die noch am Einzelpfahl gezogenen Stöcke dieses Weinbergs am rechten Moselufer wurden nachweislich vor 1910 gepflanzt. Und der Wein? Schmeckt als 2017er derart vital, dass man kaum das Glas absetzen mag, bevor nicht klar ist, dass gleich eine zweite Flasche auf dem Tisch steht – mindestens.

          Hach, die Welt da draußen schätzt die Herkunft Mosel für diese leichten, feinfruchtig-würzigen und doch ausdrucksvollen Spaßweine, weil sie nirgends auf der Welt kopiert werden können. Man stelle sich vor: Die nämlichen Rebstöcke haben ja schon jene Trauben getragen, aus denen die Rieslinge gekeltert wurden, die noch bis in die 1920er Jahre hinein und bis nach New York Spitzenpreise erzielt haben, von denen deutsche Winzer heute nur träumen können.

          Ein weiterer Spitzenwein des Zeltinger Betriebs heißt „Anrecht“ und kommt von einem sehr warmen, rein nach Süden gerichteten Flurstück innerhalb des Zeltinger Himmelreichs, das wie die Sonnenuhr schon Mitte des 18. Jahrhunderts als Spitzenlage klassifiziert war. Die Reben wurzeln hier zwar erst seit 1980 im Schieferverwitterungsboden, sind aber nicht auf amerikanischen, reblausresistenten Unterlagen aufgepfropft, sondern wurzelecht wie die ältesten Reben an der Mosel. Das ergibt einen, wie ich finde, tieferen und vor allem ruhigeren Wein von nahtloser Konsistenz und großer Generosität. Es ist bei dieser himmlischen Auslese aber weniger das Rebalter interessant als der alte, heute in Deutschland nur noch selten praktizierte Ansatz, alle Trauben gleichzeitig am Ende der Lese zu ernten und nicht, wie sonst üblich, über Tage oder gar Wochen hinweg nur das jeweils Beste selektionierend.

          Die Gefahr der deutschen Überselektion, die auf homogen reife Trauben setzt anstatt auf ein gesundes Mischverhältnis von perfekt reifen mit leicht unterreifen und überreifen, besteht darin, einen allzu charmanten und vielleicht spannungslosen oder gar schwerfälligen Wein zu ernten, dem es an Leichtigkeit, Energie und Frische mangelt. Spannung entsteht im Wein vor allem dadurch, dass reife und frische sowie strukturelle Komponenten in einem ausbalancierten Verhältnis stehen und auf einem festen Fundament ihr leichtfüßiges, trinkanimierendes Spiel spielen. Eine solche durchaus bunt kolorierte Traube ist der authentischste Ausdruck eines Terroirs wie auch des Jahrgangs. Im Anrecht sind 2017 wie auch 2018 jeweils großartige Auslesen gewachsen, auch wenn sie nicht wie eine klassische Auslese selektioniert wurden, sondern wie große Vendanges Tardives am Ende der Traubenlese auf die Kelter gekommen sind.

          Anmerkung des Autoren

          Beide Weine sind zu 23 bzw. 25 Euro über das Weingut, Tel. 06532/2081, zu beziehen.

          Schließlich muss ich kurz Abbitte leisten. Letztes Mal haben wir aus der promovierten Önologin Simone Adams unbemerkt eine Ökologin gemacht, was ihrer Einstellung zwar entspricht, nicht aber den Tatsachen. Ebenso wenig stimmt es, dass ihre Frühburgunderreben 60 Jahre alt sind, denn das sind nur die Fässer, in denen er reift, während die Stöcke 1995 gepflanzt wurden. Nicht dass Sie sich wundern, warum der so gepriesene 2016er so jugendlich schmeckt.

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