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Alkoholfreie Getränke : Nüchtern betrachtet

  • -Aktualisiert am

Ein neues Getränk ist wie ein neues Gericht

"Das Bedürfnis nach alkoholfreien Getränken war eigentlich schon immer da", sagt Becker. "Im Zuge eines zunehmend gesunden Lebensstils wird es jetzt noch trendiger." Es begann in der gehobenen Gastronomie schon vor ein paar Jahren - als Sommeliers neben Weinkarten auch ellenlange Wasserkarten druckten und neben Smoothies auch Wässerchen aus Kokosnüssen, Ahorn- oder Birkenbäumen in Mode kamen. Solche Flüssigkeiten zu servieren ist aber noch keine kreative Eigenleistung.

Paprikareduktion mit Birnenschaum - zu Germknödel, Heidelbeere und Sauerklee.

Im Einsunternull und im Horvath dagegen wird die alkoholfreie Begleitung ziemlich ernst genommen. Sich ein neues Getränk zu überlegen koste nicht weniger Zeit, als sich ein neues Gericht auszudenken, sagt Frank. Ein Wein sei hingegen ein Convenience-Produkt. "Da holen wir die Flasche hoch, machen sie auf und fertig."

Geringe Wertschätzung

Alkoholfreie Getränke sind nicht nur aufwendig in Entwicklung und Herstellung - die Karte ändert sich auch so schnell wie bei den Menüs. Sie sind daher am Ende so teuer wie Wein. Die Gäste haben das noch nicht alle verstanden. "Die deutsche Mentalität geht stark auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung", sagt Frank. "Die sehen, dass ein Glas Wein zehn Euro kostet, und verstehen nicht, warum ein Glas Karottensaft das Gleiche wert sein soll."

Alkoholfreie Getränke werden überhaupt wenig wertgeschätzt. Wer nicht trinkt, macht sich verdächtig: Frauen wird gerne unterstellt, sie seien schwanger, Männern, sie lebten trocken. Vom Nüchternen fühlt man sich geradezu bedroht. Gemeinsam zu picheln, das ist ein gesellschaftlich akzeptierter kontrollierter Exzess, ein gemeinschaftlicher Ausbruch aus dem Alltag. Ein Getränk abzulehnen ist in dieser Logik ein Affront gegen das soziale Gefüge. Ein Mensch, der "nüchtern" ist, gilt nicht umsonst als leidenschaftslos, trocken und fad.

Waldmeisteressig mit Gemüsesaft und Dillblüte - zu gelber Bete, Mohn und Dillblüte.

Weniger, aber besser trinken?

Sebastian Frank will die Freunde des Alkohols nicht missionieren. "Wein ist ein hoch geschätztes Kulturgut", sagt er. Und Bier galt früher als Grundnahrungsmittel, weil Wasser oft verunreinigt war. Dem Alkohol, der Keime tötet, verdankt die Menschheit also viel.

Und am Ende eines Horvath-Abends lachen die Trinker natürlich am lautesten. Auch in diesen Artikel ist ein Glas Wein geflossen. Aber immer mehr Menschen sind offenbar der Meinung, dass es auf das richtige Maß ankommt. Tatsächlich wird heute weniger getrunken. Seit 1990 ist der Pro-Kopf-Konsum von reinem Alkohol von 12,1 auf 9,6 Liter im Jahr gesunken. Vielleicht wird heute weniger und dafür besser getrunken? "Die Spirituosenindustrie ist eine Wachstumsbranche, wegen des hochwertigen Segments", sagt Stefan Weber, Geschäftsführer der Berliner Victoria Bar, einer guten Anlaufstelle für intelligente Trinker. "Das Wachstum kommt also nicht von den Elends-, sondern den Genusstrinkern."

Molke mit Leindotteröl, Honig und Meerrettich - zu Zwiebel, Paradeiser und Brot.

Das Beste aus beiden Welten

Der Bar-Chef, der gemeinsam mit seinen Partnern ein Buch zum Thema verfasst hat ("Die Schule der Trunkenheit. Eine kurze Geschichte des gepflegten Genießens"), kann einen Rückgang des Alkoholkonsums trotz des Mentalitätswechsels nicht bestätigen. "Es gibt im Zuge der Renaissance altmodischer Cocktails einen starken Trend zu höheren alkoholischen Dosierungen", sagt Weber. Diese Entwicklung spricht für Extreme: hin zu einem gesunden Lebensstil ohne böse Promille einerseits und hin zum starken, aber gepflegten Tropfen andererseits.

Wer weiß, vielleicht wird der Konsum von Alkohol zumindest unter den Genusstrinkern irgendwann nur noch ein so seltenes wie teures Hobby sein. Im Horvath hat sich Sebastian Frank ohnehin auf alles eingestellt. Dort gibt es auch die Möglichkeit einer halben Weinbegleitung, bei der zu jedem Gang nur 0,05 Liter serviert werden. Viele Gäste machen es so: Einer bestellt die nüchterne, der andere die trunkene Variante, und beides wird geteilt. So lässt sich spielend das Beste aus beiden Welten genießen.

Fotos. Jens Gyarmaty

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