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Alkohol am Steuer : Der Kelchtest

„Nur zwei Bierchen“ ist wohl eine der am häufigsten genutzten Lügen in Verkehrskontrollen. Bild: dpa

Mit 1,6 Promille geht es für Autofahrer direkt zum Idiotentest. Aber wie viel Bier sind das überhaupt? Unser Autor wollte es wissen – und staunte nicht schlecht.

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          Zu den schlimmsten Urängsten, die den Menschen plagen können, gehört der Verlust der Beweglichkeit. Wahrscheinlich ist der Autofahrer deswegen bereit, verbissen und mit allen Tricks um seinen Führerschein zu kämpfen, während er die saftige Geldstrafe, die mit seinem Vergehen verbunden ist, vergleichsweise locker hinnimmt. Vom dringlichen Wunsch, wenigstens die Fahrerlaubnis zu retten, leben Heerscharen von Verkehrsanwälten.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Denn leider ist in vielen Fällen die Angst nicht so groß, dass man sich stets gesittet verhält. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich alljährlich rund 100.000 Menschen freiwillig eine medizinisch-psychologische Untersuchung MPU antun, die im Volksmund Idiotentest genannt wird. Gezwungen wird keiner, aber ohne ist der Lappen halt auf Dauer weg.

          Die Kunden dort sind, sagen wir es ehrlich, überwiegend Säufer. Erst mit deutlichem Abstand folgen die notorischen Schnellfahrer und die Kiffer. Wer gerne ein paar Glas zu viel hebt, dem ist jedes Mittel recht, um in der Verkehrskontrolle nicht aufzufallen. Im Internet kursieren deshalb allerlei Tricks für solche Fälle. Zum Beispiel soll eine Kupfermünze – am besten ein Fünf-Cent-Stück, weil es die größte ist – unter der Zunge die Anzeige des Testgeräts verwirren. Sie muss, wegen der Hygiene, zuvor in Gebissreiniger gebadet worden sein. Dem Effekt schadet das nicht – es gibt keinen. Minzpillen und Knoblauchzehen sind zwar wirksam, aber nicht in der erwünschten Richtung, weil sie den Verkehrshüter misstrauisch machen. Ein Geheimrezept gibt es freilich: den Mund voller Eiswürfel, das kühlt den Atem und senkt den angezeigten Alkoholwert. Aber wer hat schon ein Eisfach im Auto und traut sich auch noch, den Schupo anzunuscheln?

          Testtrinken mit dem TÜV

          Woher wir das alles wissen? Wir haben es ausprobiert. Das geht so: Man nehme sich reichlich Zeit für eine Auswahl geistreicher Getränke und einen Alkoholtester, dann kann's losgehen. Erste Versuche des Autors im Rahmen eines Workshops des Gymnasiums führten zu ausgelassener Heiterkeit unter den Klassenkameraden, aber nicht zu brauchbaren Ergebnissen. Grund waren die damals üblichen Pusteröhrchen, deren Inhalt sich im Atemalkohol mehr oder weniger grün verfärbt – sie sind für Messungen viel zu ungenau.

          Was zeigt das Testgerät?
          Was zeigt das Testgerät? : Bild: dpa

          Seit Mitte der neunziger Jahre pustet der deutsche Autofahrer in Geräte, die einem alten Mobiltelefon ähneln. So etwas kann man kaufen, es gibt sie schon für wenige Euro an der Tankstelle. Allerdings sehen die Billigheimer nur von weitem so aus wie jene der Polizei, und vor allem funktionieren sie nach einem anderen Prinzip: Die Luft wird über Halbleiter geblasen, deren elektrische Leitfähigkeit durch das Ethanol steigt. Die dafür verwendeten Metalloxide müssen zuvor heiß werden, also dauert es ein wenig bis zur Messung. Die freilich kann man sich sparen. Besser kommt klar, wer einen dreistelligen Betrag investiert und sich einen Tester anschafft, der nach dem Prinzip der Brennstoffzelle funktioniert: Je höher der Strom, der fließt, desto mehr Alkohol ist im Blut. Und je sensibler die Sensoren, desto teurer. Die Geräte der Polizei kosten etwa 600 Euro und sind recht genau.

          Mit so einem Exemplar startet unser zweiter Versuch. Der Autor ist gleichsam TÜV-geprüft, denn er hat im Dienste der Zeitung an einem Gelage des hessischen Überwachungsvereins teilgenommen, der das regelmäßig für Verkehrsjuristen anbietet. Das Ziel: Herantrinken an die magischen 1,6 Promille, mit denen der ertappte Kraftfahrer automatisch zum Idiotentest geladen wird. Der Zweck ist leicht erklärt: Es geht um das Märchen von den zwei Bierchen, mit dem der berauschte Delinquent dem Advokat gerne seine relative Unschuld beteuert.

          Nichts trinken – oder fahren lassen

          Spaß macht der Selbstversuch nicht unbedingt. Der Testtrinker fühlt sich als Laborratte, das Ambiente ist steril, das Essen (Schnitzel mit Kartoffelsalat) durchschnittlich. Und der Wein gruselt den Gourmet. Dennoch weist das Messprotokoll in der ersten Stunde vier Glas Weißburgunder aus; da er leicht ist, entspricht das 50 Gramm reinem Alkohol. Die nächste halbe Stunde gehört dem zweiten Schnitzel, gewürzt mit zwei Ramazzotti und zwei Grappa. Das Essen verhindert die Aufnahme des Alkohols ins Blut nicht, verzögert sie aber. Der Grappa ist genießbar, es folgen also vier weitere, mittlerweile sind zweieinhalb Stunden um. Bier auf Wein, das ist fein, den Abschluss bilden folglich drei hastig gekippte Flaschen Pilsner. Laut Protokoll kommen an diesem Abend 150 Gramm Alkohol zusammen.

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          Rechnen wir. Eine Näherung liefert die Widmark-Formel. Die Promille ergeben sich demnach aus der Alkoholmenge in Gramm, verteilt auf die Körperflüssigkeit. Deren genauen Anteil am Gewicht wird kaum jemand kennen, weshalb Verfeinerungen der Formel, die Alter, Fettanteil und Körpergröße berücksichtigen, kaum Erkenntnisgewinn bringen. Für Männer werden etwa 68 Prozent, für Frauen 55 Prozent angenommen. Macht für den knapp 90 Kilogramm schweren Tester errechnete 2,5 Promille.

          Was zeigt das Testgerät? Nach den vier Glas Wein sind es 0,48 statt der erwarteten 0,8 Promille, am Ende der Tour stehen statt der fast schon lebensbedrohlichen Konzentration relativ mäßige 1,06 im Protokoll. Fahrtauglich fühlt sich der Tester indessen schon lange nicht mehr.

          Die Differenz zwischen errechnetem und tatsächlichem Ergebnis zugunsten des Trinkers ist erstaunlich, für den Fachmann aber nicht überraschend. Denn ein Teil des getrunkenen Alkohols wird vom Körper erst gar nicht aufgenommen. Das können 10, aber auch 30 Prozent sein. Und die Leber macht sich unverzüglich an die Arbeit, sie baut das Gift wieder ab. Meist wird näherungsweise mit 0,1 Promille je Stunde gerechnet, es können aber auch 0,2 sein, wobei das nicht nur von der Veranlagung, sondern auch von der Tagesform abhängt. Hier hat der Tester offenbar einen guten Tag erwischt, denn unter den günstigsten Annahmen kommt nach knapp vier Stunden rechnerisch tatsächlich der gemessene Wert heraus. Es hätten aber ebenso gut 1,8 Promille werden können. Eine Möglichkeit, sich an die gesetzliche Grenze von 0,5 Promille mit Abschlag heranzutrinken, sind solche Exempel also nicht. Im Fall eines Unfalls sind schon 0,3 Promille zu viel. Deshalb gilt nach dieser Erfahrung für den Autobesitzer erst recht: Nichts trinken – oder fahren lassen.

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