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Alkohol am Steuer : Der Kelchtest

Mit so einem Exemplar startet unser zweiter Versuch. Der Autor ist gleichsam TÜV-geprüft, denn er hat im Dienste der Zeitung an einem Gelage des hessischen Überwachungsvereins teilgenommen, der das regelmäßig für Verkehrsjuristen anbietet. Das Ziel: Herantrinken an die magischen 1,6 Promille, mit denen der ertappte Kraftfahrer automatisch zum Idiotentest geladen wird. Der Zweck ist leicht erklärt: Es geht um das Märchen von den zwei Bierchen, mit dem der berauschte Delinquent dem Advokat gerne seine relative Unschuld beteuert.

Nichts trinken – oder fahren lassen

Spaß macht der Selbstversuch nicht unbedingt. Der Testtrinker fühlt sich als Laborratte, das Ambiente ist steril, das Essen (Schnitzel mit Kartoffelsalat) durchschnittlich. Und der Wein gruselt den Gourmet. Dennoch weist das Messprotokoll in der ersten Stunde vier Glas Weißburgunder aus; da er leicht ist, entspricht das 50 Gramm reinem Alkohol. Die nächste halbe Stunde gehört dem zweiten Schnitzel, gewürzt mit zwei Ramazzotti und zwei Grappa. Das Essen verhindert die Aufnahme des Alkohols ins Blut nicht, verzögert sie aber. Der Grappa ist genießbar, es folgen also vier weitere, mittlerweile sind zweieinhalb Stunden um. Bier auf Wein, das ist fein, den Abschluss bilden folglich drei hastig gekippte Flaschen Pilsner. Laut Protokoll kommen an diesem Abend 150 Gramm Alkohol zusammen.

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Rechnen wir. Eine Näherung liefert die Widmark-Formel. Die Promille ergeben sich demnach aus der Alkoholmenge in Gramm, verteilt auf die Körperflüssigkeit. Deren genauen Anteil am Gewicht wird kaum jemand kennen, weshalb Verfeinerungen der Formel, die Alter, Fettanteil und Körpergröße berücksichtigen, kaum Erkenntnisgewinn bringen. Für Männer werden etwa 68 Prozent, für Frauen 55 Prozent angenommen. Macht für den knapp 90 Kilogramm schweren Tester errechnete 2,5 Promille.

Was zeigt das Testgerät? Nach den vier Glas Wein sind es 0,48 statt der erwarteten 0,8 Promille, am Ende der Tour stehen statt der fast schon lebensbedrohlichen Konzentration relativ mäßige 1,06 im Protokoll. Fahrtauglich fühlt sich der Tester indessen schon lange nicht mehr.

Die Differenz zwischen errechnetem und tatsächlichem Ergebnis zugunsten des Trinkers ist erstaunlich, für den Fachmann aber nicht überraschend. Denn ein Teil des getrunkenen Alkohols wird vom Körper erst gar nicht aufgenommen. Das können 10, aber auch 30 Prozent sein. Und die Leber macht sich unverzüglich an die Arbeit, sie baut das Gift wieder ab. Meist wird näherungsweise mit 0,1 Promille je Stunde gerechnet, es können aber auch 0,2 sein, wobei das nicht nur von der Veranlagung, sondern auch von der Tagesform abhängt. Hier hat der Tester offenbar einen guten Tag erwischt, denn unter den günstigsten Annahmen kommt nach knapp vier Stunden rechnerisch tatsächlich der gemessene Wert heraus. Es hätten aber ebenso gut 1,8 Promille werden können. Eine Möglichkeit, sich an die gesetzliche Grenze von 0,5 Promille mit Abschlag heranzutrinken, sind solche Exempel also nicht. Im Fall eines Unfalls sind schon 0,3 Promille zu viel. Deshalb gilt nach dieser Erfahrung für den Autobesitzer erst recht: Nichts trinken – oder fahren lassen.

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