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Revolution : Essen aus dem 3D-Drucker

  • -Aktualisiert am

Frisch gedruckt: Marzipanhäuser auf Geleespiegel Bild: print2taste

Science-Fiction zum Essen: Lebensmittel aus dem Drucker sind eine Revolution – auch wenn es sich für zu Hause noch nicht lohnt, eine Anschaffung ist für Restaurants oder Altersheime attraktiv.

          Wie von Geisterhand schwebt die Spritzdüse des „Bocusini“ über die schwarze Schieferplatte. In schwungvollen Bögen malt sie ein J und ein O auf die Platte. Schicht für Schicht. Aus Kartoffelbrei. So wachsen in wenigen Minuten die Initialen des Autors in die Höhe, die er kurz zuvor auf einem Computer-Tablet gezeichnet hat. Doch es geht noch spektakulärer: Als Nächstes druckt der Food-Printer einen Oktopus aus Kartoffelbrei. Mit acht Tentakeln, daumengroßem Kopf und zwei Glupschaugen. „Hier, probieren Sie mal“, sagt Melanie Senger, Ernährungswissenschaftlerin der Fachhochschule Weihenstephan in Freising bei München, und reicht den Löffel.

          Die Zukunft des Essens schmeckt weder künstlich noch nach Tintenpatrone. Schlicht nach purem Kartoffelbrei. Lecker. Wahlweise druckt der „Bocusini“ ebenfalls Marzipan in barocker Ornament-Optik. Dazu reichen Senger und ihre Kollegin Anna Knäulein eine Kugel Vanilleeis. Noch ist der „Bocusini“ ein Prototyp auf Basis eines regulären 3D-Druckers. Anstelle eines Spritzkopfes für zum Beispiel flüssigen Kunststoff hat dieser einen auswechselbaren Behälter mit Marzipan oder Kartoffelbrei. Doch schon im Dezember dieses Jahres sollen die ersten von 70 geplanten Geräten an die Kunden ausgeliefert werden. Möglich macht es die Crowdfunding-Online-Plattform Kickstarter, die 40.000 Euro auf das Konto des Start-ups spülte. Erhofft hatte sich das Team ursprünglich nur 30.000 Euro. „Es ist enorm, wie viele Anfragen wir schon aus der Gastronomie und Lebensmittelproduktion haben.“

          Völlig neue Möglichkeiten der Speisenzubereitung

          Mittlerweile hat sich das Projekt als Spin-off mit dem Namen „Print2taste“ aus der Fachhochschule ausgegründet. Es ist eines der Ergebnisse des dreijährigen Pilotprojektes „Performance“, das diesen Oktober zu Ende geht, und eines der wenigen deutschen Unternehmen, die auf dem vielversprechenden Food-Printing-Markt mitmischen. Die Europäische Union hat das Projekt gefördert, um neue Verfahren für die personalisierte Ernährung zu erforschen.

          3D-Drucker können nicht nur Speisen ausdrucken, sondern diese den Wünschen des Nutzers anpassen. Damit erlauben sie Restaurantbesitzern, Konditoren und Lebensmittelproduzenten völlig neue Möglichkeiten der Speisenzubereitung. Gäste des Restaurants „elBulli“ von Ferran Adrià in Spanien, dem Erfinder der Molekularküche, konnten bereits Desserts probieren, die mit dreidimensionalen Zuckergebilden aus dem 3D-Drucker gekrönt waren. Konditoren werden schon bald den Geburtstagskuchen für den Vater mit der Handschrift der kleinen Tochter bedrucken. Der italienische Nudelproduzent Barilla präsentierte auf der diesjährigen Expo in Mailand, welch besonders kunstvoll verdrehte Nudeln der 3D-Food-Printer auszudrucken vermag. Und die Nasa forscht am 3D-Food-Printer für hungrige Astronauten. Kostenpunkt eines Geräts: 83.000 Euro.

          In Las Vegas stellten zwei Amerikanier auf der Elektronikmesse CES vergangenes Jahr erstmals Bonbons aus dem Drucker vor. Der „ChefJet 3D“ druckt Bonbons, Schokolade oder Zucker in angeblich jeder beliebigen Form, zum Beispiel in bunten, filigranen Würfeln oder Kugeln. Als Zutaten dienen ihm lediglich Trockenpulver und Wasser. Ein klein wenig Wartezeit mussten die Süßigkeiten-Liebhaber indes auf der Messe mitbringen: Eine Stunde dauerte es, bis eines der 2,5 Zentimeter hohen Gebilde ausgedruckt war. Katjes schließlich will kommende Woche den weltweit ersten 3D-Drucker für essbaren Fruchtgummi präsentieren; die Leckerlis aus der „Magic Candy Factory“ seien „individualisierbar, lecker, bunt und auch noch vegan“.

          Fertiglebensmittelindustrie nutzt bereits Technik

          In Deutschland gibt es noch keine Restaurants oder Cafés, die ihren Gästen eine solch kuriose Köstlichkeit anbieten. Und aus Spanien sollte eigentlich längst der „Foodini“ des Start-ups „Natural Machines“ kommen. Er vermag angeblich sogar ganze Burger, Kekse und Kuchen zu drucken. Ursprünglich sollte der Foodini bereits im Sommer 2014 auf den Markt kommen - jetzt kündigt Mitgründerin Lynette Kucsma „Ende 2015, erstes Quartal 2016“ auf Nachfrage als neuen Termin an. Als Gründe nennt sie Schwierigkeiten, die Software mit einer ansprechenden Hardware zu vereinen. Will heißen: Das Gerät soll nicht nur qualitativ gut drucken, sondern auch noch ein schönes Design haben. Als Endpreis strebt „Natural Machines“ 1370 Euro an - das dürfte Hobbyköche eher abschrecken.

          Damit liege man allerdings im unteren Preissegment bei 3D-Druckern, entgegnet Kucsma. „Eine Vielzahl elektronischer Geräte ist erst im Laufe der Zeit billiger geworden, weil sich die Technologie und Herstellungsbedingungen verbessert haben. Wir gehen davon aus, dass die 3D-Food-Printer denselben Weg gehen werden.“

          Bei flachen Speisen, wie zum Beispiel Pfannkuchen, Pizza oder Flammkuchen, ist die Food-Printing-Branche bereits weiter. Gleich mehrere Geräte servieren den Pfannkuchen in allen erdenklichen Formen. Mal als Stern, mal als Eiffelturm. Entsprechende Pionier-Geräte kommen aus Amerika („PancakeBot“) oder China („PeterPancake“), erfunden von Vätern, die ihren Kindern etwas Besonderes auf den Frühstückstisch stellen wollten. In den Niederlanden nutzt die Fertiglebensmittelindustrie die Technik bereits für die Fließbandproduktion. Mit nur wenigen Klicks am Computer können Maschinen runde statt eckige Pfannkuchen produzieren - ohne dass das Fließband extra angehalten werden muss, um Gussformen und Endstücke auszutauschen.

          Was nach Zukunft klingt, hat also längst in die Lebensmittelproduktion Einzug gehalten. Wer die Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“ kennt, wird sich an den „Replikator“ erinnern, der scheinbar aus dem Nichts Captain Jean-Luc Picard auf mündlichen Befehl hin seinen „Tee Earl Grey schwarz“ oder wahlweise einen Snack dazu servierte. Dass das heute gar nicht mehr so unrealistisch ist, zeigt das Projekt „Iron Man“ des Lebensmittelkonzerns Nestlé. Ein Team aus 150 Wissenschaftlern forscht in Lausanne an einer 3D-Food-Technik, die das Essen individualisieren soll. Ein Sprecher von Nestlé möchte keine weiteren Informationen geben.

          Überhaupt geben sich Lebensmittelproduzenten sehr bedeckt, wenn es um den 3D-Drucker als Koch geht. Essen aus dem Drucker - das hat immer noch den Beigeschmack von Künstlichkeit und Unnatürlichkeit. Ein paar Informationen zu „Iron Man“ sind indes bereits durchgesickert: Auf Basis seines Geräts Nespresso könnte Nestlé die Inhaltsstoffe einer Mahlzeit zur Verfügung stellen, die der Drucker dann je nach Geschmack ausdruckt und ganz nebenbei Mangelerscheinungen oder sogar Krankheiten wie Diabetes oder Fettleibigkeit vorbeugt. Melanie Senger von Print2taste träumt sogar vom 3D-Food-Printer, der auf Basis eines Bluttropfens den Bedarf des Nutzers analysieren kann und bei einem Eisen- oder Vitaminmangel entsprechend mehr Brokkoli oder Zitrone auf den Teller druckt. Oder Zutaten aufgrund von Allergien automatisch weglässt.

          Mikrostrukturen sind möglich

          Der Drucker als Mahlzeit-Zensor - für so manchen Genussmenschen ist das eher ein Horrorszenario. Dabei hat die Technologie durchaus Vorteile, vor allem für ältere und pflegebedürftige Menschen. In Bremerhaven arbeitet die Firma „Biozoon“ zusammen mit der Fachhochschule Weihenstephan am Essen aus dem 3D-Drucker für Alten- und Pflegeheime. Bereits jetzt beliefert Biozoon Kantinen mit seinem „smooth food“ - mit Hilfe von Silikonformen geformtem Essen.

          Was für den Laien auf den ersten Blick wegen seiner künstlich gerundeten Formen wie Spielzeug-Essen anmutet, hat einen großen Pluspunkt: Es gibt den schätzungsweise fünf Millionen Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden in Deutschland wieder ein Stück Lebensqualität zurück. „Diese Menschen brauchen pürierte Kost. Was heute in Altenheimen serviert wird, entspricht allerdings oft nicht einer altersgerechten Ernährung. Oft wird das Essen zur Seite genommen, püriert und dann gibt es drei Kleckse“, berichtet Geschäftsführer Matthias Kück. „Dadurch verlieren diese Menschen die Lust am Essen.“

          Hat Vorteile auch für pflegebedürftige Menschen: Labyrinth aus Leberpastete

          Das Essen aus dem 3D-Drucker könnte durch den 3D-Druck hingegen wieder die Form einer Kartoffel bekommen. Sogar feine Mikrostrukturen, die sich mit der Zunge unterschiedlich anfühlen, werden möglich sein. „Ältere Menschen schmecken zudem schlechter. Durch eine intelligente Drucktechnik kriegen wir hin, dass das Essen wieder salziger schmeckt, obwohl es gar nicht salziger ist - indem wir mehr Salz in den Rand drucken, der als Erstes die Zunge berührt.“

          Doch Lebensmittel sind keine Druckerfarbe. Sie verhalten sich unterschiedlich. Marzipan fließt anders als Kartoffelbrei. Sogar Erbsen sind nicht gleich Erbsen. Je nachdem, ob sie aus Italien, Spanien oder Deutschland stammen, variiert ihr Stärkegehalt, was sich auf das Druckverhalten auswirkt. Das erschwert das Projekt, einen alltagstauglichen 3D-Drucker für Kantinen und Küchen auf den Markt zu bringen. „Das Problem ist die tägliche Reproduzierbarkeit. Die Technik muss aber für alle Lebensmittel gehen. Da arbeiten wir gerade dran“, sagt Kück.

          Anschaffung attraktiv für Cafés und Restaurants

          Noch ist die Branche der 3D-Food-Technik überschaubar. Die Belgier und Niederländer sind bereits etwas weiter als ihr großes Nachbarland. Im Mai dieses Jahres kamen die Vertreter im niederländischen Venlo zur ersten „3D Footprinting“-Konferenz zusammen. So mancher der 160 Teilnehmer wagte auf der Konferenz bereits die Prognose, dass schon in zwei Jahren die ersten 3D-Food-Printer flächendeckend in Haushalten stehen könnten. Auch in Deutschland. Damit hätten sie das Potential, eine ähnliche Verbreitung wie die Mikrowelle zu finden.

          Doch Kritiker haben daran noch Zweifel. Für einen Single-Haushalt oder eine kleine Familie wird sich ein vierstelliger Anschaffungspreis nicht lohnen. Für Cafés oder Restaurants könnte die Anschaffung schon attraktiver sein. Noch sind die Geräte auch nicht die schnellsten. Da könnten die Kinder längst über alle Berge sein, wenn der Drucker sein Werk vollbracht hat.

          Keineswegs aber werden die Mahlzeiten künstlich schmecken. Das bewies kürzlich anschaulich die Forschungsarbeit der Absolventin Chloé Rutzerveld von der Technischen Universität Eindhoven aus den Niederlanden. Die Food-Designerin präsentierte quasi lebendiges Essen aus dem 3D-Drucker. Das Gerät druckte eine essbare Pastete in Form eines kleinen Korbgeflechts. Der Clou: Die Pastete beherbergte Sporen und Samen, aus denen in den folgenden drei bis fünf Tagen Pilze und Brunnenkresse wachsen. So braucht es noch nicht mal mehr ein extra Gewächshaus, in dem die Pflanzen wachsen. Eine Speise, die wahrlich jedes Dinner im Restaurant oder bei Freunden krönen dürfte.

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