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Zurückgelassene Festival-Zelte : Für die einen Abfall, für die anderen ein Zuhause

  • -Aktualisiert am

Müll und zurückgelassene Zelte sind auf Festivals weltweit ein Problem, wie hier auf dem Bravalla Festival in Schweden. Bild: EPA

Tausende Zelte, Schlafsäcke und Matratzen werden nach Festivals zurückgelassen und landen im Müll. Ein Paar aus Neuseeland hat Verwendung für die Überbleibsel gefunden.

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          Eine Gruppe Teenager sucht verzweifelt nach dem fehlenden Zelt-Pfosten. Drei blonde Jungs nebenan haben es sich hingegen schon mit Bier in ihren Klappstühlen gemütlich gemacht. In ihren knallgelben Sicherheitswesten schlänglen sich Sophie und Janis durch die wachsende Zeltstadt des „Soundsplash“, einem Musik-Festival im Surfer-Städtchen Raglan an der Westküste Neuseelands. „Nehmt ihr euer Zelt nach dem Festival wieder mit nach Hause?“, auf ihre Frage ernten sie überraschte Blicke. Die beiden Deutschen sind an diesem Tag als Freiwillige für die Organisation „The Tent Collectors“ im Einsatz, denn Festivalbesucher lassen oft Tonnenweise Abfall zurück. Beim deutschen Festival „Rock im Park“ waren es im vergangenen Jahr laut einer Sprecherin der Stadt Nürnberg 300 Tonnen. Darunter fallen nicht nur Bierbüchsen, Zigarettenstummel und Plastikflaschen: Die Plattform „Green Music Initiative“ schätzt, dass etwa 30 Prozent der Festivalgänger ihre Zelte nicht wieder mit nach Hause nehmen.

          Bei „Soundsplash“ ließen die 6000 Camper im vergangenen Jahr über 500 durchnässte Zelte, dazu noch hunderte Luftmatratzen und Klappstühle auf dem Festivalgelände zurück. „Man kann ein zwei bis drei Personen-Zelt um 30 Dollar (rund 18 Euro) kaufen“, sagt Promoter Mitch Lowe. „Nach einem dreitägigen Festival ist es für manche einfacher, es dort zu lassen, als es wieder einzupacken.“ Dass sich diese Bequemlichkeit negativ auf die Umwelt auswirkt, ist den meisten Festival-Besuchern nicht bewusst – oder egal. So gelangen bei der Produktion eines 3,5 Kilogramm schweren Zelts rund 25 Kilogramm Kohlendioxid in die Atmosphäre. Zudem machen die verschiedenen Materialien eine Wiederverwertung schwer. „Wir haben versucht, die Zelte und Schlafsäcke an lokale Hilfseinrichtungen zu spenden“, berichtet Lowe. Meist landet die Camping-Ausrüstung allerdings auf der Müllhalde – auch wenn sie noch voll funktionstüchtig ist.

          Vom Festivalgelände ins Flüchtlingslager

          „Die meisten Zelte werden nur zwei Nächte lang genutzt“, sagt Sam Reynolds, Mitgründer von „The Tent Collectors“. „Sie können Flüchtlingen in Griechenland übergangsweise ein Dach über dem Kopf geben“, fügt seine Partnerin Kate Robertson hinzu. Die Dreißigjährige arbeitete im Sommer 2019 sechs Wochen lang ehrenamtlich auf der griechischen Insel Samos nahe der türkischen Küste. Über 6000 Flüchtlinge, vorwiegend aus Syrien und Afghanistan, hausen dort auf einer ehemaligen Militärbasis, die offiziell 650 Personen aufnehmen kann. „Du hast Glück, wenn du ein Zelt bekommst“, beschreibt Robertson die rauen Bedingungen, „viele schlafen unter Bäumen im Wald.“ Nachdem ein Feuer im Oktober die Situation noch verschlimmert hatte, gründete die Account Managerin die Non-Profit-Organisation „The Tent Collectors“. „Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt Robertson. „Einerseits dämmen wir die Auswirkungen von Hunderten Tonnen an Umweltabfällen auf Festivals ein, andererseits geben wir Flüchtlingen eine Unterkunft.“ Mit dieser Idee ist auch die Charity Fwrd Together bereits seit 2016 in Großbritannien erfolgreich. 

          Für Mitch Lowe, der neben „Soundsplash“ auch für Groß-Festivals wie „Bay Dreams“ zuständig ist, kam die einfache Lösung wie gerufen: „Üblicherweise müssen wir ein Aufräumteam von 15 bis 20 Menschen für den Arbeitstag bezahlen“, rechnet er vor, „The Tent Collectors machen das kostenlos und haben außerdem Freiwillige auf dem Gelände.“ An diesem Freitag sind es vor allem Backpacker wie Sophie und Janis aus Deutschland, die ehrenamtlich im Einsatz sind. Gemeinsam mit einem Dutzend anderer Freiwilliger informieren sie die Camper, wo Sammelstellen für die Zelte, Schlafsäcke und Matratzen eingerichtet werden. Außerdem markieren sie die Ausrüstung, die die Leute nicht mit nach Hause nehmen möchten. „Es ist wichtig, die Besucher beim Aufbau ihrer Zelte abzufangen“, sagt Gründerin Robertson, „da warten sie auf Konzerte und sind noch aufmerksam.“ Als kostenlosen Müllservice möchten sich Robertson und Reynolds nicht verstanden wissen. Vielmehr gehe es um die Aufklärungsarbeit, seien sich doch viele gar nicht darüber im Klaren, dass zurückgelassene Zelte im Abfall landen.

          Sonntag, 10.00 Uhr: Beim „Soundsplash“ scheint die Rechnung aufgegangen zu sein. „Der Müllberg ist nicht schlimm“, freut sich Sam Reynolds, der als Logistikmanager für diesen Teil der Arbeit zuständig ist, „viel besser als in den letzten Jahren.“ Vermutlich auch deshalb, weil Ehrenamtliche seit 6.15 Uhr morgens auf dem Gelände unterwegs sind und große Säcke aus Recycling-Material austeilen, die den Festival-Besuchern das Einpacken der Zelte erleichtern. „Ich hatte eine schlaflose Nacht – nie wieder!“, stöhnt ein Mädchen mit Ringen unter den Augen, als sie ihres an einer der Sammelstellen abgibt. Ein anderer wirft einen Klappstuhl auf den Stapel. „Wir nehmen alles, um zu verhindern, dass es auf den Müll gelangt“, hat Kate Robertson einen pragmatischen Zugang, „wir finden sicher ein geeignetes Projekt dafür.“

          Zusammen mit rund 300 Zelten, 30 Schlafsäcken und 50 Matratzen wird diese Spende auf einen Trailer gepackt und quer über die Nordinsel nach Hawke’s Bay transportiert. Dort wird alles gewaschen und in eine kostenlose Lagerhalle gebracht, wo schon rund 500 Zelte deponiert sind. Lange soll die Festival-Ausrüstung nicht dort bleiben: „Bald werden die ersten Container gefüllt“, freut sich die Dreißigjährige darüber, einigen der Flüchtlingen auf Samos ein Dach über dem Kopf liefern zu können, per Schiff aus Neuseeland. 

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