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Wolf Schneider im Gespräch : „Man könnte heulen, so schön ist die Welt“

„Ringe den inneren Schweinehund nieder, halt die Schnauze und geh rüber“: Wolf Schneider weiß, dass wer Berge überqueren will, sehr mutig sein muss. Bild: Jan Roeder

Wolf Schneider ist leidenschaftlicher Bergsteiger. Im Interview spricht der berühmte Sprachkritiker über den Nervenkitzel der luftigen Höhen, die Gipfel seines Lebens, die Angst vor dem Kapitulieren – und die Orgie der Genüsse.

          8 Min.

          Herr Schneider, wie hat Ihre Leidenschaft für die Berge begonnen?

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das war 1938. Ich war 13 Jahre alt und besuchte meine Tante in Zürich. Sie nahm mich mit zu einem Urlaub in Grindelwald. Ich hatte bis dahin als höchsten Berg den Brocken gesehen, 1140 Meter. Nun stand ich unter dem Eiger. Ein absolut überwältigender Eindruck. Ich hatte keine Vorstellung, dass es so was gibt auf der Welt. Und die weitere Vorstellung, dass es Leute gibt, die dort raufklettern, war faszinierend.

          1938 war auch das Jahr der Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand durch Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek.

          Die ganze deutsche Presse schäumte damals vom Eiger über. Ich kam in die Schule zurück, als wäre ich bei der Durchsteigung der Nordwand dabei gewesen. Das akzentuierte das Erlebnis Eiger noch, mit dem Wunsch: Das wäre toll, wenn Du mal da oben stehen könntest.

          Der 92-jährige Wolf Schneider ist Journalist, Buchautor, Sprachkritiker, Talkshow-Moderator und war langjähriger Leiter der Henri-Nannen Schule.

          Dann kam der Zweite Weltkrieg.

          Es war vollkommen klar: Ich konnte meinen Eiger nicht erreichen, solange der Krieg dauerte. Die Schweiz wurde zu einem Traumland, mehr und mehr. Ich lag auf der Lauer, begann in den bayerischen Alpen mit dem Bergsteigen, am Watzmann und anderswo. Aber der Traum war, wieder nach Grindelwald zu kommen.

          Wann war es so weit?

          Das gelang mir erst 1952. Der Eiger war mir als Anfänger zu schwer, die Nordwand sowieso. Ich bestieg erst mal meinen ersten Viertausender, den Mönch. Von da an hat es sich gesteigert. Bis 1986 bin ich dann möglichst oft in die Berge gefahren.

          Was hat Sie am Bergsteigen gereizt?

          Zunächst einfach die Vorstellung: Es gibt Leute, die da oben stehen. Was sind das für Menschen? Wie kommt man da rauf? Das war eine Verquickung aus Schweiz und Sehnsucht und Unerreichbarkeit und Eiger – und wohl eine Ahnung, dass man aufsteigen würde in ein Reich, das einst den Göttern gehörte: „Ehre sei Gott in der Höhe„ und „Jesus fuhr auf gen Himmel“. Diese drei Jahreszahlen jedenfalls können kein Zufall sein: 1783 steigt der erste Freiballon auf, 1786 wird mit der Erstbesteigung des Mont Blanc das Bergsteigen geboren, 1789 verkündet die Französische Revolution den Atheismus – der Himmel ist leer! Da weht wohl immer noch ein Hauch von Triumph über die Gipfel.

          „Der ganze Mond ist langweilig neben einem solchen Alpengipfel.“

          Erst ist da aber die körperliche Strapaze.

          Die Strapaze als solche ist ja auch schon ein Vergnügen, wie es an Marathonläufern zu sehen ist. Zu meiner großen Verblüffung gibt es Tausende von Freiwilligen, die an Stadtläufen in New York, Hamburg, Berlin teilnehmen. Die Leute haben nichts anderes als furchtbare Strapaze, und am Ende stehen sie wie am Anfang auf einer staubigen Straße – trostlos. Wenn ich die Strapaze habe, stehe ich auf dem Eiger. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Aber die überstandene Strapaze ist ein Genuss, und die Völlerei danach erst recht. Wenn ich von einer großen Tour zurückkam und es gab in der Ferienwohnung nur Wassergläser für das Bier, war ich empört. Ich schüttete mir zwei Flaschen Bier in eine Salatschüssel und trank. In der Wanne sitzend. Hochgenüsse, die ohne extreme Strapaze nicht zu haben sind.

          Bergsteigen kann auch zur mentalen Herausforderung werden.

          Die Ungewissheit, ob ich das Ziel erreiche, ist viel größer als beim Marathonlauf. Ich weiß ja nicht, ob es eine Stelle gibt, die ich klettertechnisch nicht meistern kann. Da ist ein Grat, und nach aller Vernunft gehst du dort nie hinüber, denn der Mensch ist nicht dafür gemacht, um über einen solchen Grat zu gehen. Also: Ringe den inneren Schweinehund nieder, halt die Schnauze und geh rüber! Zur Hälfte getrieben von der Angst vor der eigenen Wut am Abend im Tal: Du wolltest unbedingt über den Mittellegi-Grat auf den Eiger gehen, das ist der Traum deines Lebens, und dann bist du auf halbem Wege umgekehrt! Ich hätte es nicht bei mir ausgehalten.

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