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Wohntrends : Refugium im Heidiland

Landleben 2014: Zur Beton- die Felldecke Bild: Fritz von der Schulenburg

Beton, Glas und jede Menge Holz. Die Architektin Christina Seilern verbindet in ihrem Schweizer Chalet Altes mit Neuem.

          3 Min.

          London ist eine aufregende Stadt und daher auch bisweilen anstrengend. Da kann man sich schon mal wegträumen. Zum Beispiel aus Sehnsucht nach Ruhe, reiner Luft und einer Aussicht, die weiter reicht als bis zum nächsten Häuserblock. Christina Seilern tut das manchmal. Seit Jahren lebt die Deutschösterreicherin in der britischen Hauptstadt - und das sehr gerne. Die Stadt an der Themse ist ihr zur Heimat geworden. Doch als sich der Architektin die Möglichkeit bot, einen Gegenentwurf zu ihrem Londoner Alltag zu schaffen, ergriff sie die Gelegenheit. Seitdem wandern Christina Seilerns Gedanken oft an einen ganz bestimmten Ort: zu ihrem Chalet im Berner Oberland.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Groß und stattlich steht das Haus im Holzkleid am Hang. Mit seinem tiefgezogenen Giebel, dem üppigen Dachüberstand, den beiden Holztreppen, die je zu einer Wohnung führen, und der mit aufwendigen Holzarbeiten gestalteten Südfassade sieht der Neubau aus dem Jahr 2011 auf den ersten Blick aus, wie es am Ort üblich ist. Alpenländisch, rustikal und ganz schön traditionell.

          Nein, ein Statement zeitgenössischer Architektur, für die es in der Schweiz ja unzählige wunderbare Beispiele gibt und der sich das international tätige Studio Seilern Architects in seiner Arbeit verschrieben hat, scheint das Ferienhaus nicht gerade. „So etwas hätte die Bauordnung hier nicht erlaubt“, erklärt die Planerin. Denn der Ort, den sie sich ausgesucht hat, gehört zu jenen Schweizer Gemeinden, in denen der Bauernhausstil Pflicht ist, um das traditionelle Erscheinungsbild zu bewahren und Bausünden zu vermeiden.

          Strenge Vorgaben

          Entsprechend streng sind die Vorgaben: Das Gebäude hat auszusehen, wie die Chalets in dieser Gegend schon immer ausgesehen haben, es darf maximal 7,5 Meter hoch sein und muss ein flaches Satteldach tragen. „Und dann kreieren Sie mal keine Kopie, die so tut, als sei sie ein Altbau.“ Es ist Christina Seilern anzumerken, dass sie sich die Spielregeln durchaus etwas flexibler gewünscht hätte. „Aber am Ende geht es nicht um ein eigenes architektonisches Ausrufezeichen, sondern darum, sich in die Umgebung einzufügen“, sagt die 42 Jahre alte Architektin.

          Bitte nichts Neues: Vielerorts darf man in der Schweiz nur im Bauernhausstil bauen Bilderstrecke

          Das Berner Oberland ist ihr seit ihrer Kindheit vertraut. Hier hat sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht - und später die Erinnerung an die wunderbare Heidiwelt mit in ihr Leben nach England genommen. Als sie dann als Bauherrin und Architektin zurückkehrte, musste sie sich trotz aller Verbundenheit mit der Region erst einmal mit den architektonischen Eigenheiten der Bauernhäuser befassen. Denn so exklusiv Chalet heute klingt, eigentlich bezeichnet das französische Wort im Schweizer Sprachgebrauch eine Sennhütte aus Holz. Die freilich hat über die Jahrhunderte Karriere gemacht, erst als stattliches Bauernhaus, dann als gefragtes und exklusives Feriendomizil.

          Zu den architektonischen Besonderheiten des Chalets zählen die beiden Außentreppen, die am Erdgeschoss, wo das Vieh untergebracht war, vorbei in die Wohnungen führen: In der einen wohnte das junge Bauernpaar, die andere belegten die (Schwieger-)Eltern. Christina Seilern hat dieses typische Element aufgegriffen. Zumal ihr Neubau, der 675 Quadratmeter Wohnfläche bietet, zwei Maisonette-Wohnungen beherbergt.

          Jung und puristisch-klar

          Während die strengen Vorschriften die gestalterische Freiheit außen stark einengten, eröffneten sich der Planerin im Innern weit mehr Möglichkeiten. Und da zeigt sich auch, dass das Gebäude, das bei flüchtiger Betrachtung opulent und verschnörkelt wirkt, in seiner Grundstruktur eigentlich sehr gradlinig ist. Das unterstreichen nicht zuletzt die Materialien, mit denen die Architektin gearbeitet hat: Holz, Glas und Beton. Für den Boden wählte sie Douglasie aus dem Schwarzwald, für Wandflächen und Decken dagegen das rauhe Pinienholz oder aber Beton. Das wirkt jung, puristisch-klar und ergibt einen schönen Kontrast zur Fassade.

          Die Wohnungen selbst sind überraschend licht und geräumig, der Raumhöhe von nur 2,30 Metern zum Trotz. Verteilt auf drei Etagen, ist bei einer Gesamthöhe von weniger als 8 Metern nicht mehr drin. Dazu kommt, dass die Bauordnung relativ kleinformatige Fenster zulässt. Wie aber nun den Wohnraum dieses Baus am Hang erhellen, wie die Wirkung der niedrigen Decken mindern? Die Architektin entschied sich für eine Lösung, die sie „Lichttunnel“ nennt: Der zieht sich durch das ganze Haus und bringt so Licht übers Dach bis ins Erdgeschoss. Eine von Milchglas gerahmte Innentreppe, die das Licht leitet, unterstützt diese Wirkung. „So wird es auch an tristen Tagen überall im Haus hell“, sagt Christina Seilern.

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