https://www.faz.net/-hrx-9pkoo

Wohnen und Klimawandel : „Wir sollten nicht auf große Fenster und helle Wohnungen verzichten“

  • -Aktualisiert am

Kann die griechische Architektur Vorbild für deutsche Wohnhäuser sein? In Zukunft ist das nicht auszuschließen. Bild: Picture-Alliance

Wie wohnen wir zukünftig, wenn die Temperaturen weiter steigen? Der Schweizer Architekt Gianrico Settembrini erklärt, wieso wir beim Häuserbau umdenken müssen – und welche Gewohnheiten dabei nicht helfen.

          5 Min.

          Herr Settembrini, ist Ihr eigenes Haus für den Klimawandel gewappnet?

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Ich wohne zur Miete in einem Altbau und unsere Studie hat gezeigt, dass Altbauten typologisch besser auf den Klimawandel reagieren als Neubauten. Das liegt daran, dass sie einen geringeren Fensteranteil – im Verhältnis zum Fassadenanteil – haben als Neubauten. Deswegen kann das Haus, in dem ich wohne, mit weniger Fenstern, die dafür nachts gut zu öffnen sind, sehr wahrscheinlich als klimawandeltauglich bezeichnet werden.

          Welche Temperaturen sollten Innenräume in Wohnungen und Häusern nicht überschreiten?

          Unsere Studie basiert auf Schweizer Normen, die besagen, dass in Wohnbauten eine Behaglichkeit von bis zu 26,5 Grad zu gewährleisten ist. In unsere Berechnungen gehen Zeiträume, in denen mehr als 26,5 Grad herrschen, als Überhitzungsstunden ein. Studien belegen, dass die Produktivität von einer gewissen Temperatur an stark abnimmt. Und es gibt Untersuchungen in Bezug auf die Gesundheit: Je höher die Temperatur ist, desto höher ist auch die Sterblichkeitsrate der Menschen. Das Schweizer Tropeninstitut hat Studien gemacht, die zeigen, dass zwischen Hitzewellen und der Anzahl von Todesfällen eine Korrelation besteht.

          Bei der letzten Hitzewelle wurden in Teilen Österreichs Schienen weiß angemalt, um sie vor dem Verbiegen zu schützen. Sind dunkle Elemente an Häusern – Dachziegel etwa, wie wir sie hier in Deutschland haben – nicht eigentlich unsinnig?

          Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass in den Städten die Temperatur viel höher ist als auf dem Land, unter anderem weil man in der Stadt versiegelte und dunkle Flächen hat. Wir sind mit dem grundsätzlichen Problem konfrontiert, dass Gebäude in der Schweiz, in Österreich und Deutschland bisher auf die Wintersituation konzipiert waren, also gegen die Kälte schützen sollten. In Zukunft wird der Behaglichkeitsaspekt im Sommer immer wichtiger werden. Für die Sommermonate spielen ganz viele Aspekte eine Rolle: die Farbgebung und die Begrünung in den Städten beispielsweise. Gebäude sollten außerdem so ausgerichtet werden, dass kühlende Winde durch die Städte gehen können. In der Altstadt zum Beispiel spielt aber natürlich nicht nur die Energieeffizienz eine Rolle, sondern auch die Ästhetik, das Stadtbild, damit das alles zusammenpasst.

          Gianrico Settembrini forscht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Behaglichkeit in Wohnräumen.
          Gianrico Settembrini forscht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Behaglichkeit in Wohnräumen. : Bild: Gianrico Settembrini

          Was würde Sie einer Familie raten, in was für ein Haus sie ziehen sollte?

          Ein Haus, bei dem man sich bei der Planung Gedanken um die Lebensdauer dieses Hauses gemacht hat. In unserer neuen Studie untersuchen wir beispielsweise den bewussten Umgang mit Fensterflächen. Das Ziel wäre natürlich, die Gebäude so zu konzipieren, dass der Fensteranteil gleich bleibt wie in modernen Häusern, aber anders verteilt wird. Im Winter ist es gut, gegen Süden große Fensterflächen zu gestalten, damit man passive solare Gewinne erzielen kann und sich die Häuser aufheizen können. Für die Zukunft wird es vielleicht sinnvoller sein, Fensterflächen auf die Nordseite zu setzen. Wir sollten allerdings nicht auf die Vorteile von großen Fensterflächen und die hellen Wohnungen verzichten. Bei Fenstern ist das ganz typisch, energetisch haben sie eine große Bedeutung, aber sind gleichzeitig auch für das Gefühl, die Harmonie und die visuelle Behaglichkeit im Raum extrem wichtig.

          Kann man sich von südeuropäischen Ländern abgucken, wie das Äußere und die Beschaffenheit von Häusern sein müssten?

          Von der traditionellen Architektur kann man extrem viel lernen. Wir werden Mitte des Jahrhunderts in der Schweiz und auch in Deutschland etwa das Klima von Nord- und Zentralitalien haben. Die Italiener werden das Klima von Nordafrika haben. Wenn wir die traditionellen Bauten in Nordafrika analysieren, sieht man, dass dort sehr entschieden mit Windrichtungen und der Idee der Auskühlung in der Nacht gearbeitet wurde. Wenn wir die Gebäude in der Nacht durch Winde wieder abkühlen können, dann sind wir für den Klimawandel absolut gewappnet. Nun müssen wir natürlich lernen, wie man damit umgeht, weil man sich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz bisher nicht auf die Nachtauskühlung der Gebäude fokussiert hat. Also, dass man etwa mit Klappen Luft durch die Gebäude ziehen kann. Die weißen Gebäude in Griechenland sind ein gutes Beispiel dafür, weil natürlich beim Bau angedacht war, dass weiß die ideale Farbe bei so viel Sonnenstrahlung ist, damit sich da nicht noch zusätzlich Hitze bildet zwischen den Häusern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moderator Ken Jebsen während einer Demonstration am 13.12.2014 vor dem Schloss Bellevue in Berlin

          Anonymous : Hacker greifen Ken Jebsen an – Webseite lahmgelegt

          Die Hacker-Gruppe Anonymous hat sich die Seite des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen vorgenommen. Dabei habe sie nicht nur zehntausende Daten zu Abonnenten erbeutet, sondern auch Informationen zu Spenden abgegriffen.

          G 7 in Cornwall : Brexit-Störgeräusche für Johnson

          Eigentlich sollte es beim G-7-Gipfel vor allem um Corona und die Herausforderung durch China und Russland gehen. Doch immer wieder muss sich Gastgeber Boris Johnson auch mit dem Streit mit der EU auseinandersetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.