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Wohnen in Sydney : Mit dem schönsten Blick der Welt

Barangaroo: Früher Containerhafen, bald Finanzzentrum Bild: Barangaroo

Die Stadt am Pazifik entwickelt ein neues Finanzzentrum. Die alten Bewohner sollen weichen. Doch sie wehren sich mit aller Kraft.

          6 Min.

          Der Brief kam am Tag, nachdem Florence Seckold ihren Mann beerdigt hatte. „Die staatlichen Häuser, einschließlich des Hauses, in dem Sie wohnen, werden verkauft“, schrieb ihr Mike Allen, Vorstandschef des Family and Community Services des Landes New South

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Wales. Flo lehnt am grünen Zaun vor ihrer Terrasse. Die Tränen steigen ihr auch noch eineinhalb Jahre nach der ersten Lektüre der Kündigung in die Augen. „Ich wohne hier doch seit mehr als 80 Jahren“, sagt die 82 Jahre alte Dame.

          Wahrscheinlich wird ihr das wenig helfen. Denn Flo in ihrem denkmalgeschützten Haus und ihre Nachbarn sind eingequetscht wie Fleischscheiben in einem Burger: Auf der rechten Seite liegen die Rocks, Sydneys historisches Viertel, längst erobert von Edelmarken und feinen Cafés. Und links von ihnen wächst Barangaroo in den Himmel, das neue Büroviertel auf dem Gelände eines früheren Hafens. Dazwischen wohnen Flo und die anderen in Sandsteinbauten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, die erst die Hafenverwaltung und später das Land als Sozialwohnungen vergab. Nur rund 100 australische Dollar (66 Euro) Miete in der Woche zahlen sie hier oben am Millers Point, 500 Dollar wären es wohl auf dem freien Markt.

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          Und nun sollen die Alten weg und Platz machen, damit die verbliebenen 293 Häuser verkauft werden und das Land mit der Einnahme von einer halben Milliarde Dollar neue Sozialwohnungen in den Außenbezirken bauen kann. Der Verkauf eines alten Hauses soll den Bau von drei neuen Wohnungen ermöglichen. Und die Liste der Bedürftigen wächst. Rechnerisch ist der Plan sinnvoll. Und doch ist er diabolisch, denn Flo und die anderen Alten werden nirgends mehr Wurzeln schlagen. „Ich bleibe hier. Wenn sie mich weg haben wollen, dann müssen sie mich schon raustragen“, sagt die resolute alte Dame.

          Das letzte Filetstück der Stadt

          Das wird die Stadt kaum wagen. Denn dadurch zerstörte sie den guten Eindruck, um den sie so erfolgreich ringt: Nur einen Steinwurf von Flos Haus entfernt streben die Hochhäuser empor. Gute 200 Meter müsste die alte Dame gehen, und sie stünde in einem umwerfenden neuen Park. Er gehört zu Barangaroo, dem künftigen Finanzzentrum Sydneys, das hier für gut 6 Milliarden Dollar entsteht. Zwischen alten Hafenkneipen und Werbeagenturen, die gerade in renovierte Lagerhäuser eingezogen sind, spielt sich ein Strukturwandel ab, der die Alten zittern und die Jungen frohlocken lässt. Denn dort wird das letzte Filetstück dieser wunderbaren Stadt am Wasser entwickelt.

          Werber, Galeristen, Banker und Berater werden bald einen der schönsten Blicke der Welt genießen, wenn sie in einem der historischen Häuser von Flo und ihren Nachbarn logieren. „Wir bitten doch um nichts als ein bisschen Nachsicht“, sagt Barney Gardner. Der 66 Jahre alte Anwohner organisiert den Widerstand an Millers Point. „Unsere Gemeinschaft hier ist doch selbst ein Kulturdenkmal. Nicht nur die Häuser, in denen wir leben.“

          Die Queen Mary 2 vor dem Opernhaus in Sydney
          Die Queen Mary 2 vor dem Opernhaus in Sydney : Bild: dpa

          Um die Menschen zu gewinnen, haben die Baumeister von Barangaroo als erstes den 6 Hektar großen Park angelegt. Er ist eine Sensation. Gebaut mit dem alten Sandstein des Hafens, angelegt als künstlicher Hügel, in dessen Bauch sich eine riesige Halle öffnet. „Noch ist es nicht entschieden, aber vielleicht wird hier später das erste gesamtaustralische Zentrum für die Aborigines-Kultur Einzug halten“, sagt Craig van der Laan, Vorstandschef der Barangaroo Delivery Authority, die das Gesamtprojekt leitet.

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