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Wohnen in London : 38 Quadratmeter sind genug

Alter Trick in neuer Wohnung: Spiegel lassen Räume größer wirken - auch in einem Pocket-Apartment. Hinterm Glas liegt hier übrigens der Wandschrank. Bild: Pocket

Wie viel Platz braucht der Mensch? Wenn der Grundriss stimmt: nicht viel. In London entstehen so Eigentumswohnungen, die sich auch Normalverdiener leisten können.

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          Marc Vlessing ist nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, mit Tabus zu brechen. Fängt der Gründer des Londoner Immobilienentwicklers Pocket Living erst mal an aufzuzählen, was aus seiner Sicht in Wohnungen alles verzichtbar ist, dann hört er so schnell nicht wieder auf. Balkone zum Beispiel findet Vlessing überflüssig. Zu teuer, zu selten genutzt. „Außerdem nehmen sie den Bewohnern darunter das Licht weg.“ Oder Badewannen: Wer hat heutzutage schon noch die Zeit zu baden? Also weg mit den Platzfressern. Gleiches gilt für Tiefgaragen. Der moderne Großstädter, so sieht es Vlessing, fährt kein Auto, sondern Rad. „Deshalb bauen wir in jede Wohnung einen Schrank, der groß genug ist, dass man sein Fahrrad dort reinstellen kann.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zwölf Jahre ist es her, dass Vlessing seinen Job als Investmentbanker in der Londoner City an den Nagel hängte, um mit seiner Vorstellung von modernem Wohnungsbau den Londoner Immobilienmarkt aufzumischen. In einer der teuersten Städte der Welt wollte er Eigentumswohnungen schaffen, die sich auch Durchschnittsverdiener leisten können. Gelungen ist ihm das durch radikale Vereinfachung. Die Wohnungen von Pocket Living messen exakt 38 Quadratmeter. Zwei Zimmer, quadratisch, praktisch, gut. Eine architektonische Offenbarung sind sie nicht, aber mit Preisen zwischen 165.000 bis 285.000 Pfund (220.000 bis 375.000 Euro) rund 20 Prozent günstiger als üblich. Und sie gehen weg wie nichts. 238 Wohnungen sind für dieses Jahr geplant. Auf der Warteliste stehen 25.000 Namen.

          Kein Wunder, dass schon mal Großbritanniens Premier David Cameron auf einer der Baustellen vorbeischaut, um sich das Konzept erklären zu lassen. Es ist einer der wenigen Hoffnungsschimmer in einer Stadt, für deren Immobilienmarkt viele Beobachter nur noch ein Wort kennen: „crazy“.

          Häuser werden wie Kunstwerke versteigert.

          Unentwegt strömen Menschen und Kapital in die 8,6-Millionen-Einwohner Metropole und treiben die Immobilienpreise in immer neue Höhen. Eine Zwei-Zimmer-Mietswohnung in zentraler Lage kostet mittlerweile um die 2000 Pfund im Monat – kalt, versteht sich. Etwas zu kaufen ist für viele Menschen illusorisch; in Auktionen werden Häuser und Grundstücke wie Kunstwerke versteigert. Selbst abrissreife Bungalows wechseln in der britischen Hauptstadt für eine Million Pfund den Besitzer. Der durchschnittliche Londoner aber verdient gerademal 40.000 Pfund im Jahr.

          Glaubt man Umfragen, denken inzwischen vier von fünf Londonern im Alter zwischen 20 und 29 Jahren darüber nach, die Stadt wegen der hohen Wohnkosten zu verlassen. Selbst das notorisch teure Kopenhagen wird unter Aussteigern als günstige Alternative gehandelt. Dass diese Entwicklung noch einmal umzukehren ist, daran glaubt in der britischen Hauptstadt so recht niemand. Es geht in erster Linie darum, die Not zu lindern, sprich: den vorhandenen Platz besser auszunutzen.

          Pocket Living macht dies, indem es Grundstücke kauft, die so klein sind, dass sich größere Immobilienentwickler nicht für sie interessieren. So wird im Süden der Stadt, in der Nähe des berühmten Kraftwerks in Battersea, gerade ein Platz bebaut, auf dem bis vor kurzem ein Parkhaus stand. Auch so manche Hunde-Auslauf-Fläche hat Pocket Living schon in Bauland umgewidmet. Beständig fahren Vlessings Mitarbeiter in der Stadt umher, um nach geeigneten Lücken zu suchen, die sie einer der 33 Bezirksverwaltungen oder auch privaten Eigentümern abkaufen könnten.

          Wohnung muss selbst bewohnt werden

          Dass sie die Flächen dann oft auch bekommen, liegt an einem ungewöhnlichen Regelwerk, das sich das Unternehmen selbst auferlegt hat. Pocket Living verkauft seine Wohnungen nur an Menschen, die bereits in der jeweiligen Gegend wohnen oder arbeiten – das nimmt den Alteingesessenen die Furcht, dass die Neubauten die Gentrifizierung beschleunigen. Zudem dürfen die Käufer eine bestimmte Einkommensgrenze nicht überschreiten; gegenwärtig sind es 71.000 Pfund im Jahr.

          Außerdem müssen sie die Wohnung selbst bewohnen – und das jedes Jahr aufs Neue durch die Vorlage von Steuerbescheid und Stromrechnung nachweisen. Und noch eine Regel gibt es, vielleicht sogar die entscheidende: Wer seine Wohnung verkaufen will, darf dies nur an Menschen tun, die ebenfalls unterhalb der jeweils gültigen Einkommensgrenze liegen. So sorgt das Unternehmen dafür, dass seine Wohnungen nicht zu Spekulationsobjekten werden.

          Reduktion ist alles: das 38 Quadratmeter kleine Apartment im Grundriss

          Dass die Apartments sich trotz der wenigen Quadratmeter so großer Beliebtheit erfreuen, hat damit zu tun, dass sie größer wirken, als sie sind. Zu diesem Zweck gibt es ein Pflichtenheft, an das sich die Architekturbüros in ihren Entwürfen genauestens halten müssen. Ins Schlafzimmer muss beispielsweise nicht nur ein Kingsize-Bett (150 Zentimeter breit) passen, sondern ein Super-Kingsize-Bett (180 Zentimeter).

          Kein Vermögen für Möbel

          Im Wohnzimmer wiederum muss stets eine Wand lang genug für ein stattliches Ikea-Sofa sein. Außerdem muss dort ein Esstisch Platz finden, der in ausgeklapptem Zustand bis zu zehn Gäste aufnehmen kann. Pflicht sind ferner bodentiefe Fenster, die möglichst viel Licht in die Wohnung lassen. Und statt Heizkörpern, die im Weg rumstehen, gibt es durchweg Fußbodenheizung.

          Auch an der Deckenhöhe hat Vlessing lange getüftelt. Es sollte auf jeden Fall mehr als das übliche Standardmaß von 2,40 Meter sein, um das Raumgefühl zu vergrößern. Geworden sind es am Ende 2,47 Meter. „Das macht so einen großen Unterschied“, schwärmt er. Nicht zu vergessen: die Beleuchtung. Oft gibt es in kleinen Räumen nur ein Kabel, das ziemlich genau in der Mitte aus der Decke kommt. Hier dagegen werden Küche, Esstisch und Sofa separat ausgeleuchtet, auf dass sie optisch wie mehrere Räume wirken.

          Ein Vermögen für Möbel soll dabei niemand ausgeben müssen, was die Wohnungen von Pocket Living von so manchem Mikroapartment unterscheidet, in dem sich per Knopfdruck Tische von der Decke senken, Betten im Boden verschwinden oder sich der Kleiderschrank zum Bücherregal umdrehen lässt. „Solche Wohnungen kommen zwar mit 25 bis 30 Quadratmetern aus – aber bis sie erst mal eingerichtet sind, wird es richtig teuer“, moniert Vlessing.

          Drei-Zimmer-Wohnungen bereits in Planung

          Seine Zielgruppe ist die Generation Ikea – junge, gut ausgebildete Berufseinsteiger. Sie verdienen zu viel für eine Sozialwohnung (und wollen sich eigentlich auch nicht als bedürftig fühlen). Zugleich sind sie aber weit davon entfernt, sich in einen der Luxus-Wohntürme einkaufen zu können, von denen gerade so viele in den Londoner Himmel wachsen. Das Durchschnittsalter der Käufer liegt bei 32 Jahren, das Durchschnittseinkommen bei 39.000 Pfund.

          80 Prozent sind Singles. Die Homogenität sieht Vlessing nicht als Nachteil, im Gegenteil. Auf den ebenfalls obligatorischen Dachterrassen hat sich an lauen Sommerabenden schon so manche Clique gefunden, die nun gemeinsam in Urlaub fährt.

          Und was, wenn die 38 Quadratmeter irgendwann nicht mehr reichen, zum Beispiel, wenn sich Nachwuchs ankündigt? Vlessing wäre nicht Vlessing, wenn er nicht auch schon daran gedacht hätte. Die Entwürfe für Drei-Zimmer-Wohnungen liegen bereits in der Schublade, die Suche nach passenden Grundstücken läuft. Nur, was die Größe angeht, ist er sich noch nicht ganz sicher. 53, 54 oder 55 Quadratmeter? Eine dieser drei Varianten wird es werden.

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