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Wohnen in Biarritz : „Wie München mit Meer“

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Sehnsuchtsort am Ozean: Die mondäne Grande Plage ist nur einen Steinwurf vom Quartier Bibi entfernt. Bild: Florian Schuh

Die einen lieben die Ruhe, die anderen die Wellen. Ob Senioren oder Surfer: In Biarritz lebt man wegen des Atlantiks – und auf der Straße fällt auf, dass das Meer eine bestimmte Wirkung auf die Menschen zu haben scheint.

          Neben dem Parkplatz oben an der Côte des Basques bewegt sich immer was: Boulekugeln klicken im Schatten kleiner Bäume, Kaffeetassen wandern über die Theke des Kiosks. Ältere Damen mit Schoßhündchen trippeln vorbei, während Männer in Boardshorts sehr lange, prüfende Blicke auf die Wellen unten in der Bucht werfen. Der Kiosk mit den Barhockern heißt „Les 100 Marches“, was übersetzt „die 100 Stufen“ heißt, weil viele Treppen zu nehmen sind, bis man unten am Strand die Füße ins Wasser halten oder sich aufs Surfbrett werfen kann. Hier öffnet sich Biarritz zum Südwesten hin.

          Man blickt die Küste entlang bis nach Spanien. Die Pyrenäen beginnen mit ihren ersten Anstiegen. Das Baskenland ist präsenter als im Zentrum der Stadt, die eine Küstennase weiter nördlich liegt, zu Fuß nur zehn Minuten entfernt. Dort findet man auch die klassische Grande Plage und das Casino. Und: edlere Chocolatiers, schickere Restaurants, mehr Luxusmarken, spürbar mehr Geld.

          Die ersten Assoziationen, denkt man an Biarritz: klingender Name. Französisches Flair. Elegantes Strandbad. Vielleicht auch: ältliche Britinnen. Viele Klunker. Teures Pflaster. Noch vor zweihundert Jahren war es ein winziges Dorf, in dem vor allem Walfänger lebten. Geschützt von hohen Kliffs, zogen sie ihre Beute auf die flachen Sandstrände. Ein von der Welt vergessener Ort, über den Victor Hugo hingerissen sagte, er hoffe, dass er nie in Mode kommen möge, damit er seinen Charme nicht verliere. Es kam anders, denn Kaiserin Eugénie, die Frau Napoléons III., fand Gefallen an ihm.

          Erker, Türmchen und Freitreppen: Extravagante Architektur aus dem 19. Jahrhundert prägt das Bild des Strandbads.

          Ein Palais wurde gebaut, das noch heute als Hotel den Stadtstrand dominiert. Im Sommer kam der ganze Hofstaat, im Gefolge wollten auch andere Adlige aus Europa am angesagten Ort sein. Sie versuchten sich in architektonischer Extravaganz zu übertrumpfen. Und so sprossen Türmchen, Erker, Freitreppen und mehr im einstigen Fischerdorf. Neo in allen Varianten, von der Neogotik bis zum Neoklassizismus - ein eklektisches Potpourri an Stilen, eng bestückt, jedes Plätzchen genutzt von dem Grund, der plötzlich teuer war.

          Nie hört man hier Menschen streiten

          Teuer ist Biarritz bis heute. In einigen Lagen fast so teuer wie Paris. Auch ohne Grafen und Granden, die schließlich von gewöhnlichen, wenn auch meist wohlhabenden Urlaubern abgelöst wurden. Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begleitet von Surfern, denn die Stadt gilt als Wiege des europäischen Wellenreitens.

          In ganz Frankreich haben die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren nachgegeben. Biarritz tangiert das wenig. Das Angebot ist ohnehin so klein, dass Käufer froh sind, überhaupt etwas Passendes zu finden. Was die Leute noch heute ins einst so mondäne Seebad spült, ist die Lebensqualität: das Meer vor der Tür, die Wellen für den Sport, aber auch das Kleinstädtische. Der Umgangston ist freundlich und entspannt. Man kennt sich. Küsschen hier, Küsschen da. Zum Plaudern bleibt immer Zeit.

          Wenn sich Verkäuferin und Kundin verquatschen, was oft passiert, toleriert die Schlange das klaglos. Den Gestressten gibt kaum einer. Es mag die ausgleichende Wirkung des Atlantiks sein, aber nie hört man Menschen auf der Straße miteinander streiten. Das Manko: Es gibt wenig Arbeitsmöglichkeiten - lukrative schon gar nicht. Daher leben hier viele Rentner. Surfer halten sich trotz guter Ausbildung oft mit Jobs und Saisonarbeit über Wasser - der Leidenschaft wegen. Die Einwohnerzahl allerdings schrumpft, und 40 Prozent der Menschen haben hier sowieso nur ihren Zweitwohnsitz.

          „Man ist sehr gesellig“

          Schlendert man hinter dem 100 Marches oberhalb der Côte des Basques ins zugehörige Viertel, ist man plötzlich sehr weit weg von Napoleon III., der Belle Epoque und dem feinen französischen Lebensstil. Die Dichte an feinen Patisserien bröckelt deutlich. Quartier d’Espagne nennen Makler die Gegend um die Rue d’Espagne. Die Bewohner nennen es Quartier Bibi, die Stadt verwaltet es gemeinsam mit dem benachbarten Beaurivage als Bibi-Beaurivage.

          Ursprünglich lebten hier die Fischer, dann Gärtner, Köche und Zimmermädchen, die in den nahe gelegenen feudalen Häusern ihrem Broterwerb nachgingen. „Das war hier immer ein Arbeiterviertel“, erzählt Eleonore Vergnaud auf ihrer Terrasse. „Plötzlich ist es in Mode.“ Sie hat das kleine Fischerhaus vor fünf Jahren mit ihrem Mann gekauft und umgebaut. Heute könnten die Vergnauds ihr Domizil fürs Doppelte verkaufen. Die 39 Jahre alte gebürtige Pariserin findet es selbst verrückt. „Freunde mussten wegziehen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten.“

          Giovanni Chaffrun in seinem Büro in Biarritz

          Davor lebte die Berufsschullehrerin in St-Charles, das gleich hinterm Palast beginnt und Teil des mondänen Biarritz ist. Sie wollte nicht mehr tauschen: „Hier ist es viel lebendiger“, sagt sie und freut sich über die vielen jungen Bewohner. Aber auch über die Alten, die schon seit 70 Jahren im Quartier zu Hause sind. „Man ist sehr gesellig.“ Jeder schwärmt vom jährlichen Stadtteilfest, bei dem Tische auf die engen Straßen gestellt werden und alle gemeinsam essen.

          Nur wenige Touristen

          Eng sind die Straßen, verwirrend verwoben, viele enden als Sackgassen. Auch die Häuser rücken zusammen, lehnen sich aneinander, ducken sich. Das Fachwerk rostrot gestrichen oder dunkelgrün wie auch die Fensterläden. Die Architektur mehr baskisch als hochherrschaftlich. Gärten gibt es wenige, Parkplätze auch, dafür viele Nachbarn. Und kaum Touristen - es sei denn, sie mieten sich in Privatwohnungen ein.

          Die Infrastruktur richtet sich rein an die Bewohner: Zeitschriftenläden mit Lottoannahme, Bars, Mini-Supermärkte, Imbisse, Bäckereien - dazu gesellen sich ein paar ausgesuchtere Läden: die Fromagerie, die Poissonnerie, die Cave à vin, das Gourmet-Bistro. Denn mit den Quadratmeterpreisen wachsen auch die Kaufkraft im Viertel und die Ansprüche an den täglichen Bedarf.

          „Das Quartier Bibi haben als Erstes die Surfer entdeckt“, erinnert sich Makler Olivier Bricaut von der Agence First. „Sie kamen nicht nach Biarritz, weil sie in einer Upper-Class-Gegend leben wollten, sondern weil man hier so gute Bedingungen zum Wellenreiten findet.“ Für sie war es perfekt: zum Meer hin orientiert und noch günstig, weil unrenoviert. Heute ist fast jedes Haus hergerichtet und entsprechend teuer.

          „Hier trifft sich Jung und Alt, Reich und Arm“

          Beinahe 800.000 Euro soll dieses hier kosten, das der Makler gerade aufschließt. Ohne Garten, ohne Garage oder Parkplatz. Charme hat es, grüne Fensterläden, Holzdielen. Aber vor allem: Nur ein Kreisverkehr trennt es von der Aussicht auf den Ozean und dem Weg hinunter. Auf den Zickzackpfaden kreuzen gerade wieder Rentner beim gemütlichen Spaziergang, Surfer, die mit dem Board unterm Arm Richtung Welle eilen.

          „In Biarritz trifft sich Jung und Alt, Reich und Arm“, so Bricaut. „Das ergibt eine Dynamik, macht die Stadt lebendig.“ Wer allerdings nach St-Charles wolle und sogar aufs Meer schauen, dürfe schon 8000 bis 12.000 Euro pro Quadratmeter rechnen, eine Ausnahmevilla würde schon mal für acht bis neun Millionen weggehen. Trotzdem finde man in Biarritz nicht die ganz großen Vermögen wie an der Côte d’Azur, und man sei diskret: „Es ist nicht Bling-Bling.“

          Eleonore Vergnaud und ihr Sohn Antoine

          Warum heißt das Viertel eigentlich Bibi? Niemand weiß eine Antwort. Erst die Frau in der Boulangerie kann weiterhelfen. Die Elsässerin lebt seit 30 Jahren hier und weiß alles, was sich im Viertel tut. Oder sie weiß, wer es weiß. Wie in diesem Fall. Ein Stammkunde, geborener Biarrot, gibt Auskunft: In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es ein Lokal, da sagte die Wirtin immer „Ich gebe dir ein Bibi“, wenn sie Bisou meinte, also ein Küsschen. Die Leute fanden das so niedlich, dass sie das Café und später das Viertel so nannten. Heute wird das Wort fast inflationär verwendet. Sogar das 100 Marches nennt sich seit letztem Jahr Etxola Bibi, baskisch für Haus Bibi.

          Stolz auf die Lebensqualität

          „Biarritz ist wie München mit Meer“, sagt Giovanni Chaffron im Chefzimmer seiner Firma Label-Park in der Nähe des Bahnhofs von Biarritz, wo sich ein paar kleine Unternehmen und Start-ups angesiedelt haben. Morgens surfen, abends snowboarden - auch dafür kennt man die Stadt. Der Bretone mit italienischen Wurzeln offeriert online Surf-Skate-Snowboard-Equipment von privat und aus Abverkäufen.

          „Meine Passion ist es, schöne Dinge zu verkaufen“, sagt Chaffron. Und das gilt auch für etwas ganz anderes: Er kauft Apartments oder Häuser, renoviert sie, lebt darin, verkauft sie wieder. Sieben Mal hat er das in Biarritz und den Nachbarorten schon gemacht. Zwei Wohnungen lagen im Quartier d’Espagne.

          Die Auswahl an Unrenoviertem wird allerdings zusehends kleiner. Und damit die Möglichkeit, Gewinne mitzunehmen. Denn seine Idee des Haus-Hopping ist auch dem Umstand geschuldet, dass Arbeit in Biarritz schlecht, Immobilien aber gut bezahlt werden. Dass er es geschafft hat, zeigt allein, dass er mit seiner Wohnadresse jetzt in St-Charles angekommen ist. Er ist stolz auf Biarritz und die Lebensqualität. „Wo kann man das schon: mitten im Winter mit Freunden die kleinen Wege an der Côte des Basques zum Meer hinuntergehen, sich auf die Mauer setzen und Sushi essen?“

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