https://www.faz.net/-hrx-8lpco

Wildblumen : Was früher als Unkraut galt

  • -Aktualisiert am

Der Sonnenhut besitzt jede Menge Leuchtkraft. Bild: ddp Images

Seit natürliche Gartenschönheit gefragt ist, kommt auch manch Unkraut im Beet groß raus. Zu Recht. Die Wildpflanzen sind zwar kleiner, dezenter und zarter als Zuchtblumen, aber nicht weniger schön.

          5 Min.

          Ungefüllte Blüten, feine Ähren von Gräsern und Dolden, die Insekten anziehen – möglichst naturnah sollen Gärten heute aussehen. Fast so, als wären sie ein Stück des Wegrands oder Waldes, wo sich alles von selbst angesiedelt hat. Dennoch sind die Pflanzen, die ins Beet kommen, meist Hybriden, zumindest jedoch Auslesen der wilden Blumen und Kräuter. Oft sind sie größer, bunter, länger blühend als ihre wilden Vorfahren. Dabei sind diese nicht weniger schön. Man muss nur etwas genauer hinschauen.

          Im Wald oder am Wegesrand werden sie geschätzt, doch im Garten ist das so eine Sache. Wachsen wilde Kräuter im Beet, fällt das Urteil meist ungnädig aus: Unkraut! Schnell ist herausgerissen, was auf der anderen Seite des Zauns wegen seines natürlichen Charakters gelobt wird. Denn hier finden sich oft das zartere Blau, die feineren Blüten, die größere Vergänglichkeit, die auch kostbar macht. Manche der Ungezähmten breiten sich natürlich unbändig aus, da ist Vorsicht geboten. Andere wiederum können aber durchaus im Beet stehen bleiben, da sie harmlos sind. Ein bisschen Pflanzenkenntnis ist also vonnöten, wenn man sich mit den wilden Schönheiten einlässt.

          Einzigartig

          Die Wegwarte (Cichorium intybus), die derzeit noch vielerorts blüht, wächst zwar etwas sparrig, doch hat sie ein einzigartiges Blau. In manchen neu eingesäten Blumenwiesen findet man sie ebenso wie am Wegesrand. Kaum zu glauben, dass aus ihr der Chicoree gezüchtet wurde und aus ihren Wurzeln Kaffee hergestellt werden kann.

          Eine ähnlich bezaubernde Farbe hat der Natternkopf (Echium vulgare), der sich gerne auf Freiflächen ansiedelt. Die Pflanze wirkt oft etwas struppig, doch das tiefe Blau ihrer Blüte, das ins Violett verläuft, macht alles wett.

          Der Gemeine Natternkopf verfügt über ein einzigartiges Blau.
          Der Gemeine Natternkopf verfügt über ein einzigartiges Blau. : Bild: action press

          Kleine violette Blüten mit dunklen Spitzen hat der Erdrauch (Fumaria officinalis) zu bieten. Seit Mai sprießt er und kann im Frühling im Gemüsebeet durchaus zunächst mit Möhrengrün verwechselt werden. Doch dann bekommt diese zarte Pflanze ihre ungewöhnlichen Blüten. Da sie nicht sehr ausbreitungsfreudig ist, darf sie ruhig einen Platz im Beet bekommen.

          Auch Spitzwegerich (Plantago lanceolata) lässt sich gut in Schach halten. Dieses so unscheinbare Kraut hat auf seinen langen Stängeln Blüten mit einem Kranz weißer Staubfäden und trägt, ähnlich wie Gräser, entscheidend zum natürlichen Charakter eines Beetes bei. Mancherorts wird es von Gärtnern bewusst in Pflanzungen integriert, etwa in Wisley, dem Garten der Britischen Gartengesellschaft, der Royal Horticultural Society.

          Wie kleine Ballons wirken die Blüten des Aufgeblasenen oder Gewöhnlichen Leimkrauts (Silene vulgaris). Sie sitzen von Mai bis September grazil an feinen Stängeln und kommen an trockenen, eher mageren Standorten vor dem Blattgrün anderer Pflanzen besonders gut zur Geltung.

          Kratzbürstig

          Kugeldisteln (Echinops sphaerocephalus) und Elfenbeindisteln (Eryngium giganteum) haben es bereits geschafft: Gerne werden sie, ihrer interessanten Formen wegen, in Staudenbeete gepflanzt. Die Kugeldistel schon seit einigen Jahrhunderten – bei der blaugrauen Form, die sich in unseren Breiten in der Natur findet, handelt es sich sogar um aus den Gärten verwilderte Pflanzen, denn eigentlich stammt sie aus dem Süden. Auch Wilde Karden (Dipsacus fullonum) sind in den Gärten auf dem Vormarsch.

          Wie kleine Ballons wirken die Blüten des Aufgeblasenen oder Gewöhnlichen Leimkrauts.
          Wie kleine Ballons wirken die Blüten des Aufgeblasenen oder Gewöhnlichen Leimkrauts. : Bild: F1online

          Die Natur hat freilich noch viele andere schöne Disteln zu bieten, denen ein Platz gebühren könnte. Die Ackerdistel (Cirsium arvense) ist zierlich und blüht in hellvioletten Puscheln, die süß duften. Doch Vorsicht: Einmal im Beet, wird man sie nicht wieder los. Die Kratzdistel (Cirsium vulgare), in Schottland sogar Nationalblume, ist etwas voluminöser, lässt sich durch sorgfältiges Ausstechen aber eindämmen.

          Interessant für den Garten wegen ihres auffallend gezeichneten Laubes ist die Mariendistel (Silybum marianum). Sie stammt ursprünglich aus dem mediterranen Raum, wird wegen ihrer medizinischen Wirkstoffe aber inzwischen auch hierzulande angebaut. Am imposantesten ist jedoch die silbrige Eselsdistel (Onopordum acanthium), die am warmen, trockenen Ort bis zu drei Meter hoch und sehr raumgreifend werden kann – eine Präsenz im Beet, die man schon mögen muss.

          Weitere Themen

          Brennende Liebe

          Eine Garten-Erzählung : Brennende Liebe

          Anfang und Ende und wieder Anfang: Für ihn ist der Garten das Paradies auf Erden, für sie die Hölle aus Langeweile. Sie lieben sich – und dafür muss man manchmal lügen. Eine Erzählung in zwölf Gartenmonaten.

          „Wir machen einfach auf“

          Bundesgartenschau in Erfurt : „Wir machen einfach auf“

          Es wurde gebaggert, planiert und gepflanzt: An diesem Freitag eröffnet in Erfurt die Bundesgartenschau. Trotz Pandemie soll es „keine spürbaren Einschränkungen der Besucherzahlen“ geben.

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.