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Vor dem Freizeitkollaps : Wieso die Bewohner von Murnau keinen Welterbe-Titel wollen

  • -Aktualisiert am

Wie aus dem Bilderbuch: das Murnauer Moos Bild: © Bildagentur Huber

Viele Bewohner von Murnau wollen keine Bewerbung der Region um den Unesco-Welterbe-Titel. Sie fürchten die Probleme, die der wachsende Tourismus mit sich bringt.

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          Die Gegend um Garmisch-Partenkirchen ist Bayern wie aus dem Bilderbuch. Die Almen und Wiesen waren früher beliebte Postkartenmotive und gehören heute zu begehrten Fotoobjekten der Instagram-Gemeinde. Und nicht nur das: Ansichten der Landschaften hängen in den angesehensten Museen der Welt. Denn die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter als prominentesten Vertretern hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Murnau zusammengefunden.

          Warum also nicht diese alpinen und voralpinen Wiesen- und Moorlandschaften von der Unesco zum Welterbe erklären lassen? Die Antwort, die man derzeit in Murnau auf diese Frage bekommt, lautet etwa so: Weil schon heute zu viele Touristen kommen und weil der Welterbetitel der Region eine noch größere Aufmerksamkeit verschaffen und noch mehr Touristen bringen würde.

          Mehr Fluch als Segen

          Zur Zeit umfasst die Unesco-Liste 1121 Weltkultur- und -naturerbestätten, in Deutschland sind es 46. Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Auszeichnung eine Ehre. Der Aufschrei war groß, als in Dresden der Titel durch den Bau einer Brücke aufs Spiel gesetzt und er dem Dresdner Elbtal 2009 schließlich sogar aberkannt wurde.

          Doch heute scheint der Titel mehr Fluch als Segen zu sein. Murnau, die 12.000-Einwohner-Gemeinde oberhalb des Murnauer Mooses, des mit 32 Quadratkilometer größten zusammenhängenden Moorgebiets in Mitteleuropa, ist Teil des bereits 2011 vom Landratsamt auf den Weg gebrachten Projekts „Alpine und voralpinen Wiesen- und Moorlandschaften im Landkreis Garmisch Partenkirchen“, das zur Bewerbung des Unesco-Titels führen soll. Aber die Meinungen gehen auseinander. Viele Einheimische packt das kalte Grausen, wenn sie an den Titel denken.

          Tatsächlich erlebt die Gegend seit einigen Jahren einen Besucheransturm. Zwischen dem Autobahnende bei Eschenlohe und Oberau stauen sich die Fahrzeuge jedes Wochenende. Die Züge sind überfüllt. Parkplätze quellen über. Zufahrtsstraßen zu den Seen sind zugeparkt, so dass auch für Rettungsfahrzeuge kaum noch ein Durchkommen ist.

          Demonstrationen gegen zu viel Tourismus

          Bereits im vergangenen Jahr beklagte sich der Bürgermeister von Krün, Thomas Schwarzenberger, über Trampelpfade von Touristen, die auf der Suche nach dem besten fotografischen Blickwinkel durch die Wiesen trampeln. Der Zulauf an Menschen, die Fotos machen wollen, sei nicht mehr zu kontrollieren. Ähnlich geht es seinem Amtskollegen Stephan Märkl in Grainau. Der Eibsee ist ebenfalls ein begehrtes Motiv für die sozialen Medien und neben dem Ausflugsziel Zugspitze ein Grund für das Verkehrschaos im Ort, das zu Ferienzeiten sogar noch schlimmer wird.

          Der Bürgermeister selbst hat manchmal Mühe, aufgrund des Verkehrsaufkommens vom Rathaus nach Hause zu kommen. Am nicht weit entfernten Walchensee haben die Einheimischen im Herbst sogar gegen den Freizeitkollaps demonstriert, den ihnen Besucher aus München und dem Umland aber auch von der anderen Seite der Grenze aus Innsbruck regelmäßig bescheren.

          Christian Bär, Geschäftsführer des am Rand des Murnauer Mooses gelegenen Hotels Alpenhof und Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands, kennt die Probleme in der Region. Der große Ansturm beschränke sich vor allem auf die Wochenenden und die Ferienzeit, meint er. Unter der Woche oder auch im Februar und März sei es dagegen ruhig. Besorgniserregend findet er, was sich an schönen Tagen im Murnauer Moos abspiele, dass sich die Besucher nicht an Regeln halten und beispielsweise die Wege verlassen.

          „Doch wir werden den Tourismus nicht verhindern können. Wir müssen ihn kanalisieren“, sagt Bär. Schließlich trügen auch die Einheimischen mit Landschaftsaufnahmen in den sozialen Medien zum Ansturm bei. Bär erkennt in einem Welterbetitel deshalb mehr Segen als Fluch: „Das Prädikat könnte die Chance sein, Maßnahmen für den Schutz zu ergreifen.“ Er kann sich vorstellen, das Naturschutzgebiet Murnauer Moos nachts für Besucher zu sperren. Und vielleicht wäre mit dem Titel ja auch finanzielle Unterstützung verbunden, um damit Infrastrukturmaßnahmen wie Toilettenanlagen auf den Weg zu bringen.

          Im Bauausschuss von Murnau wurde heftig gerungen und die Bewerbung schließlich abgelehnt. Der Gemeinderat wiederum stimmte dem Vorhaben zu. Doch die Diskussionen gehen weiter.

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