https://www.faz.net/-hrx-a14je

Richard Neutras Häuser : Heroisch wie im Film

  • -Aktualisiert am

Das Wohnen in der Wüste wird wieder aktuell: In Wien feiert man die Wohnhäuser des großen österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra.

          4 Min.

          Unnahbar und entrückt wie Filmstars der fünfziger Jahre, so erschienen die Einfamilienhäuser des in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Wien nach Kalifornien ausgewanderten Architekten Richard Neutra, jedenfalls dann, wenn der berühmte Fotograf Julius Shulman sie mit seiner Kamera aufnahm. Er inszenierte gemeinsam mit Neutra einprägsame Bilder, ein wenig heroisch, ein wenig Filmstill, jedenfalls: großes Kino.

          Das Wien Museum zeigt in der Ausstellung „Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien“ ganz andere Bilder – Aufnahmen, die einen neuen Blick auf den ehemaligen Wiener Modernisten ermöglichen. Die Schau ist eine Zusammenarbeit von Andreas Nierhaus, dem Kurator der Architekturabteilung, und dem Architekturfotografen David Schreyer. Die beiden waren in Kalifornien und speziell Los Angeles und Umgebung unterwegs auf den Spuren eines anderen Richard Neutra. Sie finden einen Architekten, der nicht nur von den Reichen und Schönen Aufträge annahm, sondern sich primär für die elementaren Bedürfnisse beim Wohnen interessierte.

          Neutras Baukörper sind leicht. Sie greifen den Rhythmus der Umgebung auf, der schwingenden Hügelketten, der großen Steine und Felsblöcke, der hochgewachsenen Bäume und üppigen Pflanzen, die Neutra, der auch landschaftsgärtnerische Kenntnisse aus Europa in die neue Heimat mitbrachte, gern selbst auswählte.

          Die Schönheit von Seemuscheln

          Wie seine ikonischen Werke stattet Neutra auch ein einfaches, mit wenig Flächenverbrauch konzipiertes Haus mit ausgedehnten Glasfronten aus, auf Schienen verschiebbar und von mehreren Räumen aus einsehbar; die Durchblicke sind aufeinander abgestimmt. Die grandiose Landschaft und die ineinandergreifenden Raumfolgen scheinen sich wechselseitig zu durchdringen. Dieses visuelle, geradezu körperliche Nahekommen der Landschaft beim Gang durch die Räume ruft eine Art Nachbild im Innern des Betrachters hervor. Architektur ist für Neutra nicht nur Raumkunst, sondern auch eine Zeitkunst. Sie arbeitet mit Erinnerung und mit dem visuellen Nachhall des wenige Sekunden zuvor Gesehenen.

          Langlebig und ökologisch im besten Sinne: Strathmore Apartments, Westwood, Los Angeles, 1937 Bilderstrecke
          Häuser von Richard Neutra : Leichtigkeit als elementares Bedürfnis

          Neutras Bauten bringen einen Hauch von österreichischer Moderne nach Kalifornien, von Otto Wagner bis Adolf Loos, mit der er sich als Studierender in Wien beschäftigt hatte, aber auch die genauestens durchdachte, sparsame Raumkonzeption der japanischen Tradition. Anders als die europäische Rezeption via Shulman es nahelegt, haben 1949, als eine Nummer des „Time Magazine“ mit Neutra auf dem Titelbild erschien, die Redakteure das praktische und reproduzierbare Moment in Neutras Häusern erkannt. Im Allgemeinen, heißt es da, sei modernes Wohnen vor allem darauf ausgerichtet, die Nachbarn zu beeindrucken. Die Schönheit von Neutras Häusern hingegen sei vergleichbar dem Bau von Seemuscheln, „more than skin-deep-practical, not pretentious“.

          Indem David Schreyers Fotografien auch die Umgebung der Häuser aufs Bild bringen, zeigen sie, wie diese sich wie zum Ruhen behaglich in der Landschaft auszustrecken scheinen. Sie nehmen sich zurück. Wie es in einer der Beschreibungen zum Freedman House heißt, ist das Gebäude „kaum mehr als eine Membran“: Von der Vorderseite des Hauses aus blickt man auf den Pazifik und auf der anderen Seite auf einen Innenhof mit kleinem Pool. Solche Offenheit enthält angesichts der amerikanischen Frontier-Tradition, in der man auf dem Zug gen Westen das eroberte Gebiet strikt gegenüber der Wildnis abgrenzte – die Filmgattung Western legt davon Zeugnis ab – durchaus auch ein gesellschaftliches Anliegen.

          Weitere Themen

          Klug, doch ohne Besserwisserei

          100 Jahre Mozartfest : Klug, doch ohne Besserwisserei

          Was zog jede Zeit neu an Mozarts Musik an? Wie soll man sie interpretieren? Ein exzellenter Band mit Gesprächen und Essays zum Mozartfest Würzburg ist fast zu einem Handbuch geworden.

          Topmeldungen

          Die Zahl der Internet-Attacken nimmt zu.

          Cyber-Kriminalität : Im Netz der kaltblütigen Erpresser

          Hacker dringen mit ihren Angriffen in immer sensiblere Bereiche vor. Sie nehmen Daten als Geisel und Tote in Kauf. Treffen kann es jeden.
          Ministerpräsident Netanjahu am Donnerstag mit israelischen Grenzpolizisten in Lod

          Profiteur der Gaza-Eskalation : Netanjahus politische Rückkehr

          Netanjahu war wegen des Korruptionsprozesses und mehrfach gescheiterter Koalitionsbildungen politisch in Bedrängnis. Dass der Gaza-Konflikt jetzt wieder eskaliert ist, kommt dem israelischen Ministerpräsidenten zugute.

          Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

          Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.
          Impflinge haben nach ihrer Impfung gegen Corona ein Pflaster auf dem Oberarm.

          Inzidenz und Impfrekord : Ist das der Anfang vom Ende der Pandemie?

          Die Inzidenz sinkt bundesweit unter 100, die Zahl der Impfungen erreicht einen Rekordwert. Das stimmt selbst den Gesundheitsminister optimistisch. Doch Fachleute blicken schon auf eine weitere Variante des Virus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.