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Deutschlandreise 2020

Von JULIA STELZNER, Fotos JULIA STELZNER und THORSTEN KONRAD

16. September 2020 · Eigentlich hatten wir für dieses Jahr große Reisen geplant. Dann kam Corona. Statt in Tromsø oder Triest landeten wir im deutschen Mittelgebirge. Es hätte nicht besser sein können.

Ich bin rastlos, neugierig und ausgesprochen reiselustig. Andere lesen Weltliteratur, ich lese Weltkarten. Kofferpacken dauert bei mir keine zehn Minuten. Meine Reiseziele auf einem Zettel über dem Schreibtisch: Titisee im Schwarzwald, Surprise in Arizona, Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch in Wales. In Berlin-Mitte, wo ich wohne, passiert schon lange nichts Neues. Spätestens nach drei Wochen will ich weg. Nur meine Flugscham macht mir Druck. Ich esse kein Fleisch, kaufe nur selten Kleidung und streame nicht. Aber was ich in den vergangenen Jahren privat und beruflich an CO2 verpulvert habe, erschüttert mich. Da hilft kein Schönrechnen mit Atmosfair mehr. Da hilft nur – hierbleiben. Also: hier, in Deutschland. Es war schön, das vorweg. Auch wenn ich mich nicht an das Licht von Souvenirläden in pittoresken Altstadtgassen erinnere, das einen so blendet wie der geöffnete Kühlschrank mitten in der Nacht. Ich denke stattdessen an metallisch glänzende Kugeln auf Holzstäben in Vorgärten, die 365 Tage im Jahr ein Gefühl von Weihnachten vermitteln, ganz gleich, ob von ihnen Schneeregen perlt oder sich Sonnenlicht darin spiegelt. Ich denke an das Rot der Rewe-Filialen am Dorfrand und das Rot der Sparkassen-Filialen im Dorfzentrum. Und an die verschiedenen Grüntöne: das goldene Moosgrün am Rennsteig, das tiefe Blaugrün der Eifel, das schillernde Smaragdgrün im Altmühltal, das dichte Dunkelgrün im Schwarzwald. Mein Mann, unsere anderthalb Jahre alte Tochter und ich auf Urlaub in Deutschland. Das hatten wir schon lange vor. Dieses Jahr ging es nicht anders, wegen Corona. Einpacken, hinfahren, rumwandern, nichts tun, zurückkommen: ohne hektische Check-ins, ohne lange Transfers, ohne Klimazonen- und Garderobenwechsel von Wollpulli in Badeanzug. Das Reisen mit Auto oder Zug im eigenen Land plätschert so beruhigend gleichmäßig dahin wie ein Zimmerbrunnen. Kein Stress, sondern Ruhe, keine Sightseeing-Listen, sondern aktive Erholung. Aber nicht an der Ost- oder Nordsee, nicht in den Alpen, denn da ist es voll. Wo wir sind, da ist nichts los. Zum Glück!


Rennsteig: Schlendern im Thüringer Wald

Alles im Griff: Im Thüringer Wald gibt es Waldameisen, Kiebitze und manchmal sogar kleine Giraffen.
Alles im Griff: Im Thüringer Wald gibt es Waldameisen, Kiebitze und manchmal sogar kleine Giraffen.
R wie Rennsteig
R wie Rennsteig
Grüner wird’s nicht: Zeit zum Ausruhen gibt es hier genug.
Grüner wird’s nicht: Zeit zum Ausruhen gibt es hier genug.

Der 170 Kilometer lange Rennsteig gilt als ältester und am meisten begangener Wanderweg Deutschlands. Er beginnt in Eisenach und geht bis nach Blankenstein. Ein großes weißes „R“ zeigt den Weg an. Hier war ich als Kind schon wandern, kurz nach dem Fall der Mauer. Ich bin Jahrgang 1981 und im nördlichsten Zipfel Bayerns großgeworden. Damals warnte mich meine Großmutter, nicht so ungestüm durch den Wald zu rennen. „Es könnten noch Minen versteckt sein.“ Mehr als 30 Jahre später gehe ich hier wieder wandern. Mal nicht nur von der A 71 von Berlin nach Coburg aus das dichte, dunkle Grün bestaunen, das sich wie Gelatine über die knapp 1000 Meter hohen Berge legt, sondern: mittenrein. Masserberg im südlichen Thüringer Wald ist der Startpunkt. Das 2000-Einwohner-Dorf wird seit 1999 als heilklimatischer Kurort geführt. Es liegt genau in der Mitte des Dreiecks Frankfurt/Nürnberg/Leipzig, auf einem lichtverwöhnten Plateau mit vielen Wiesen. In Masserberg kann man gut einen Familienroman über vier Generationen schreiben, die verbliebenen Kiebitze zählen oder Mandarin lernen, denn es gibt hier außerordentlich wenig zu tun. Es sei denn, man sommerrodelt gerne. Zur Gemeinde Masserberg gehört auch der Ortsteil Einsiedel. Der Name ist Programm. Aber in diesem Jahr wird die Einöde zum Sehnsuchtsort. Wo sonst kann man besser die Abstandsregeln befolgen als hier? Die großenteils barrierefreien Wanderwege erlauben gut und gerne 1,5 Meter Mindestabstand. Nur unsere Tochter rennt den Weg im Zickzack entlang. Ab und an bleibt sie stehen und bewundert Waldameisen, strauchelt durch die rotbraunen Fichtenstämme und fällt auf weiches Moos. Die Zeit haben wir. Im Gegensatz zu Ausflügen in den Alpen müssen wir nicht die Abfahrtszeit der letzten Talfahrt beachten oder vor dem Mittagsansturm an der Alm essen. Als wir an der Rennsteigwarte ankommen, schläft sie. Auf dem 33 Meter hohen Aussichtsturm hat man einen 360-Grad-Blick auf den Thüringer Wald bis zur Rhön oder der Veste Coburg. Der Blick ruht sich aus auf dunkelgrünem Panorama.


Altmühltal: Dunkelbier an der Donau

Wie auf dem Amazonas.
Wie auf dem Amazonas.
Die Donau hat sich den Weg durch Felswände gebahnt.
Die Donau hat sich den Weg durch Felswände gebahnt.

Das Altmühltal ist so gemütlich wie der Thüringer Wald. Weite Landschaft, viel Grün, kleine Orte. Was es hier kaum gibt: Bäckereien oder Bierkneipen. Was es hier gibt: in jedem Dorf mindestens drei Bauernhöfe und in vielen Gärten mindestens ein Dutzend Gartenfiguren aus Metall − Hühner, Wetterhähne, küssende Kinder, Störche, Tauben, Igel, Eisenbahnen. Das Altmühltal beginnt mit der Altmühlquelle an der Frankenhöhe und endet in Kelheim an der Donau. In den Tälern blüht knallroter Mohn neben lilablauen Kornblumen. Bis man hier auf den Wanderwegen jemandem begegnet, vergeht eine Halbzeit. Immer wieder ragen Jurakalkfelsen aus dem Grün. In einem von zehn Gesteinsbrocken am Wegrand steckt eine Fossilie als ewiges Zeugnis des Jura. Am Donaudurchbruch am Kloster Weltenburg wird es dann doch spektakulär. Erst dieses Jahr wurde die Weltenburger Enge als „Erstes Nationales Naturmonument Bayerns“ ausgezeichnet. Donaudurchbruch ist eine dicke Übertreibung. Die Donau hat sich nur deshalb hier ihren Weg durch die massiven Felswände gebahnt, weil das Tal und das heutige Flussbett bereits in der Eiszeit von mehreren Donaunebenflüssen freigepresst wurden. 80.000 Jahre ist es her, dass der Kalk dahinschmolz wie Butter, die man zu lange in der Sonne stehen lässt. Trotz Corona fahren die Ausflugsschiffe wieder, mit Maske ist man dabei. Sie gleiten dahin wie auf dem Amazonas, zumindest ist es links und rechts davon so grün und dicht bewaldet. An den Kiesufern entspannen Urlauber und Einheimische. Wir nehmen vor dem Weltenburger Kloster Platz, vor uns glitzert die Donau, die Handinnenflächen kühlt eine Flasche Dunkelbier, wie es hier schon seit rund 1000 Jahren gebraut wird. Herrlich!

Nichts tun, aber das richtig: Endlich hat man hier Gelegenheit, sich Grashalme mal genauer anzusehen.
Nichts tun, aber das richtig: Endlich hat man hier Gelegenheit, sich Grashalme mal genauer anzusehen.

Eifel: Viel Ruhe und schlechter Empfang 

Kein Handyempfang, so einfach kann „digital detox“ sein.
Kein Handyempfang, so einfach kann „digital detox“ sein.

Die Eifel, das ist das Gebiet zwischen Aachen im Norden, Trier im Süden und Koblenz im Osten. Sie ist noch karger und kälter als das Altmühltal und der Thüringer Wald es sind. Die Eifel ist nicht nur geographisch weit entfernt von den prunkvollen Seenlandschaften in Bayern. Sie ist bescheiden beschaulich. Wer hier Urlaub macht, macht es entweder – wie wir – wegen Freunden, die hier ein Haus haben. Oder weil man mal ohne große Höhenunterschiede wandern will. Oder weil man schlicht und einfach seine Ruhe will, denn der Handyempfang ist mies bis gar nicht vorhanden. So einfach kann „digital detox“ sein. Der Ruhepol sind die Maare. Wo vor 11.000 Jahren dicke Gesteinsschichten aufploppten, füllte Wasser die Ausbuchtungen. So entstanden die Maare. Sie sind dunkel, fast schon blauschwarz wie die Nacht. Sie glitzern nicht, sie spiegeln, irgendwie melancholisch. Besonders das Weinfelder Maar. Eine Legende besagt, dass genau an der Stelle des Maars ein Schloss gestanden haben soll, in dem ein Graf mit Frau und Kind lebte. Als er jagen war, fand er bei seiner Rückkehr nur noch einen See vor, die Frau war verschluckt, das Kind trieb wohlbehalten in seiner Wiege ans Ufer. Das Dorf Weinfeld war einst um die Kapelle angesiedelt, die heute noch am Nordufer steht, bis die Bewohner an der Pest starben. Daher der geläufigere Name „Totenmaar“. Quicklebendig sind die 44 Ziegen und drei Esel, die am Weinfelder Maar weiden. Beim Spazierengehen verfolgen sie uns auf Schritt und Tritt. Als die Sonne untergeht, wird es frisch. Die Kälte ist eben doch die Krux der Eifel. Ohne Sonnenschein gibt es keine üppigen Ernten. Deshalb war die Eifel jahrhundertelang eine arme Region. Sogar im Sommer könnte man theoretisch heizen (oder im Pulli und mit Decke draußen grillen). Zudem regnet es viel. In der Eifel stellt man sich kein Schwimmbecken in den Garten, man lässt die Regentonnen volllaufen. Während unseres Kurztrips nach „Preußisch Sibirien“ habe ich kein einziges Mal Sonnencreme oder Badesachen ausgepackt. Nur beim Federball und beim Joggen über die Hügel kamen wir ins Schwitzen.

Nichts zu meckern: Am Totenmaar hat man seine Ruhe, und die Mitwanderer sind auch sehr nett.

Schwarzwald: In Heimatfilmkulissen 

Wie in Kanada: Natur, Menschenleere und Stille.
Wie in Kanada: Natur, Menschenleere und Stille.

Ende Juni waren wir im Schwarzwald, im nördlichen Teil. Den kann man in einer halben Stunde von Baden-Baden aus ansteuern. Über die Schwarzwaldhochstraße geht es rein ins dunkle Grün, das sich, immer entlang der französischen Grenze, 200 Kilometer lang bis Basel erstreckt. Während die einen in Baden-Baden mit Manschettenknöpfen, Louis-Vuitton-Tasche und verspiegelter Sonnenbrille vor dem Champagnerkühler im Tal sitzen, hocken die anderen im Schwarzwald mit hochgerafften T-Shirt-Ärmeln und halbleerem Rucksack nach der Wanderung vor einem großen Radler. Im nördlichen Schwarzwald kann man aber auch sehr gut wandern. Zum Beispiel rund um die Schwarzenbachtalsperre bei Forbach. Links von der Staumauer der zwei Kilometer lange See, rechts die dichten, dunklen Tannen. Als wir mit Käsebrot am Ufer Rast machen und Steine in den See werfen, weil wir ja sonst nichts zu tun haben und weil es Spaß macht, kommt ein Gefühl von Kanada auf. Natur, Menschenleere und Stille − wenn nicht ständig die Motorradfahrer durch die Kurve brettern würden. Einzig diese Lärmkulisse nervt am Schwarzwald. Ansonsten sieht man an diesem Mittag niemanden, der die Walderdbeeren wegnaschen würde. Ganz anders am Mummelsee zwei Tage später. Dass der Schwarzwald auf dem Papier das meistbesuchte deutsche Mittelgebirge ist, wird hier offensichtlich: alles voller Touristen. Sie kaufen dort Schinken und Kirschwasser, Kuckucksuhren und Mützen mit roten Wollbommeln, Jausenbretter und sogar Quietscheentchen. Ob der Mummelsee diese Menschenmassen verdient hat? Er ist doch nur 3,7 Hektar groß. In 15 Minuten ist man einmal drumherum spaziert. Schöner sind die vielen versteckten Täler, die aussehen, als hätte man die Holzhäuser, Bachläufe und Blumenwiesen hineingezeichnet. Wer würde heute noch denken, dass der Nordschwarzwald Mitte des 19. Jahrhunderts fast komplett abgeholzt war? Heute sehen wir nur eine malerische, eine magische Landschaft, perfekt für Heimatfilme und Märchen. Es muss eigentlich nur noch geklärt werden, ob die Schwarzwälder Kirschtorte und das Kirschwasser jetzt der Rauheit oder der Lieblichkeit der Region geschuldet sind.

Still ruht der See: Schön ist die Aussicht, Käsebrote zu essen und Steine ins Wasser zu werfen.
Still ruht der See: Schön ist die Aussicht, Käsebrote zu essen und Steine ins Wasser zu werfen.

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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 16.09.2020 19:48 Uhr