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Halal um die Welt : Wie verändern muslimische Reisende den Tourismus?

  • -Aktualisiert am

Halal-Speisen und Gebetsteppiche gibt es auch im „Hotel Adlon Kempinski“ in Berlin. Bild: Adlon Kempinski Berlin

Schon mal etwas von Halal-Reisen gehört? Keine Bevölkerungsgruppe wächst weltweit stärker als die der Muslime. Nun stellt sich die Tourismusindustrie auf die neue Zielgruppe ein – auch in Deutschland.

          Mit süßsaftigem Baklava, Datteln und getrockneten Früchten aus dem arabischen Begrüßungstreatment lässt sich der Blick auf das Brandenburger Tor am Pariser Platz in der Suite des „Adlon-Kempinski Berlin“ verschönern. Im Hintergrund läuft leise ein arabischer Sender, der Koran liegt griffbereit, der Gebetsteppich auch. Ein Pfeil weist dem Betenden den richtigen Weg. In der Minibar warten Erfrischungsgetränke, jedoch kein Alkohol – wer hungrig wird, kann unbesorgt Essen bestellen, das gibt es hier auch halal: Keine Bevölkerungsgruppe wächst weltweit stärker als die der Muslime, und mit halal-freundlichen Reisen stellt sich die Tourismusindustrie auf die neue Zielgruppe ein.

          „Halal“, das beschreibt nach islamischem Recht „alle Dinge oder Handlungen, die erlaubt sind, im Gegensatz zu haram“, sagt Professsor Jamal Malik vom Institut für Religionswissenschaften an der Uni Erfurt. Das bedeutet die Einhaltung von islamischen Speisevorschriften, also den Verzicht auf Schweinefleisch sowie nicht regelgerecht geschlachtete Tiere, kann sich aber auch auf den gesamten Lebensstil beziehen und ist aufgrund verschiedener Rechtsschulen „bis zu einem gewissen Grad Auslegungssache“. Dazu gehören fünf Mal täglich Richtung Mekka beten, Kleiderordnungen wie etwa das Tragen von Kopftüchern befolgen sowie der Verzicht auf Alkohol, Drogen und außerehelichen Sex.

          „Kunden wollen keine Kompromisse mehr eingehen“

          Wer nach islamischen Regeln lebt, legt auch beim Reisen auf Halal-Services Wert. Egal ob beim Business- oder City-Trip, beim Wellnesswochenende oder Strandurlaub. Wie das „Adlon-Kempinski Berlin“ bemühen sich deutschlandweit immer mehr Hotels um die Zielgruppe – auch, weil der sogenannte „Halal Travel“-Markt explodiert: Laut „Muslim Millennial Travel Report“ (2017) wird die Zahl muslimischer Reisender bis 2020 auf knapp 160 Millionen steigen. Bis 2020 werden die neuen Jetsetter voraussichtlich jährlich 220 Milliarden Dollar ausgeben, 2026 sollen es bereits 300 Milliarden sein. Das steigende Interesse an halal-freundlichen Reisen ist auch auf die stark wachsende Gruppe junger und kaufkräftiger Muslime zurückzuführen. Bis 2030 werden fast 30 Prozent der Weltbevölkerung Muslime im Alter zwischen 15 und 29 Jahren sein. Kamen Weltenbummler mit einem Interesse an Halal-Angeboten bislang meist aus reichen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, nimmt jetzt die Nachfrage in Ländern wie Malaysia oder Indonesien zu, wo die Mittelschicht wächst. „Aber auch die zweite und dritte Generation Muslime in Deutschland möchte schöne Reisen antreten“, so Malik.

          Auf Wunsch gibt es auch ein Spa-Center nur für Damen: Das „Resort Ayada Maldives“

          „Mit der neuen Kaufkraft sind die Kunden anspruchsvoller geworden und wollen keine Kompromisse mehr eingehen“, sagt Ufuk Seçgin vom Buchungsportal halalbooking.com. Seçgin, der mit türkischen Wurzeln in Hamburg geboren wurde und seit 16 Jahren in London lebt, kennt das Dilemma selbst. „Wenn ich auf Reisen bin, würde ich gerne mal in ein schickes Sternerestaurant gehen, ich habe auch nicht immer Lust auf türkische Küche.“ In London stellten sich mittlerweile viele britische Gastronomen auf die muslimischen Gäste aus dem In- und Ausland ein, während hippe Bars ihr Cocktailmenü um alkoholfreie Alternativen erweitern. Und Freizeitveranstalter wie „Muslim History Tours“ bieten Sightseeing-Trips mit Fokus auf die britisch-muslimische Geschichte. Für viele Städte, Tourismusverbände, Reiseveranstalter oder Hoteliers schlummert da ein lukratives Potential.

          Gebetsteppiche im Zimmer und entsprechende kulinarische Angebote sind erst der Anfang. Halal zu reisen geht für viele bereits bei der Anreise mit entsprechenden Speisen im Flugzeug oder sogar Gebetsräumen an Bord und an Flughäfen los, geht bei Freizeitaktivitäten weiter und hört beim stillen Örtchen auf. „Im arabischen Raum ist es üblich, sich nach dem Gang zur Toilette mit Wasser zu säubern“, sagt Seçgin. „Wer sich als Hotelier mit speziellen sanitären Anlagen darauf einstellt, bedient wirklich eine große Nachfrage.“

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