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Auf Klassenfahrt : Es muss ja nicht gleich die Kreuzfahrt sein

  • -Aktualisiert am

Passgenaue Angebote vom Reiseveranstalter für Schulen: „The Harmony of the Seas“ verlässt 2016 die Werft Saint-Nazaire. Bild: AFP

Das gemeinsame Verreisen mit den Mitschülern, vielen Generationen wohlvertraut, muss heutzutage als Event inszeniert werden. Profis haben daraus ein Geschäft gemacht.

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          Früchtetee, Graubrot, Stockbetten. Die gute alte Jugendherberge wurde in den vergangenen Tagen zur Antithese schlechthin stilisiert: Ein Frankfurter Gymnasium geriet bundesweit in die Kritik, weil es zwei Leistungskurse zur Studienfahrt nach Kopenhagen und Oslo schickt – mit einem Kreuzfahrtschiff. Wie es die Schule mit dem Klima halte, wurde in Zeiten von „Fridays for Future“ gefragt. Ein Lehrer, der die Klassenfahrt begleiten wird, sagte dem Hessischen Rundfunk: „Mit dem Fahrrad nach Wanne-Eickel fahren – das wollen die Schüler nicht.“ Und so dachten die einen voller Grauen, die anderen voller Nostalgie an ihre eigene Klassenfahrt nach Wanne-Eickel. Wieder andere konnten es immer noch nicht fassen: „Eine Kreuzfahrt!“

          Dabei ist die Klassenfahrt längst nicht mehr, was sie mal war. Sie ist zum Event geworden. Genauer noch: Sie muss ein Event sein. Statt wie auch schon vor hundert Jahren ins Schullandheim zu fahren, inklusive Nachtwanderung und Referaten, buchen immer mehr Lehrer ein durchgetaktetes Rundum-sorglos-Paket bei einem Reiseveranstalter: Black-Forest-Trail im Schwarzwald. Wolfsexperte werden in Wolfsburg. Mountainbiken und Canyoning am Gardasee. Eine Fahrt nach Prag; im Preis inbegriffen: ein Besuch in „Europas größter Disco“.

          Nach Prag reiste auch Justin Blum mit seinem Deutsch-Leistungskurs. Das war 2004, und auf dem Programm stand kein Nachtklub, dafür aber das Geburtshaus von Franz Kafka. Heute ist Blum Pressesprecher des Jugendherbergswerks, des Verbandes der Jugendherbergen in Deutschland. Er sagt: „Den klassischen Fall, dass der Lehrer zu Hause die Landkarte herauskramt und überlegt, wohin man reisen könnte, gibt es nur noch selten.“ Das liege an den gestiegenen Ansprüchen. „Vor allem Jugendliche wollen auf Klassenfahrt etwas Außergewöhnliches erleben und setzen das häufig mit einer möglichst fernen und aufwendigen Reise gleich.“

          Gefragte Programmpakete

          Es ist wie bei den Kindergeburtstagen oder Abifeiern: Die Erwartungen an Klassenfahrten sind mittlerweile so hoch, dass Eltern und Lehrer oft lieber Profis ranlassen. Kein schlechtes Geschäft. Bis zu zwei Millionen Schüler gehen in Deutschland jedes Jahr auf Klassenreise, schätzt der kürzlich erschienene Ratgeber „Kursbuch Klassenfahrt“. Allein mit Alpetour, einem der größten Anbieter, sind nach eigenen Angaben jährlich etwa 6000 Klassen unterwegs. Und auch Jugendherbergssprecher Blum sagt: „Unsere Programmpakete werden in den letzten Jahren immer stärker nachgefragt.“

          „Den klassischen Fall, dass der Lehrer die Landkarte herauskramt, gibt es nur noch selten“: Hamburger Klasse auf Ausflug, ca. 1900.

          Denn den Herbergseltern stehen längst Erlebnispädagogen zur Seite, die passgenaue Angebote machen: multimediale Stadtrallye, Waldbaden, Segeln, Freizeitpark. Das Zusatzangebot Grillabend gibt es ganzjährig für 5,40 Euro pro Person dazu. Sowohl die Jugendherbergen als auch kommerzielle Anbieter wie Alpetour haben Komplettpakete und Programmbausteine im Portfolio. Ein Wünsch-dir-was für Lehrer und Schüler. Oder, wie Blum es ausdrückt: „Wir sind nicht das langweilige Gegenteil der Klassenkreuzfahrt.“

          Eine Kreuzfahrt für Mathe- und Physikleistungskurse sucht man allerdings vergeblich. Noch? Der Trend ist ein anderer: „Weil der Flug nach Barcelona oder Rom günstiger ist als die Fahrt mit dem Bus, stieg die Zahl der Flugreisen jahrelang an“, erzählt Jörn Knissel vom Reiseveranstalter Alpetour. Nun beobachtet er eine Umkehr: „Flugreisen werden bei uns deutlich weniger gebucht, stattdessen wird bei Klassenfahrten wieder stärker auf Busse gesetzt.“ Es ist das Comeback eines Klassikers.

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