https://www.faz.net/-hrx-9l6mb

Holzmöbel mit Gütesiegel : Nachhaltigkeit aus nächster Nähe

  • -Aktualisiert am

Für ihre Möbel verwenden sie nur Holz aus dem Kölner Forst: Architektin Sabine Röser und Schreiner Wilfried Nissing. Bild: Stefan Finger

Beim Möbelkauf spielt Ökologie oft noch eine kleine Rolle. Dabei liegt die Lösung manchmal direkt vor der Tür.

          4 Min.

          Konsumenten sind heute anspruchsvoll: Bio-Äpfel sollen am liebsten aus lokalem Anbau stammen, Kleidung mit Öko-Siegeln versehen, Bettwäsche aus nachhaltig und fair produzierter Baumwolle sein. Doch wenn es darum geht, wo aufgetischt wird, worin die Kleider verstaut und worauf die baumwollenen Laken geworfen werden, spielt die sonst so allgegenwärtige Nachhaltigkeit meist eine Nebenrolle. Beim Möbelkauf zählen vor allem Ästhetik und Preis.

          „Mit der Strategie des Sonderangebots fördert die Möbelindustrie eine Wegwerfmentalität und entwertet damit die eigenen Produkte“, sagt Helmut Haybach vom Technologie-Zentrum Holzwirtschaft mit Sitz in Lemgo. Ausgerechnet Ikea bewies im vergangenen Herbst, dass manche Anbieter umdenken. Der schwedische Möbelgigant, der einst die ständige Schnäppchenjagd salonfähig machte, testete in fünf deutschen Filialen ein neues Geschäftsmodell und kaufte Gebrauchtmöbel aus dem eigenen Sortiment von Kunden auf, um sie dann in der Fundgrube wieder anzubieten.

          Ausschließlich Holz aus dem Kölner Forst

          Modefirmen wie H&M stehen unter Beobachtung in Sachen ökologische und soziale Verträglichkeit, im Bio-Supermarkt und auf dem Wochenmarkt einzukaufen gilt als Statussymbol. Möbel rücken langsamer in den Fokus vieler sonst so auf Nachhaltigkeit bedachter Kunden. Sabine Röser aus Köln ahnt, warum: „Mit Ernährung befasst man sich täglich, mit Mode saisonal. Möbel kauft man viel seltener.“ Gerade bei Jüngeren wachse aber das Bewusstsein, beobachtet die Architektin in ihrer täglichen Arbeit. Mit ihrem Mann, dem Schreiner Wilfried Nissing, leitet sie seit 2006 das Unternehmen Stadtwaldholz, das Massivholzmöbel und Wohnaccessoires herstellt. Und zwar ausschließlich aus Holz aus dem Kölner Forst.

          Im Süden der Stadt, nur rund sieben Kilometer vom Wald entfernt, liegen die Werkstatt, ein Showroom, das Holzlager und das Atelier. Hier entwirft Röser mit ihren Kunden Esstische, Regale oder Betten. Nissing setzt die Designs mit zwei Angestellten um und verfeinert sie technisch. So werden aus Bäumen, die aus Sicherheits- oder ästhetischen Gründen gefällt wurden, oft überraschend leichtfüßige Massivholzmöbel, etwa eine Chaiselongue aus Mammutbaumholz mit einer Lehne in Muscheloptik und erstaunlich wenig Gewicht.

          Nicht nur Massivholzmöbel: Ein Stubenhocker aus Ahorn. Bilderstrecke

          1990 führte der Sturm „Wiebke“ Nissing vor Augen, wie viel Holz direkt vor seiner Haustür vorhanden war. Zuvor hatte er das Material im Holzhandel gekauft. Er fragte bei der Forstverwaltung an, was mit dem Holz geschehe: „Es wurde als Brennstoff genutzt, aber nicht zur kommerziellen Möbelherstellung.“ Das lag vor allem an Eisensplittern in einigen Bäumen, Spuren des Zweiten Weltkriegs. „Für große, automatisierte Sägewerke ist das ein Problem, jeder Störfaktor verzögert die Produktion“, erklärt Sabine Röser. In ihrem kleinen Sägewerk jedoch, wo individuell gefertigt werde, könne man darauf reagieren und das Holz anders verarbeiten.

          ,,Was nicht zu verarbeiten ist, landet dort“

          Das tat das Paar und hatte einige Jahre später so viele Aufträge für Massivholzmöbel aus Stadtwaldholz, dass sie 2006 ihr Unternehmen ganz auf den Rohstoff aus der Nachbarschaft ausrichteten und auch nach ihm benannten. Das Stadtwaldholz-Logo ist ein Brennstempel, der garantiert, dass hier nur Holz aus dem nahen Kölner Forst verarbeitet wird. Zu Massivholzmöbeln, aber auch zu Hockern, Kerzenhaltern oder naturbelassenen und bunten Bauklötzen.

          „Was nicht zu verarbeiten ist, landet dort“, sagt Nissing und zeigt lächelnd auf den wärmenden Ofen: „Wir versuchen, die lokale Ressource möglichst umfassend und sinnvoll auszuschöpfen.“ Nachhaltigkeit von Stadtwaldholz kommt ohne erhobenen Zeigefinger oder Missionierungsanspruch daher. Viele ältere Kunden kämen vor allem wegen des lokalen Bezuges, sagt Röser. Nachhaltigkeit sei für sie nur ein willkommenes Extra. Eines, das einen vagen Begriff im wahrsten Sinne des Wortes greifbar macht, wenn man über die hölzernen Oberflächen streicht.

          Holz könne das individuelle Wohlbefinden steigern und die Gesundheit fördern, betont Helmut Haybach. Das gelte nicht nur für Möbel: Ein Fußboden aus Massivholz etwa sei gut für eine ausgleichende Luftfeuchtigkeit. Haybach sieht in der Wohngesundheit einen zentralen Aspekt der Nachhaltigkeit. Von Dogmatismus rät er jedoch ab. Nicht alles aus der Natur sei automatisch gesund: „Es gibt keinen natürlichen Stoff, der nicht auf den Menschen wirkt.“ Harze aus Nadelbäumen etwa könnten bei extrem sensiblen Menschen Allergien auslösen.

          Auch von Vorurteilen gegenüber oft verpönten Spanplatten hält Haybach wenig. Schließlich werde in ihnen das verwertet, was nicht zu Massivholzmöbeln verarbeitet werden kann. In oberflächlichem Aktionismus sieht auch Röser keine Lösung: „Einen intakten Tisch mit Resopal-Platte wegzuwerfen, um sich einen neuen aus Massivholz zu kaufen, ist nicht nachhaltig.“ Ist der alte Tisch wirklich nicht mehr zu gebrauchen und ein neues, nachhaltiges Produkt muss her, sollte das vor allem langlebig sein. So wie Kinderbetten, die bis ins Studentenalter mitwachsen können, oder Tische, die sich ausziehen und umbauen lassen.

          „Ich habe großes Vertrauen in die Verbraucher“

          Steht ein Kauf an, können Gütesiegel wie das „Goldene M“ der Deutschen Gütegemeinschaft Möbel e.V. (DGM) und das „Siegel für guten Wald und gutes Holz“ des Forest Stewardship Council (FSC) helfen. Viele kleine Handwerksbetriebe aber arbeiten ohne solche Zertifikate. „Oft produzieren sie gar nicht in den seriellen Dimensionen, die es für die Verleihung eines Siegels braucht, sondern fertigen individuell an“, erläutert Haybach. Er weist auf die Umweltgemeinschaft im Tischlerhandwerk hin, eine Vereinigung von Handwerksbetrieben in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, und deren Richtlinien für „Grüne Möbel“. Diese fördern die Wohngesundheit, sind lange nutzbar und aus Hölzern aus nachhaltiger Forstwirtschaft gefertigt.

          Sabine Röser nennt noch ein Problem: „Eine Zertifizierung muss jährlich, manchmal auch alle zwei Jahre erneuert und bezahlt werden. Kleine Betriebe können das kaum finanzieren.“ Der Tischler um die Ecke arbeite also womöglich viel nachhaltiger, als man aufgrund der Abwesenheit von Siegeln und Zertifikaten annimmt. Da hilft nur eins: nachfragen. „Ich habe großes Vertrauen in die Verbraucher und, dass sie sich auch selbst informieren“, sagt die Architektin. Wer sich an sie wendet, bekommt eine klare Antwort: „Wir haben ein eigenes Gütesiegel: unseren Stadtwald-Brennstempel.“

          Weitere Themen

          Von stapelbar bis massiv

          Neue Möbelhersteller : Von stapelbar bis massiv

          Echtstahl, Sitzfeldt, Freifrau – nicht weniger innovativ als ihre Namen sind ihre Designs. Während viele Möbelhersteller vor der Insolvenz stehen, gibt es auch noch erfolgreiche Neugründungen.

          Topmeldungen

          Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

          Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.