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Renaturierung : Wie die Natur in einem alten Skigebiet wieder Einzug hält

Reine Natur: Die Hänge des Gschwender Horns sind wieder unversehrt - unten die Hauptabfahrt des Skigebiets vor und nach der Renaturierung. Bild: Ellen Urban

Après Ski – aber nachhaltig: Vor 25 Jahren wurde das Skigebiet am Gschwender Horn renaturiert. Heute sind vom früheren Pistenbetrieb kaum noch Spuren zu finden.

          7 Min.

          Die Idee klingt wie ein Zaubertrick: ein ganzes Skigebiet einfach so – poof! – verschwinden zu lassen. Wie ein Illusionskünstler das Kaninchen. Nur, dass sich in diesem Fall Skilifte, Stützmasten, Tal-, Mittel-und Bergstation, Pistenraupen, Werkstatt und „Skihaserlstall“ in Luft auflösen sollten. Als wären sie vom Erdboden verschluckt. Das war die Idee. Und die haben sie dann, so unrealistisch es auch klingen mag, am Gschwender Horn im Allgäu in die Tat umgesetzt.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Und aus heutiger Sicht, in einer vom Klimawandel geprägten Welt, wird immer deutlicher, dass sie damals am Gschwender Horn die richtigen Fragen gestellt und auf diese Fragen die richtigen Antworten gefunden haben.

          Der Zauber begann im August 1994. Damals war klar gewesen: Die Skilifte am Gschwender Horn bei Immenstadt, die von 850 Meter auf 1450 Meter Höhe führten, waren nicht mehr gewinnbringend zu betreiben. Die Lifte waren im Winter 1971/72 eröffnet worden, in einer Zeit des Aufbruchs, der Goldgräberstimmung in den Bergen, als der Skitourismus den Weg in eine vielversprechende Zukunft zu weisen schien, auch dank einiger schneereicher Winter, und als jede Gemeinde naturgemäß an der lukrativen Massenbewegung teilhaben wollte.

          Der Plan stieß auf großes Interesse

          Im Fall des Gschwender Horns stieß man dabei aber bald an Grenzen. Nicht nur wegen der fehlenden Höhe und wegen der vielen Skifahrer, die schon damals weitläufigere, schneesichere Gebiete bevorzugten. Auch die ungünstige Lage wurde schnell zum Problem. „Es war kein klug ausgewähltes Skigebiet“, sagt der Geograph Thomas Dietmann, der sich mit alpiner Ökologie beschäftigt und seit 25 Jahren in bayerischen Skigebieten tätig ist. „Durch die starken Westwinde im Tal wurden die Pisten häufig schneefrei geblasen.“ Für einen wirtschaftlich sinnvollen Weiterbetrieb des Skigebiets wären hohe Investitionen nötig gewesen. Davor schreckten alle Beteiligten zurück, allen voran der Liftbetreiber selbst – er setzte sich mit unbekanntem Ziel ab.

          So entstand, aus der Not geboren, die Idee: Was, wenn man am Gschwender Horn exemplarisch zeigen würde, wie man ein aufgegebenes Skigebiet zurückbauen kann? Es gewissermaßen in seinen Naturzustand zurückversetzen würde? Es gab damals kein Vorbild für ein solches Projekt im bayerischen Alpenraum, kein Konzept für den umweltverträglichen Abbau der technischen Infrastruktur eines Skigebiets und für eine ökologisch verträgliche Nachnutzung. Auch deshalb stieß der Plan auf großes Interesse. Es gelang, die Allianz Umweltstiftung als Sponsor zu gewinnen, auch die Stadt Immenstadt stimmte zu. Viele Medien berichteten über das Vorhaben, die Zurück-zur-Natur-Initiative traf einen Nerv. Später wurde sie Teil der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, für die sie als dezentrales Projekt ausgewählt wurde.

          Von Anfang an dabei: Förster Gerhard Honold
          Von Anfang an dabei: Förster Gerhard Honold : Bild: Bernd Steinle

          Doch es gab auch Kritiker. Vor allem aus der Tourismusbranche im Allgäu. „Es ist nicht bei allen gut angekommen“, sagt Dietmann, der maßgeblich an dem Konzept beteiligt war. „Viele befürchteten eine Art Negativwerbung.“ Nicht zuletzt wegen des Medienechos, das zuweilen den Eindruck weckte: Im Allgäu kann man nicht mehr Skifahren. Die Befürworter machten deutlich, dass es hier nicht um Vorbehalte gegen Skitouristen gehe, und schon gar nicht darum, den Skisport, der im Allgäu eine lange Tradition hat und dort tief verwurzelt ist, grundsätzlich in Frage zu stellen. Sondern um den Versuch, in einem Pilotprojekt modellhaft zu zeigen, wie ein Skigebiet renaturiert und neu genutzt werden kann. Und wie eine Gemeinde, auch ohne sich auf Gedeih und Verderb dem Skibetrieb auszuliefern, eine touristische Zukunft haben kann.

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