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Klimawandel im Kräutergarten : Die sanfte Revolutionärin

  • -Aktualisiert am

Auf ihrem Biohof im Südburgenland vermehrt Julia Wolf Jungpflanzen - und gibt altes und neues Wissen weiter. Bild: Biohof Wolf

Alte Sorten, neue Bedingungen: Wie sich der Klimawandel auf den Hausgarten auswirkt, erforscht eine junge Landwirtin im Südburgenland. Welche Schlüsse zieht sie für Gemüse- und Kräuteranbau?

          3 Min.

          Die viel zu heißen, trockenen Sommer, die milden Winter, die heftigen Regenfälle und anschließend verkrusteten Böden, auf denen nichts mehr wachsen will: Wer einen Garten pflegt, merkt deutlicher als andere, wie rasant sich das Klima ändert. Pflanzkalender stimmen nicht mehr, was früher im Hochsommer wie selbstverständlich gedieh, geht in der sommerlichen Trockenheit ohne tägliches Wässern ein. Da hilft kein stures Befolgen althergebrachter Ratschläge. Die Welt hat sich irreversibel gewandelt.

          Die junge österreichische Landwirtin Julia Wolf weiß das aus täglicher eigener Erfahrung. Sie hat einen großen Selbstversorgergarten, zieht Jungpflanzen aus hunderten Sortenraritäten, und weiß längst, dass die Anbauregeln aus ihrer Ausbildung neu geschrieben werden müssen. Der Klimawandel ist eine Realität – aber Weltuntergangsstimmung liegt Julia Wolf fern, sagt sie: „Ich habe ja selbst zwei Kinder, ich könnte mich natürlich fürchten. Aber das ist der Weg der Stagnation, ich suche lieber nach Lösungen.“ Jeder habe es in der Hand, den eigenen Lebensraum zu verbessern, sagt Wolf: „Natürlich ist es wichtig, auch in großen Dimensionen zu denken, aber ich als einzelne kann politisch nichts verändern. In meinem eigenen Umfeld kann ich aber viel verändern, ich kann meinen Vorgarten bepflanzen, Nahrung für Insekten bieten, anstatt ihn praktisch zuzuschottern. Das ist eine sehr sanfte Art, eine Revolution einzuleiten, aber wirkungsvoll.“

          Alte Gemüseraritäten vermehren, Kindern das Wildpflanzen-Naschen beibringen, und den Klimawandel beobachten und nutzen: Biobäuerin Julia Wolf ist eine Weltverbesserin im Kleinen, die Großes bewirkt.

          Julia Wolfs Biohof liegt an einem sanften Hang in Wörterberg, einem kleinen Ort im südlichen Burgenland. Obst- und Weingärten prägen die Landschaft am Übergang zwischen mediterranem, pannonischem und Alpenklima, es ist eine fruchtbare Gegend. Die gezähmte Wildnis des Selbstversorgergartens, die Artenvielfalt und das summende, sirrende Insektenleben darin sind Beweis für die große Begabung von Julia Wolf: Sie sät, vermehrt und pflegt nicht nur ihre Pflanzen, sondern auch das Wissen um den sorgsamen Umgang damit. Und sie gibt das alles weiter an Laien und Landwirte, mit Gartenführungen und Workshops für Kinder, mit Vorträgen, und mit dem Anlegen etwa von Naschgärten für Kindergärten und Schulen.

          Humus, Nährstoffe, Kompost

          Julia Wolf ist als Revolutionärin pragmatisch: Mit den offensichtlichen Klimaveränderungen ist eben umzugehen, alte Gewohnheiten müssen fallen – und der Garten besonders sorgsam behandelt werden. „Das Wichtigste ist immer die Behandlung des Bodens: Aufbau von Humus, Versorgung mit Nährstoffen, und die Grünabfälle direkt am Grundstück in Kompost verwandeln“, rät Wolf. Der Boden muss offen sein, also auch keinesfalls durch eine Schotterschicht verdichtet, Gründünger wie Buchweizen oder die blau blühende Bienenweide bringen Nährstoffe in den Boden.

          Bienen- und Schmetterlingsstauden fördern nicht nur die Artenvielfalt, sondern kultivieren auch Nützlinge im eigenen Garten, die die ebenfalls durch die milden Winter begünstigten Schädlinge in Schach halten, Gärtnerinnenschreckgespenster wie Eichenprozessionsspinner, Maulbeerlaus und  Buchsbaumzünsler. „Wir sind ziemlich schlampig im Garten, bei uns wächst Kraut und Rüben durcheinander – und genau diese Mischkultur fördert die Nützlinge.“ Auch radikales Zurückschneiden im Herbst ist zu vermeiden, denn in den trockenen Blüten- und Fruchtständen überwintern nützliche Insekten.

          Grün zum Mitnehmen. Auf dem Biohof Wolf verkauft Julia Wolf ab Hof Kräuter- und Gemüsepflanzenraritäten.

          Grundsätzlich hat sich die Vegetationsperiode um ein Drittel verlängert, schätzt Wolf: „Früher hat es geheißen, vor April brauchst du im Garten gar nichts tun. Inzwischen können wir fast zwölf Monate im Jahr anbauen und ernten, besonders der Herbst- und Wintergemüseanbau ist ein großes Thema“, sagt sie. – Ideen dazu kommen vor allem aus der italienischen und kroatischen Landwirtschaft, deren traditionelles Klima immer mehr dem ähnelt, mit dem auch Julia Wolf arbeiten muss. „Inzwischen fangen wir im Februar schon an mit Erbsen, Mangold und so weiter – und dafür funktionieren im Sommer viele Blattgemüse nicht mehr, weil es so heiß und trocken ist.“

           Anfang September, wenn die Trockenperiode endet, können Gemüsegärtnerinnen noch einmal in einen zweiten Frühling starten: „Asiasalate, verschiedene Kräuter, Kohlgemüse, Grünkohl, Scherkohl, Butterkohl, Mangold, Spinat, Radieschen, Kohlsprossen, Feldsalat - die Spanne wird immer breiter. Wir merken, dass ganz viele Gemüsesorten aus Italien und anderen südlichen Ländern bei uns inzwischen wunderbar zu kultivieren sind.“ Dass es früher hieß, mit Allerheiligen sei das Gartenjahr vorbei, ist eine längst überholte Regel. Viele im Freiland wachsende Pflanzen überleben auch Frost, wenn sie kurzzeitig mit Abdeckvlies geschützt werden. „Wir haben oft noch eigene Erdbeeren im Dezember.“

          Eigentlich hat Julia Wolf an der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Schönbrunn in Wien studiert und war als Gartenplanerin und Gärtnerin im In- und Ausland unterwegs. Selbst im Gartenparadies Großbritannien betreute sie Parks und Gärten: Von der Planung architektonischer Gärten über das Anlegen von Schwimmteichen bis zur Komposthaufen-Beratung kennt sie sich bei allem aus, was Gartenliebhaberinnen so brauchen. Inzwischen arbeitet Wolf fast ausschließlich auf ihrem Hof, experimentiert mit dem Anbau alter Sorten, deren Widerstandskraft sie testet, und deren Saatgut sie vermehrt.

          „Früher haben mich die anderen gefragt, warum ich mir im Garten so eine Mühe mache, und nicht einfach das Gemüse im Supermarkt kaufe“, sagt sie, „aber inzwischen ist das Thema in der breiten Masse angekommen. Ich finde es wunderbar, dass ich keine Spinnerin mehr bin.“

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